Kirche in der DDR

Was die Katholiken im Osten prägte

Von Daniel Deckers
02.10.2020
, 20:59
Für den Magdeburger Bischof Gerhard Feige haben die Katholiken in der DDR bewiesen, dass die Kirche auch unter „komplizierten und armseligen Verhältnissen“ leben kann.

Während der vier Jahrzehnte der deutschen Teilung gab es – je länger, desto weniger – Organisationen, die institutionell wie praktisch eine gesamtdeutsche Klammer bildeten: eine von ihnen, vielleicht die stärkste, war die katholische Kirche. Die acht evangelischen Kirchen auf dem Boden der DDR hatten sich 1969 von der EKD getrennt und gingen seither als „Bund der evangelischen Kirchen in der DDR“ (BEK) eigene Wege. Die katholischen Bischöfe beiderseits der innerdeutschen Grenze mussten sich hingegen den Versuchen des Vatikans erwehren, die in Ostdeutschland liegenden Territorien der Bistümer Osnabrück, Paderborn, Fulda und Würzburg vom Westen zu trennen und zu selbständigen Bistümern aufzuwerten. Gelöst wurde dieser Konflikt zwischen der katholischen Kirche in Deutschland und dem Vatikan erst nach dem Tod von Papst Paul VI. im Jahr 1978. Sein Nachfolger Johannes Paul II. sah keinen Grund, den DDR-Kommunisten entgegenzukommen.

Dieser Konflikt ist dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung weitgehend vergessen – wie so vieles, was das Leben der Katholiken in der DDR über vierzig Jahre hinweg geprägt hat. Das gilt nicht nur für die Geschichten der in die Millionen gehenden Zahl katholischer Flüchtlinge und Vertriebener aus dem Sudetenland, aus Schlesien oder dem Ermland, die sich nach 1945 mit einem Mal im Kernland der Reformation wiederfanden und von denen die meisten schnell in den Westen weiterzogen. Mit der „Ergebnisgeneration“ verschwinden allmählich auch die Erinnerungen an das Leben in den siebziger und achtziger Jahren in den Pfarrgemeinden, die mit ihren Familienkreisen, dem Religionsunterricht und Jugendfreizeiten ein Schutz- und Freiraum gegenüber dem totalitären Zugriff des SED-Staates auf Familie und Gesellschaft waren.

Dennoch wirken manche Prägungen aus der DDR-Zeit noch heute nach – wenngleich sie sich eher innerhalb der katholischen Kirche in Deutschland bemerkbar machen. Bis 1989 befanden sich die Katholiken in der DDR in einer doppelten Minderheitsposition: gegenüber dem religionsfeindlichen Staat wie gegenüber der evangelischen Kirche. Heute sind sie es in einer dreifachen Hinsicht: gegenüber den evangelischen Christen, deren Zahl zwar stark geschrumpft ist, aber die ein Vielfaches an Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen unterhalten; zweitens gemeinsam mit den Protestanten inmitten einer nichtchristlichen Bevölkerungsmehrheit in den nicht mehr ganz neuen Ländern; und drittens in der katholischen Kirche in Deutschland selbst: von den noch etwa 22,6 Millionen Katholiken hierzulande leben gerade einmal 830.000 zwischen Ostsee und Erzgebirge, davon allein 320.000 in der Stadt Berlin.

Bei der Predigt musste man zwischen den Zeilen lesen

Wie zu DDR-Zeiten, so geht das Leben als Minderheit nicht mit einem überbordenden Mitteilungsbedürfnis einher. Die „typisch ostdeutsche Bescheidenheit“ wirke noch immer fort, beobachtet der Magdeburger Bischof Gerhard Feige, der lange Professor für Alte Kirchengeschichte an der einzigen Priesterausbildungsstätte auf dem Boden der DDR war, dem Philosophisch-Theologischen Studium in Erfurt. Außerdem seien die Regeln der Kommunikation mittlerweile andere: „In der DDR lernten wir, zwischen den Zeilen zu lesen und zu sprechen. Da konnte man entsprechend predigen und wusste, die Leute verstehen es. In dieser neuen Gesellschaft muss man brutaler argumentieren, um gehört zu werden“, so die Erfahrung des mittlerweile 68 Jahre alten gebürtigen Hallensers.

Trotzdem könnten sich die Katholiken im Westen von ihren Geschwistern im Osten noch heute manches abschauen, meint Feige: vor allem, „dass die Kirche auch unter solchen komplizierten und armseligen Verhältnissen leben kann“. Dabei zeichnet Feige mitnichten ein Idealbild von der Kirche in der DDR und in den drei Jahrzehnten seit der Wiedervereinigung. So hätten sich die Bischöfe erst in den letzten Jahren der DDR gesellschaftlichen Bewegungen wie der „Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ geöffnet, gibt Feige zu bedenken.

Was aber ihn und viele andere Katholiken bis heute prägt, ist Skepsis gegenüber jeder Ideologie, auch innerhalb der Kirche. „Der DDR-Staat war ein in sich geschlossenes System, in dem es auf jede Frage eine Antwort gab.“ Manches, was sich in der katholischen Kirche bis heute abspielt, lässt diese Zeit wieder lebendig werden. Eine Kirche, „wo alles stimmig ist und der Mensch sich anpassen muss oder er fällt raus“, ist nicht die Seine. Diese Haltung lässt ihn im Streit über die Teilnahme wiederverheirateter Geschiedener an der Eucharistie oder auch Fragen der Ökumene als „Progressiven“ erscheinen. Doch es sind die biographischen Prägungen, die Feige zu der letzten markanten Stimme des Ostens unter den deutschen Bischöfen hat werden lassen.

Freilich will man in der saturierten Kirche der alten Bundesrepublik bis heute wenig bis gar nichts vom Osten wissen, geschweige denn lernen. Die „Feier der Lebenswende“, ein Übergangsritual für Nichtgetaufte anstelle von Jugendweihe, Firmung und Konfirmation, ist nach wie vor ebenso eine ostdeutsche Eigenheit wie die RKW, die Religiöse Kinderwoche. Dasselbe „Kennen wir nicht, brauchen wir nicht“ zeigt sich in Missachtung der Berücksichtigung der Universität und des Priesterseminars Erfurt bei der geplanten Neuausrichtung der bundesweiten Priesterausbildung. Und in einem großangelegten Projekt unter dem Dach der katholischen „Kommission für Zeitgeschichte“, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird, dreht sich alles um den Katholizismus in der Bundesrepublik der sechziger und siebziger Jahre. Die DDR wird systematisch ausgeblendet.

Ähnliches passiert in der Debatte über die kirchliche Profilierung der Caritas-Einrichtungen. Längst ist auch im Osten die Caritas-Arbeit aus den meisten Gemeinden in professionelle Einrichtungen und Dienste ausgewandert. Und längst gehört im Osten die große Mehrheit der Mitarbeiter in katholischen Krankenhäusern, Kindergärten und Pflegeeinrichtungen nicht einer Kirche an. Das ist aber kein Grund, solche Einrichtungen aufzugeben. „Wir versuchen, die Mitarbeiter mit Kirche vertraut zu machen“, sagt Feige. Caritas sei nicht nur ein Türschild, sondern lebe durch das, was die Mitarbeiter an Qualitäten mitbrächten und worin sie im Licht der christlichen Botschaft von der unverfügbaren Würde des Menschen bestärkt würden.

Überhaupt möchte Feige von Kirche unter den Bedingungen der „Neuzeit“ nicht anders sprechen als von einer „wesentlich diakonischen“. Sicher seien die Einrichtungen der Caritas das Aushängeschild der Kirche in der Gesellschaft. „Aber wir sind hier nicht die Macher, und wir haben auch nicht das Sagen.“ Wenn die Kirche den Menschen helfen wolle, den Horizont weit zu halten und mit Hilfe des Evangeliums den Sinn des Lebens zu erschließen, dann auf diese diakonische, dienende Weise, auch auf dem Feld der Gottesdienste und des Glaubenszeugnisses im Alltag.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Deckers, Daniel
Daniel Deckers
in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.
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