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Bluttest-Debatte

Das perfekte Baby

EIN KOMMENTAR Von Florentine Fritzen
 - 14:48

Der Bundestag suchte diese Woche Antworten auf zwei Fragen, eine kleine und eine große. Die kleine beantworteten die meisten Abgeordneten mit Ja. Sie lautete: Sollen die Krankenkassen einen Bluttest für Schwangere bezahlen, der nachweist, ob das ungeborene Kind das Down-Syndrom hat? Die Kassen übernehmen schon seit längerem die Kosten für viel gefährlichere Tests, bei denen in die Bauchdecke der Mutter gestochen wird. Bei jeder 100. Frau kommt es dabei zu einer Fehlgeburt. Für die meisten Abgeordneten war klar: Es kann nicht sein, dass riskante Tests bezahlt werden, aber der seit sieben Jahren zugelassene Bluttest nicht. Kassenpatienten, die ihn wünschen, müssen derzeit etwa 200 Euro dafür aufwenden.

Die Abgeordneten wollen den Bluttest aber nicht flächendeckend als Kassenleistung einführen – ein Trisomie-Screening aller Deutschen lehnen sie ab. Wie schon die invasiven Tests soll der Bluttest nur Risikoschwangeren bezahlt werden, das sind vor allem werdende Mütter über 35. Damit sind wir mitten in der großen Frage: Wie gehen wir damit um, dass es diese Tests gibt? Und nicht nur solche auf das Down-Syndrom. Forscher entwickeln Methoden, um Hinweise auf Geschlecht, Aussehen, Intelligenz zu finden und auf eine Vielzahl genetischer Anomalien. Manche haben schwere, andere kaum merkliche Folgen.

Gleich am Anfang erwähnte eine Abgeordnete Huxleys „Brave New World“. Eine andere berichtete, dass es in Island, wo die Tests bei jeder Schwangeren gemacht werden, kaum noch Kinder mit Trisomie 21 gebe. Es war die Rede von Designerbabys und dem verständlichen Wunsch junger Paare, ein perfektes Kind zu bekommen. Das wird oft beschrieben: Ein Kind müsse heutzutage ins Leben passen, zur Partnerschaft, zum Job, zur Wohnung, zur Stimmung. Das Wissen, dass ein Säugling behindert zur Welt kommen wird oder würde, stellt Paare vor die Frage: Schaffen wir das? Lautet die Antwort nein, treiben viele ab.

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Bundestag debattiert emotional
Sind Trisomie-Bluttest ethisch vertretbar?

Doch die hässliche neue Welt aus durchgestylten Menschen (oder wären das dann Menschoide?) ist Gott sei Dank fern. Humangenetiker sagen, dass es auch in Zukunft Kinder mit Down-Syndrom geben wird. Aus zwei Gründen: Die Mütter sind immer älter, was die Wahrscheinlichkeit für das Syndrom erhöht – und nie nutzen alle Frauen den Test. Die Design-welt ist aber auch deshalb fern, weil es Politiker gibt wie unsere. Wer daran zweifelt, sollte sich einmal zwei Stunden Zeit nehmen und die Debatte vom Donnerstag anschauen: Die 38 Drei-Minuten-Reden waren vernünftig, nachdenklich, problembewusst.

Mit einem Tropfen Blut lassen sich bald etliche Eigenschaften eines Ungeborenen dokumentieren. Wie gehen wir damit um? Das Streben nach Perfektion lässt sich, eben weil es menschlich ist, nun einmal nicht abstellen. Womöglich liegt in ihm aber auch der Schlüssel zum Umgang mit den Tests. Denn was als perfekt empfunden wird, definiert eine Gesellschaft selbst. Vielleicht hilft daher ein anderer Blick auf die Gen-Analysen. Wir könnten sie als Dokumente unserer Einzigartigkeit lesen. Perfekt ist dann jeder für sich, weil er einmalig ist. Perfekt ist aber auch die Summe von uns allen: So sind wir eben, die Menschen halt, und ist es nicht unglaublich, dass nie einer geboren wird, den es schon mal gab?

Mit diesem entspannten Begriff von Perfektion kommen wir weiter. Denn zum einen werden etliche vorgeburtliche Diagnosen, so interessant sie auch sein mögen, vergleichsweise irrelevant. Denn wie genau ein Kind aussieht und was für ein Mensch es wird mit allem Guten, allen Macken und Zipperlein, erfährt man sowieso erst nach der Geburt. Anders ist es mit Behinderungen – das wüssten viele schon gern vorher. Aber auch hier hilft der Gedanke der perfekten Vielfalt. Damit er möglichst viele Köpfe erreicht, muss das Leben mit behinderten Kindern machbar erscheinen. Die Inklusion funktioniert noch nicht überall gut. Viele wissen nur, dass es furchtbar anstrengend ist, ein behindertes Kind zu haben – und kaum mehr. Auch das muss sich ändern. Dann könnten auch die sorgenvollsten Selbstoptimierer ein Leben mit einem Down-Kind wagen nach dem Motto: Wir schaffen das.

Besonders wichtig ist die Beratung von Risikoschwangeren. Das beginnt schon damit, wer so eingestuft wird. Die Aus- und Weiterbildung kann helfen, dass Ärzte nicht nur die Möglichkeiten pränataler Tests im Blick haben, sondern auch die Gefühle und Gedanken derer, die sie machen lassen wollen. Oder auch nicht. Viele Abgeordnete sagten, das Recht auf Nichtwissen müsse gewahrt sein. Stimmt. Aber das Recht auf Wissen ist genauso wichtig. In einer freien Gesellschaft muss beides möglich sein: testen und nicht testen. Manche Schwangere machen den Test übrigens nicht etwa deshalb, weil sie ein Down-Kind abtreiben wollen. Sondern um sich vorzubereiten, wenn ihr Kind eine angeborene Behinderung hat.

Quelle: F.A.S.
Florentine Fritzen
Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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