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SPD-Drama

An die Gurgel

Von Berthold Kohler
 - 18:57

Nun schlagen die Wellen der Empörung über der Politik und ihren Protagonisten wieder zusammen wie das Meer über dem Pharao und seinem Heer. Was für ein schmutziges Geschäft! Lug und Trug und Verrat! Ein einziges Geschacher um Macht, Posten und Privilegien!

Überrascht kann die politische Kaste nicht von dem Volkszorn sein, der sich jetzt über sie ergießt. Sollte nicht, wie so oft von ihr beteuert, erst das Land kommen, dann die Partei, dann die Personalfrage? Der Hauen-und-Stechen-SPD nimmt das derzeit kaum noch einer ab. Und selbst in der kreuzbraven CDU macht der Vorwurf die Runde, Merkel habe in den Koalitionsverhandlungen alles aufgegeben, was ihr ohnehin nie heilig gewesen sei, nur um im Kanzleramt bleiben zu können.

Ist Politik tatsächlich eine solche Droge, dass Parteifreunde sich, bildlich gesprochen, an die Gurgel gehen, um weiter an der Quelle des süßen Gifts sitzen zu dürfen? Ist die Angst vor der Frühpensionierung so groß, wo doch viele Deutsche schon mit 38 begeistert in Rente gingen, wenn ihre Altersversorgung so aussähe wie die von Merkel oder Schulz?

Shitstorm und Schlafmangel

Wer es in der Politik nach ganz oben schaffen will, muss in der Tat starke Motive haben – und eine starke Persönlichkeit. Das oft unterstellte pralle Bonzenleben wartet dort, wo die Luft dünn, aber bleihaltig wird, nicht. Häufiger als Sekt gibt es Stress, Streit, Shitstorm, Schlafmangel. Die Fehlentscheidungen, die Merkel und Schulz trafen, wirken nicht ganz so unerklärlich, wenn man sich das höllische Programm vor Augen hält, das beide seit dem vergangenen Sommer absolvieren mussten. Die Kanzlerin zahlt zwölf Jahren auf dem Eisernen Thron Tribut. Das hält nur durch, wer eine unverwüstliche körperliche und vor allem auch psychische Konstitution hat. Zwischen „Hosianna“ und „Kreuziget ihn!“ muss in der Politik, wie aktuell zu verfolgen, nicht viel Zeit liegen.

Der Weg nach oben ist auch im politischen Metier ein Ausleseprozess. An die Spitze gelangen die Willensstarken, die von sich und ihren Vorstellungen felsenfest überzeugt und bereit sind, dafür zu kämpfen. Dass solche Charaktere ihre Posten nicht gerne und leicht aufgeben, soll auch schon in der freien Wirtschaft beobachtet worden sein. Dort finden die Macht-, Verteilungs- und Hahnenkämpfe meistens hinter hermetisch verschlossenen Türen statt. Politik aber ist ein öffentliches Geschäft und muss es in der Demokratie bleiben. Dafür hat auch die Presse zu sorgen.

Doch fördert die beklagte „Niedertracht und Charakterlosigkeit“ nicht auch die Politikverdrossenheit, vor der jetzt wieder gewarnt wird? Sollten, was schon seit der Antike (vergeblich) gefordert wird, Politiker nicht tadellose Vorbilder sein für das Volk, das an sich selbst nicht ganz so strenge Maßstäbe anlegt? Müssten sie nicht immer nur am allgemeinen, nie am eigenen Wohl interessiert sein – obwohl einem verbreiteten Glauben nach das Streben nach dem eigenen Gewinn, wie immer man ihn definiert, am Ende doch allen nutzen soll?

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Personaldebatte in der SPD
Ein bisschen Funkstille

Die deutsche Sehnsucht nach dem politischen Übermenschen ist so groß, dass immer wieder einmal einer dazu gemacht wird, zuletzt der Einhundert-Prozent-Schulz. Daran beteiligen sich viele: die Politiker selbst, ihre Parteien, die Medien und auch das Publikum. Und die nächsten Kandidaten, denen es selbstverständlich ausschließlich um die Sache geht, stehen schon bereit: Kühnert, Spahn, Günther. Die Personalisierung der Politik wird von allen Seiten betrieben. Das Publikum buht – und sieht hin. Denn was interessiert die Leute denn wirklich am politischen Geschehen? Doch nicht Paragraph 13 Absatz 5 einer europäischen Richtlinie oder die Haltung der Grünen zur Krümmung von Dachrinnen. Interessant ist vor allem die Macht- und die Personalfrage, das „Wer wen?“, um es mit Lenin zu sagen.

Ein Lehrstück über das Wesen der Politik

Das Drama in der SPD ist ein Lehrstück über das Wesen der Politik und den menschlichen Faktor in ihr. Das Personal, die „Elite“, zeigt sich derzeit zwar nicht von seiner besten Seite, ist aber mitnichten so durchgehend verkommen, wie nun mitunter mit deutschem Furor behauptet wird. Ja, Schulz brach sein Wort, als er, der nie in ein Kabinett Merkel eintreten wollte, am Ende wenigstens noch den Posten des Außenministers zu erhaschen suchte. Doch gab er den Anspruch wie zuvor den Parteivorsitz sogleich auf, als seine eigene Partei(führung) ihn dazu aufforderte. Er musste nicht von der Polizei abgeführt werden. Mit dem, was „Wortbruch“ und „Festklammern“ in anderen Demokratien bedeuten können, von den Despotien dieser Welt ganz zu schweigen, kann Schulz’ Odyssee durch die deutsche Innenpolitik mit ihrem am Ende kläglichen Schiffbruch nicht mithalten. Das Willy-Brandt-Haus mag derzeit wie ein Kartenhaus erscheinen; ein „House of Cards“ ist es so wenig wie Sigmar Gabriel ein Frank Underwood.

Niemand hat Schulz gezwungen, eine Laufbahn einzuschlagen, die für ihn, auch aus eigenem Verschulden, in einem Albtraum endete. Eine freiheitliche Demokratie aber ist darauf angewiesen, dass es weiter Leute gibt, die den Weg in die Politik nehmen wollen. Sie finden sich zum Glück in allen Parteien, immer noch. Darüber kann man sich in solchen Zeiten fast noch mehr wundern als über alles andere.

Quelle: F.A.Z.
Berthold Kohler
Herausgeber.
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