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Kindesmissbrauch

Eine ernüchternde Bilanz

Von Heike Schmoll, Berlin
Aktualisiert am 28.01.2020
 - 18:40
Matthias Katsch, Sprecher der Betroffeneninitiative Eckiger Tisch e.V., Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Regisseurin Caroline Link und Silke Noack, Leiterin des Hilfetelefons Sexueller Missbrauch
Vor zehn Jahren wurde der Missbrauchsskandal am Berliner Canisius-Kolleg öffentlich. Obwohl Tausende Kinder Opfer sexuellen Missbrauchs wurden, wird das Thema immer noch nicht ernst genug genommen.

Auf dem Rechner waren lauter Missbrauchsabbildungen von Kindern zu finden. Das hat eine Lehrerin, die ihren Rektor für einen Tag vertreten hat, nach der Arbeit an seinem Bildschirm berichtet. „Kann das wirklich sein“, mag sie in ihrer Ratlosigkeit gefragt haben und rief beim Hilfetelefon für Sexuellen Missbrauch an. Das Hilfetelefon ist eine Einrichtung des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.

Ein verzweifelter Vater meldete sich und erzählte davon, dass der Eishockeytrainer seinen Sohn missbraucht habe. Der Trainer des Sohnes war ein Freund der Familie, der gemeinsame Sommerurlaub mit ihm und seiner Familie stand bevor. 100.000 solcher Anrufe sind in den vergangenen zehn Jahren beim Hilfetelefon eingegangen, wie dessen Leiterin Silke Noack am Dienstag in Berlin berichtete. 45 Prozent der Anrufer waren Erwachsene, die häufig zum ersten Mal über ihre Missbrauchserfahrungen in der Kindheit sprechen wollten. 40 Prozent der Anrufer waren Angehörige von Kindern und Jugendlichen, bei denen sie Missbrauch vermuteten und 15 Prozent Fachkräfte, die in ihrem beruflichen Kontext Rat und Unterstützung beim Hilfetelefon suchten.

Fernsehspot „Anrufen hilft“

Beraten werden sie von 21 Männern und Frauen, die psychologisch oder pädagogisch ausgebildet sind und jahrelang Erfahrung in Beratung und Begleitung bei sexuellem Missbrauch haben. Die betroffenen Kinder und Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren nehmen das Hilfetelefon bisher so gut wie nicht in Anspruch. Das soll sich jetzt durch den neuen Fernsehspot „Anrufen hilft“ ändern, den die Regisseurin Caroline Link produziert hat. Link ist die Regisseurin der Filme „Nirgendwo in Afrika“ und „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“. In dem Spot sind nachdenkliche, verängstigte Kindergesichter zu sehen, die Fragen stellen wie „darf er das“, „bin ich schuld“, „warum macht sie das“? Der Spot läuft im Fernsehen, in Kinos und in sozialen Netzwerken.

„Die Gesellschaft muss erkennen, dass es sich um ein Megathema handelt, das alle angeht“, sagte der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs Johannes-Wilhelm Rörig im Hinblick auf die 200.000 bis eine Million Betroffenen.

Zehn Jahre nachdem der Missbrauchsskandal am Canisius-Kolleg in Berlin öffentlich wurde, zog er eine ernüchternde Bilanz. Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche werde von Teilen der Gesellschaft noch immer viel zu gelassen hingenommen, obwohl Tausende von Kindern im Jahr Opfer sexuellen Missbrauchs, sexuellen Mobbings, Cybergroomings oder von Kinderpornographie würden. Die Polizeiliche Kriminalstatistik verzeichnet jährlich über 20.000 Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs und Missbrauchsabbildungen von Kindern. Hinzu kämen Tausende von Fällen im Dunkelfeld.

Zwar ist es immerhin gelungen, im Jahr 2012 das Bundeskinderschutzgesetz in Kraft zu setzen und die Verjährungsfristen bei Kindesmissbrauch zu verlängern, doch das genügt dem Missbrauchsbeauftragten nicht. Rörig forderte einen Pakt der uneingeschränkten Unterstützung aller Bürger, des Bundes, der Länder und Kommunen, der politischen Parteien, der Zivilgesellschaft wie Kirchen, Wohlfahrt, Sport, aber auch des Gesundheitswesens und der Internetwirtschaft. Das Ziel müsse eine „maximale Reduktion“ der Missbrauchsfälle sein. Jugendämter, Fachberatungsstellen und Ermittlungsbehörden müssten personell und finanziell besser ausgestattet sein, sagte Rörig.

Weil es nicht gelungen ist, die Missbrauchsfälle in Staufen, Lügde oder Bergisch Gladbach zu verhindern, plädiert der Missbrauchsbeauftragte, der nicht weisungsgebunden ist und keiner Fachaufsicht unterlegt, für eine deutliche Schärfung der Ermittlungsinstrumente. Eine EU-rechtskonforme Vorratsdatenspeicherung hält er für unverzichtbar. Für Fälle des Cybergroomings, also der Anbahnung von Kontakten mit Kindern und Jugendlichen im Netz, wurde die Vorratsdatenspeicherung gegen die Stimmen von FDP, Grünen und Linken im Bundestag schon durchgesetzt. Röring ist das zu wenig.

Bessere Schutzkonzepte

Er hält gesetzliche Meldepflichten zu Missbrauchsabbildungen im Netz und einen gesellschaftspolitischen Diskurs zum Verhältnis Datenschutz und Kinderschutz für nötig. Alle Einrichtungen, denen Kinder anvertraut sind, müssten künftig gesetzlich zur Entwicklung und Anwendung von Schutzkonzepten gegen sexuellen Missbrauch verpflichtet werden. Dafür solle ihnen die nötige Unterstützung zugesichert werden. „Es darf in den kommenden Jahren keine Kitas, Schulen, Gemeinden oder Sportvereine mehr geben, die sich nicht als Schutzorte für Kinder verstehen und entsprechende Präventionskonzepte umsetzen.“

Die Länder sollten ihre Schulgesetze entsprechend ändern. Wer dauerhaft verantworte, dass nichts oder viel zu wenig für Schutz und Hilfe getan werde, laufe Gefahr, „sich dem Vorwurf der Duldung auszusetzen“. Bei der Kultusministerkonferenz (KMK) zeigte man sich grundsätzlich offen für den Vorschlag, Einzelheiten seien mit dem Unabhängigen Beauftragten zu klären, hieß es beim Sekretariat der KMK in Berlin gegenüber dieser Zeitung.

Der Verantwortung stellen

Matthias Katsch von der Betroffeneninitiative Eckiger Tisch e.V. warf den Kirchen vor, Aufklärung und Aufarbeitung verschleppt zu haben. Erst jetzt begännen sie, sich ihrer Verantwortung zu stellen. Mit der katholischen Kirche wurde nach Rörigs Angaben eine Erklärung ausgehandelt, wonach zur Aufarbeitung von Missbrauchsfällen künftig auch externe Fachleute Zugang zu den Kirchenakten bekommen sollen. Allerdings müssten sich dazu alle Bischöfe verpflichten. Um Entschädigungszahlungen für Betroffene wird weiter gerungen. Katsch hält sechsstellige Summen als Pauschalbetrag oder nach Einzelfallprüfung zwischen zehntausend und bis zu 400.000 Euro für angemessen.

Sportverbände und evangelische Kirche lehnen ein Entschädigungssystem mit pauschalen Zahlungen ab. Die Deutsche Bischofskonferenz teilte anlässlich des zehnten Jahrestages mit: „Wir empfinden das bis heute als tiefen Einschnitt, der uns beschämt und herausfordert.“ Es gelte weiterhin, die Prävention zu verbessern. Sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche seien noch immer in der Anfangsphase der Aufarbeitung und noch längst nicht am Ziel. In einzelnen Diözesen sei aber ein gesteigertes Tempo zu verzeichnen. In den Orden habe sich noch viel zu wenig getan, so Rörig.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmoll, Heike
Heike Schmoll
Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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