Corona-Maßnahmen

Nicht nur auf die Inzidenz blicken

EIN KOMMENTAR Von Thomas Holl
12.07.2021
, 19:52
Nicht nur die Inzidenz als Indikator: Zahl der Corona-Patienten in Krankenhäusern soll ebenfalls entscheidend sein für Maßnahmen.
Bis jetzt waren die Inzidenzwerte die Richtschnur für politische Entscheidungen über Lockdown und Lockerungen. Durch den Impfschutz für die Risiko-Gruppen hat sich die Lage geändert. Ein andere Zahl sollte ebenso für Corona-Maßnahmen wichtig sein.
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Noch vor dem Wetterbericht gehört die Bekanntgabe der täglichen Inzidenzzahlen für die meisten Deutschen seit mehr als einem Corona-Jahr zum festen Bestandteil ihres Nachrichtenkonsums. Auch die Entscheidungen der Politik über Lockdown und Lockerungen haben sich vor allem an dieser Fieberkurve der Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Menschen innerhalb von sieben Tagen ausgerichtet. Viele Wirtschaftsvertreter, einige Virologen und Oppositionspolitiker kritisieren dieses „Starren“ auf die Inzidenz als wichtigstes Kriterium für Corona-Maßnahmen schon seit Monaten als falsch. Doch zu einer Zeit, als Impfstoff erst nicht verfügbar und später knapp war, gaben die Inzidenzwerte Bund und Ländern ein brauchbares Frühwarnsystem an die Hand. Eine Überlastung des Gesundheitssystems durch eine nicht mehr beherrschbare Welle an schweren Krankheitsverläufen konnte so realistisch eingeschätzt und verhindert werden.

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Doch nun ist die Lage erfreulich anders, auch wenn die aggressivere Delta-Variante des Virus dominiert. Die Risikogruppe der am meisten gefährdeten, älteren Bürger ist durch eine Zweifach-Impfung weitgehend geschützt. Und viele Millionen Menschen zwischen 18 und 59 Jahren sind inzwischen ebenfalls doppelt geimpft oder kurz vor dem zweiten Piks. Auch die Intensivstationen haben sich infolge der fortgeschrittenen Impfkampagne geleert. Deshalb sollten die Fallzahlen nicht mehr die alleinige Richtschnur für politische Entscheidungen sein. Ein ebenso wichtiger Faktor muss die Zahl der Corona-Patienten in den Krankenhäusern werden. So sehen das wohl auch das Robert Koch-Institut und das Gesundheitsministerium. Dort will man auch die „Hospitalisierung“ in den Blick nehmen, um das Pandemiegeschehen zu beurteilen.

Das britische Risikomodell einer völligen Abschaffung aller Corona-Regeln auch für ungeimpfte und somit auch ungeschützte, ansteckende Menschen verbietet sich jedoch. Es wäre eine Herdenimmunität, die wohl mit weiteren zehntausend Toten und Schwerkranken erkauft würde.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Holl, Thomas
Thomas Holl
Redakteur in der Politik.
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