Kirchen zur Sterbehilfe

Das Leben bejahen – und nicht jeden Fall regeln

Von Daniel Deckers
15.03.2022
, 18:53
Kreuze auf einem Friedhof in Österreich
Beim Thema Sterbehilfe waren Katholiken und Protestanten oft unterschiedlicher Meinung. In Niedersachsen sprechen evangelische Geistliche und katholische Bischöfe jetzt mit einer Stimme.
ANZEIGE

Die evangelischen Leitenden Geistlichen und die katholischen Bischöfe in Niedersachsen halten Suizidassistenz als „institutionelles Angebot“ mit dem kirchlichen Selbstverständnis für nicht vereinbar. Nicht pauschal beantwortbar sei indes die Frage, ob Beihilfe zum Suizid in „Grenz- und Notsituationen“ in kirchlichen Häusern geduldet werden könne. In der Ökumenischen Stellungnahme, die der F.A.Z. exklusiv vorliegt, heißt es dazu, in jedem Fall müsse neben der Selbstbestimmung des Suizidwilligen auch die Verantwortung für Mitbetroffene berücksichtigt werden, etwa für die Angehörigen, die Mitbewohner und die Mitarbeiter.

Namhafte evangelische Theologen, darunter der Präsident der Diakonie, Ulrich Lilie, und der hannoversche Landesbischof Ralf Meister, hatten zu Beginn des vergangenen Jahres in der F.A.Z. dafür plädiert, Suizidwilligen in diakonischen Einrichtungen „unter kontrollierten und verantworteten Rahmenbedingungen in einem aus dem christlichen Glauben entspringenden Respekt vor der Selbstbestimmung Beratung, Unterstützung und Begleitung anzubieten“.

ANZEIGE

„Alternativen zu einer Selbsttötung stark machen“

Seither ringen karitative und diakonische Einrichtungen um eine Haltung, die sowohl dem Tenor des Sterbehilfe-Urteils des Bundesverfassungsgerichts vom 26. Februar 2020 als auch dem christlichen Verständnis von Autonomie als einer relationalen, mit Verantwortung einhergehenden Freiheit gerecht wird. Die Kirchenleitungen in Niedersachsen stärken nun die Position derer, die kategorische Festlegungen derzeit für nicht ratsam halten. Zugleich wollen sie das Gewicht aller kirchlichen Einrichtungen in die Waagschale werfen, um „Alternativen zu einer Selbsttötung“ stark zu machen und dadurch zu verhindern, dass Suizid zu einer gesellschaftlichen Normalität wird.

Unabdingbar sei vor allem ein signifikanter Ausbau niedrigschwelliger Angebote zur Suizidprävention. „Fachlich kompetente und menschlich zugewandte Hospizarbeit und Palliativversorgung fördern die Lebensqualität und ein Sterben in Würde“. Auch den evangelischen und katholischen Beratungseinrichtungen und -angeboten kommt eine wichtige Rolle zu. Menschen, die den Wunsch nach Suizidassistenz äußerten, benötigten eine „leicht zugängliche, unabhängige und multiperspektivische Beratung, auch über Maßnahmen zur Linderung von körperlichen, psycho-sexuellen und existenziellen Leiden beziehungsweise zur Steigerung der Lebensqualität.“

Zweifel lassen die Geistlichen hingegen daran erkennen, ob der Bundestag bei der Erstellung eines legislativen Schutzkonzepts gut beraten wäre, jeden denkbaren Einzelfall zu berücksichtigen. Von außen nicht beurteilbare Grenzsituationen, so die Geistlichen, ließen sich nicht gesetzlich regeln, sondern „im wechselseitigen Vertrauen auf der Ebene der Beziehung zwischen Sterbewilligen und Ärztinnen und Ärzten klären“. Für Mitarbeiter in kirchlichen Einrichtungen wiederum wollen sie Bildungs- und Beratungsangebote etablieren, um die ihnen anvertrauten Menschen in allen Lebenslagen kompetent und solidarisch unterstützen zu können. „Wir machen unsere lebensbejahende Einstellung klar und wollen zugleich niemanden alleine lassen“, heißt es salomonisch.

ANZEIGE
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Deckers, Daniel
Daniel Deckers
in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.
  Zur Startseite
Lesermeinungen
Alle Leser-Kommentare
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Immobilienbewertung
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
Sprachkurs
Lernen Sie Englisch
Kapitalanlage
Pflegeimmobilien als Kapitalanlage der Zukunft
Automarkt
Top-Gebrauchtwagen mit Garantie
Gasvergleich
Gas vergleichen und sparen
Zertifikate
Ihre Weiterbildung im Compliance Management
ANZEIGE