Kiel

Die Gorch Fock kehrt heim

Von Stephan Löwenstein, Kiel
06.05.2011
, 22:33
Die „Gorch Fock” läuft am Freitag in Kiel ein.
Nach neun Monaten auf See, Missbrauchs-Vorwürfen und politischem Gegenwind ist die „Gorch Fock“ zurück in Kiel. Mit Hilfsmotor tuckerte sie in den Heimathafen.
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Auf der Tirpitzmole drängen sich die Menschen, Fähnchen werden geschwenkt, die Militärkapelle spielt, umliegende Schiffe tuten. Die Gorch Fock, Segelschulschiff der Deutschen Marine, kehrt in den Heimathafen Kiel zurück. Sie kommt nicht mit stolzgeschwellten weißen Segeln nach Hause, sondern tuckert mit dem Hilfsmotor rückwärts an die Mole.

Doch wer darin ein Symbol für neuen Kleinmut erblicken will, wird rasch belehrt, dass das in der Regel so ist: Sonst müsste die Besatzung noch stundenlang die Segel einpacken, während die Angehörigen warten. Mit anderen Worten: Es ist fast so wie immer, wenn das Aushängeschild nicht nur der Marine nach großer Fahrt zurückkehrt. Nur die Medien sind in ungekannt großer Zahl erschienen.

Das hat mit dem Tod der jungen Offizieranwärterin zu tun, die am 7. November vergangenen Jahres im Hafen von Salvador de Bahia aus 27 Metern Höhe aus der Takelage gestürzt ist. Zwei Monate später berichtete der Wehrbeauftragte des Bundestages Hellmuth Königshaus von Vorwürfen einer „Meuterei“ der Kadetten, was die Phantasien gewaltig beflügelte. Tatsächlich war der gesamte „Törn“ nach dem Unfall nach Hause geschickt worden, die Offizieranwärter, die auf der Gorch Fock See und Teamgeist kennenlernen sollten.

Die „Gorch Fock” legt in ihrem Heimathafen an.
Die „Gorch Fock” legt in ihrem Heimathafen an. Bild:

Beschwerden einiger junger Soldaten gegen die Stammbesatzung wurden laut: Es gebe Schikane, Anbrüllerei, Herzlosigkeit nach dem Tod der Kameradin, gar sexuelle Übergriffe und Besäufnisse. Kommentatoren verbanden dies mit Ereignissen in Afghanistan zu einer ersten Affäre des noch auf der Höhe seiner Popularität stehenden Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg.

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„Auch dieses Schiff wird in der neuen Marine seinen Platz haben“

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Der lieferte der Boulevadpresse das Zitat „Es reicht!“ und berief den Kommandanten des Schiffes, Kapitän Schatz, nach Hause. Unter einem anderen Offizier sollte die Gorch Fock zügig nach Hause segeln. War das die letzte Fahrt der Gorch Fock? Vor einem Vierteljahr sah es danach aus, aber inzwischen hat sich der Wind gelegt, der das Segelschiff in Schräglage brachte.

Heute sagt der Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Axel Schimpf: „Auch dieses Schiff wird in der neuen Marine, wie immer sie aussehen wird, seinen Platz haben.“ Er sehe keinen Grund, die Gorch Fock in Frage zu stellen. Und in Berlin lässt der neue Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) verlauten, man werde nicht leichtfertig eine so schöne Tradition „über Bord werfen“.

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Verschiedene Umstände haben zur Beruhigung beigetragen. Es gibt einen neuen Minister, der das Jagdfiber der politischen Konkurrenz in Berlin (noch) nicht so weckt wie sein Vorgänger und der anders als Guttenberg gewillt ist, Vorfälle nicht an sich zu ziehen, um von oben einzuwirken, sondern sie der Hierarchie zu überlassen.

Eine Untersuchung der Marine hat sich mit den Vorwürfen befasst, die an den Wehrbeauftragten herangetragen worden waren. Sie relativiert vieles - aus der Sicht von Königshaus zu viel, aber auch hier ist die heiße Luft der Empörung entwichen. Ende Mai wird die Havariekommission den Unfall der jungen Frau abschließend untersuchen, dann wird auch die Staatsanwaltschaft Kiel mitteilen, ob sie Anlass für eine strafrechtliche Verfolgung sieht.

„Mehr wert. als sie kostet“

Die Marine stellt sich jedenfalls darauf ein, dass sie Schiff und Ausbildungskonzept überholen und die Gorch Fock dann wieder als Schulschiff in Betrieb nehmen kann. An der Marineschule in Mürwick soll ein Übungsmast aufgestellt werden, wo die Anwärter künftig „trocken“ Klettern üben, ehe sie auf See in die Wanten geschickt werden. Dabei könne man auch besser erkennen, wer Höhenangst habe, heißt es. Über allem schwebt freilich die Ungewissheit, wie die Struktur der Bundeswehr und der Marine nach der von de Maizière fortgesetzten Reform sein wird. Doch am Geld, das machte Admiral Schimpf auch schon klar, soll es nicht scheitern. Die Gorch Fock sei „mehr wert, als sie kostet.“

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Den knapp 200 Männern und Frauen, die nach neun Monaten zurückgekehrt sind und die Strecke einer Weltumfahrung zurückgelegt haben, muss diese Geschwindigkeit der Ereignisse merkwürdig vorkommen. Zwar waren sie nicht „aus der Welt“: Dank Satellitentechnik konnten sie telefonieren und sich erzählen lassen, was in der Heimat los war.

Aber auf diese Weise von den Vorwürfen und politischen Turbulenzen zu hören, ohne wirklich eingreifen zu können, dürfte die Sache nicht leichter gemacht haben. „Wir waren am anderen Ende der Welt und konnten uns nicht wehren,“ sagt der Hauptgefreite Nick Burmester. „Es gibt Tage im Sturm, da ist das Leben an Bord sehr belastend.“ Unten auf der Mole steht Burmesters Vater; er hat für die Angehörigen, die ihren Nick auf einem Plakat begrüßen, Fähnchen gebastelt: „Gorch Fock muss bleiben.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenportät / Löwenstein, Stephan
Stephan Löwenstein
Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.
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