Jugendkriminalität

Besserungsanstalten als Utopie

Von Nadine Voß
09.01.2008
, 20:33
Hinter Gitter - für viele ein Weg ohne Zurück
Allerlei Camps und Projekte werden dieser Tage vorgestellt, die neue Wege bei der Bekämpfung von Jugendkriminalität gehen. Mit Haftanstalten wollen sie nicht verglichen werden. Zu Recht.

Am schwierigsten findet Julian* Regel 4: „Ich begegne anderen höflich und mit Achtung.“ Die Regeln, die unter Gefängnisinsassen gelten, sind da einfacher zu beachten: „Wenn mich da einer anmacht, schlag ich ein paar mal zu. Irgendwann wissen die dann, dass die das nicht mit mir machen können, und lassen mich in Ruhe“, sagt der 17 Jahre alte Häftling. Regel 4 ist eine von acht Regeln, die das „Projekt Chance“ in Creglingen zusammenhalten. Das gibt es seit 2003.

Es war das erste Mal, dass in Deutschland der Jugendstrafvollzug „in freien Formen“ erprobt wurde. Zurzeit lernen dort 15 jugendliche Straftäter, die Regeln und Gesetze zu akzeptieren, die sie schon ungezählte Male gebrochen haben. Verstößt einer von ihnen gegen Regel eins bis acht, muss er zurück in die Justizvollzugsanstalt Adelsheim. Schaffen sie es, sich anzupassen, können sie den Rest ihrer Haftzeit in dem umgebauten Bauernhof verbringen, der inmitten des 151-Einwohner-Dorfes Frauental in Baden-Württemberg liegt, ohne Schutzmauern, ohne Gitter.

Eine Stunde an die frische Luft

Die große Mehrheit der etwa 7000 jugendlichen Häftlinge in Deutschland verbüßt ihre Haft im herkömmlichen Vollzug der staatlichen Justizvollzugsanstalten. Dort landen die härtesten Fälle. In der Jugendstrafanstalt Berlin (JSA) sitzen zurzeit insgesamt 545 Häftlinge im Alter von 14 bis 21 Jahren, Plätze gibt es 534. Im geschlossenen Vollzug werden die Häftlinge in Einzelzellen gesperrt, die sie morgens für eine Ausbildung, Beschäftigung oder den Schulbesuch verlassen, wenn sie dort einen Platz bekommen haben.

Alternativer Strafvollzug: Hier im Trainingscamp des ehemaligen Boxers Kannenberg
Alternativer Strafvollzug: Hier im Trainingscamp des ehemaligen Boxers Kannenberg Bild: AP

Insgesamt gibt es etwa 100 Schul- und Berufsschulplätze. Wer keinen Platz hat und auch sonst nicht beschäftigt werden kann, weder mit Müllsammeln im Innenhof noch mit anderen Hilfsarbeiten, bleibt auch morgens in seiner Zelle. Mittags werden alle Häftlinge eingeschlossen und nachmittags, je nach personeller Besetzung, für bis zu drei Stunden herausgelassen in den Gang ihres Trakts, möglicherweise auch für eine Stunde an die frische Luft. Fernseher sind untersagt.

Elf Handwerksberufe können kennengelernt werden

Die Häftlinge im offenen Vollzug dürfen tagsüber etwa für eine Beschäftigung das Anstaltsgelände verlassen und erhalten, wenn sie zuverlässig sind, auf Antrag zusätzlich Ausgang; schlafen müssen sie in der JSA.

Julians Tag in Creglingen beginnt mit Joggen. Sein Stundenplan enthält keine freie Minute, er leistet vier „Arbeitseinheiten“, im Schulunterricht oder beim Umbau des Bauernhofs, in dem die Jugendlichen wohnen. Das Stalldach wurde neu gedeckt, im Haupthaus wird gerade eine neue Treppe gebaut. Die Jugendlichen können hier elf Handwerksberufe kennenlernen. Sie bewegen sich frei auf dem Gelände des Bauernhofs, haben zu Beginn Doppelzimmer, ziehen in Einzelzimmer, wenn sie gezeigt haben, dass sie sich in das strenge Regelwerk einfügen.

Das Creglinger Projekt nimmt nur sorgfältig ausgewählte Jugendliche auf. Keine Chance auf einen Platz haben Sexualstraftäter und Täter von Brandstiftungsdelikten, Jugendliche mit mehr als einer Haftstrafe ohne Bewährung oder einer Strafe von mehr als drei Jahren, ebensowenig drogenabhängige und aktuell therapiebedürftige Häftlinge.

Creglingen würde in Berlin nicht funkltionieren

Eine Jugendstrafanstalt wie die in Berlin muss auch diese Jugendlichen aufnehmen. Hier werden die Jugendlichen auf fünf Häuser des geschlossenen Vollzugs verteilt. In Haus acht etwa sind Drogenabhängige untergebracht, in Haus zwei leben vor allem Gefangene mit langen Strafzeiten, Sexualstraftäter, psychiatrienahe Fälle und Gefangene mit schweren Persönlichkeitsstörungen, sie erhalten therapeutische Hilfe. In den 50 Hafträumen des Hauses eins sitzen Jugendliche, deren Haft auf zwei bis fünf Jahre angesetzt ist, sie haben zumeist Eigentums- und Gewaltdelikte begangen.

Fälle wie in Creglingen, die gebe es bei ihm gar nicht, sagt Marius Fiedler, Leiter der JSA Berlin: „Die Jugendlichen, die in Projekte wie das in Creglingen kommen, wären in Berlin wahrscheinlich auf Bewährung frei. Das sind nicht die Fälle, mit denen wir es hier zu tun haben.“ Solche Projekte seien zwar für eine kleine Gruppe hilfreich, doch setzten sie eine Gemeinschaftsfähigkeit voraus, die die meisten seiner Häftlinge nicht mitbrächten. Die Probleme des deutschen Jugendstrafvollzugs ließen sich mit vereinzelten Projekten nicht lösen.

Geschlossener Vollzug kann auch Vorteile haben

Im Jahr 2003 habe eine Untersuchung ergeben, dass 300 der durchschnittlich 1200 Gefangenen, die die JSA Berlin im Jahr durchlaufen, in eine kinder- und jugendpsychiatrische Behandlung mussten. Sie erhielten eine Therapie, nur dass für sie oft weniger Geld ausgegeben werde als für jene, die ohnehin bessere Chancen hätten, sich aus eigener Kraft in die Gesellschaft zu integrieren, sagt Fiedler. Ein Tagessatz in der JSA beträgt etwa 87 Euro, in Creglingen kostet ein Tag pro Häftling etwa 204 Euro.

Janina Deininger, Sozialpädagogin und Leiterin einer der Gruppen in Haus eins der JSA Berlin, sieht auch Vorteile des geschlossenen Vollzugs: Der besondere Leidensdruck in Haft könne besser erzwingen, dass die Täter sich mit ihrer Tat auseinandersetzen. So könne in Einzelgesprächen erreicht werden, dass der Jugendliche überhaupt Verantwortung für die Tat übernimmt - wenn ausreichend Personal da ist, das diese Einzelgespräche führen kann.

Keine Änderung der kriminellen Einstellung nach der Haft

Kommen die Häftlinge wieder frei, hat sich an ihrer kriminellen Einstellung oft nicht viel geändert. Das hat eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen ergeben, die europaweit größte Längsschnittuntersuchung zum Jugendstrafvollzug. Bezogen auf die gesamte Gruppe der 2400 beobachteten Jugendlichen, ließ sich nach Ende der Haft keine Änderung in der kriminellen Einstellung erkennen.

Allerdings waren darunter drei Gruppen zu unterscheiden: Ein Teil der beobachteten Häftlinge akzeptierte nach der Haft gesellschaftliche Regeln besser und reagierte auch weniger aggressiv als zu Beginn. Eine zweite Gruppe wurde im Gegenteil noch aggressiver und lehnte allgemeine Regeln mehr ab als bei Haftantritt. In einer dritten Gruppe war eine Veränderung weder in die eine noch in die andere Richtung zu erkennen.

Maßnahmen müssen am Einzelfall getroffen werden

Daniela Hosser, Leiterin des Forschungsprojekts, erklärt das Ergebnis mit den unterschiedlichen Erfahrungen, die die Jugendlichen in der Haft machen. Einige erlebten die Zeit im Gefängnis als stabilisierend, weil ihnen etwa ein geregelter Tagesablauf Halt gebe. Andere würden dort erst richtig kriminell. Ausschlaggebend sei, ob die Gefangenen in ihrer Haft die Möglichkeit haben, ihr Selbstbewusstsein zu stärken, oder ob sie die Zeit im Gefängnis als Demütigung und Einschränkung für ihre persönliche Entwicklung erfahren.

Um das Selbstbewusstsein zu stärken und so zukünftige Straftaten zu vermeiden, müssten differenzierte Maßnahmen getroffen werden, immer ausgerichtet am Einzelfall. „Das geschieht in Deutschland viel zu wenig“, sagt Hosser. Verhaltenstherapeutische Maßnahmen, die sich in Großbritannien oder den Vereinigten Staaten schon längst bewährt hätten, würden in Deutschland nur zögerlich angewandt.

Vom „Sammler“ zum „Kandidaten“ zum „Tutor“

Das Creglinger Experiment setzt hier an. Die Jugendlichen sollen Verantwortung übernehmen für sich und füreinander. Dazu dienen unter anderem Zensuren von eins bis fünf, die die Jugendlichen einander für ihr Verhalten geben. Eine Minute Verspätung zum Mittagessen zum Beispiel kostet einen Punkt. Einmal in der Woche werden die Bewertungen dann gemeinsam besprochen, und jeder muss die Fünfen auf seinem Bewertungsbogen begründen.

Zwei der Jugendlichen geben dem Betroffenen Ratschläge, wie er das Verhalten in der kommenden Woche vermeiden kann. Haben sich die Neuankömmlinge, die hier „Sammler“ heißen, in den Alltag eingefügt, können sie aufsteigen zum Rang des „Kandidaten“ und weiter zum „Tutor“. Verstöße werden mit Degradierung geahndet. Steigen sie auf, erhalten sie neue Aufgaben, sie verteilen Jobs und können mitbestimmen.

Ein Jahr Creglingen reicht nicht aus

So sollen langfristig die Mauern, die die Justizvollzugsanstalten umgeben, durch innere Grenzen ersetzt werden, die die Jugendlichen sich selbst und einander ziehen. Wenn sie freikommen, haben sie ein neues Normengerüst im Gepäck - soweit die Theorie. Die wissenschaftliche Begleituntersuchung der kriminologischen Institute der Universitäten Heidelberg und Tübingen hat jedoch ergeben, dass die Jugendlichen nach der Zeit in Creglingen strafrechtliche Normen nicht erkennbar besser akzeptieren.

Georg Horneber, Leiter des Projekts, erklärt das mit der kurzen Zeit, die bleibt, um die Probleme zu lösen, die sich über Jahre angehäuft haben. Die Jugendlichen bleiben längstens ein Jahr in Creglingen. In diesem Jahr ist an eine „Tataufarbeitung“, wie sie Vollzugsanstalten leisten sollen, nicht zu denken. „In der Regel haben die Jugendlichen, die hier sind, zwanzig oder mehr Taten begangen, das können wir nicht alles aufarbeiten“, sagt Horneber.

* Name von der Redaktion geändert

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot