Die FAZ.NET-Nachrichten-App
Kostenlos für iOS und Android
Anzeige
Krise des Konservatismus?

„Ein echter Konservativer weiß, dass alles immer schlechter wird“

Von Tatjana Heid
 - 19:22
Andreas Rödder, Historiker und Professor für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz Bild: Patricia Kühfuss

Herr Rödder, jammert der Konservative gerne?
Der Deutsche jammert gerne, der Konservative eigentlich nicht. Ein echter Konservativer weiß, dass alles immer schlechter wird, aber dass es früher auch nicht besser war.

Anzeige

Aber den Deutschen geht es ja gut: Wir haben endlich eine Regierung, eine niedrige Arbeitslosigkeit, auch die Kriminalität geht zurück. Warum geht die Politik auf das Krisengeschrei der AfD ein?
Wir erleben in Deutschland eine Wiederbelebung des Politischen in der Auseinandersetzung um die besten Lösungen. Da gibt es eine zunehmend kämpferische SPD, wie sich bei der Wahl von Frau Nahles zur Parteichefin gezeigt hat. Auf der anderen Seite wird der Ruf nach konservativen Positionen lauter, die in den vergangenen Jahren deutlich zurückgedrängt worden sind.

Was ist das überhaupt – konservativ?
Konservativ ist etwas anderes als traditionalistisch oder reaktionär. In Deutschland herrscht eine ziemliche Begriffsverwirrung. Der Konservative weiß, dass der allgemeine Wandel nicht zu verhindern ist. Er will diesen Wandel gestalten. Der Traditionalist wünscht, dass alles so bleibt, wie es ist. Und der Reaktionär möchte das Rad zurückdrehen.

Der Konservatismus hat sich in Opposition zur französischen Revolution entwickelt...
…und zur Aufklärung mit ihrem rationalistischen Fortschrittsoptimismus.

Anzeige

In der Weimarer Republik hat der Konservatismus dann die parlamentarische Demokratie bekämpft...
Der Konservatismus kennt keine ewigen Wahrheiten. Im Gegenteil: Der Konservative verteidigt heute, was er gestern bekämpft hat, zum Beispiel die Demokratie. Das ist das konservative Paradox. Im selben Moment liegt darin aber auch der Kern von konservativer Menschenfreundlichkeit. Das Bewusstsein, dass das, was wir heute für richtig halten, morgen als falsch gelten kann, schützt Konservative vor rigorosem Dogmatismus.

Der Konservatismus befindet sich also beständig in Rückzugsgefechten?
Ja. Besonders schön auf den Punkt gebracht hat das Lord Salisbury, englischer Premierminister im späten 19. Jahrhundert. Es geht darum, so hat er gesagt, den Wandel zu verzögern, bis er harmlos geworden ist. Da steckt sehr viel Weisheit dahinter.

Aber dann ist die SPD ja eine konservative Partei. Schauen wir uns ihr Festhalten an der Braunkohle an: den Wandel verzögern, bis er harmlos ist…
Wobei die SPD in Gefahr läuft, den Wandel bei der Braunkohle so lange zu verzögern, bis sie ihn verpasst hat. Konservatismus zeichnet sich vor allem durch drei Dinge aus: Erstens die Skepsis gegenüber ideologischer Selbstgewissheit, zweitens ein aristotelisches Denken, das von Alltagsvernunft und konkreter Erfahrung statt von abstrakten Theorien und Modellen ausgeht, und drittens einen Vorrang der Gesellschaft vor dem Staat. Dort liegt ein Unterschied zwischen sozialdemokratischem und konservativem Denken. Die SPD ist klassischerweise eine Partei, die stark auf das Handeln des Staates ausgerichtet ist. Das heißt aber nicht, dass konservative Denkformen nicht auch in allen möglichen Parteien vorkommen können.

Salisburys Worte bedeuten doch, dass der Konservatismus in einer ständigen Krise ist...
Ja und nein. Der Konservatismus ist ein Kind der Moderne. Er ist geboren aus dem Wandel, er kritisiert den radikalen Wandel, kann aber ohne ihn gar nicht existieren. Er entsteht ja nur als Reaktion darauf. Insofern ist Konservatismus immer in der Krise. Und eben deshalb würde ich den Konservatismus nicht in einer spezifischen Krise sehen.

Warum redet alle Welt dann darüber?
Das Reden über den Konservatismus oder seine Krise zeigt gerade die dauerhafte Bedeutung des Konservatismus. Wir haben in Deutschland, anders als in Großbritannien, keine engere parteipolitische Konstituierung des Konservatismus. Im Moment erleben wir aber, dass sich die Konservativen vor allem in der CDU zu wenig berücksichtigt fühlen. Daher gibt es eine Krise innerhalb der CDU. Aber das ist nicht zwingend eine Krise des Konservatismus.

In der Zeit vor der Bundestagswahl hatte man das Gefühl, dass konservative Parteien dieser Krise vorrangig damit begegnet sind, sich stark auf das Flüchtlingsthema zu verengen…
… hatten Sie tatsächlich diesen Eindruck?

Ja!
Die Flüchtlingsfrage ist vor der Bundestagswahl aufgekommen, weil sie ein ungelöstes Problem und mit massivem Widerspruch behaftet ist. Die Bundeskanzlerin sagt, 2015 dürfe sich nie wiederholen, aber sie würde heute wieder alles genauso machen. Die Aufwallung der Willkommenskultur und das Umschlagen ins andere Extrem nach der Kölner Silvesternacht sind eine Erfahrung, mit der diese Gesellschaft noch lange nicht fertig ist.

Was zeichnet konservative Flüchtlingspolitik aus?
Hier kommt ein entscheidendes Element konservativen Denkens zur Geltung, nämlich die Orientierung an Maß und Mitte und die Vermeidung von Extremen. Das bedeutet: die Notlage von Flüchtlingen zu erkennen und Bedürftigen zu helfen, ohne in die Extreme einer Politik der völlig offenen Grenzen oder der radikalen Abschottung zu verfallen.

Mittlerweile geht es ja nicht mehr nur um Flüchtlinge. Wir diskutieren einmal mehr, angestoßen vom konservativen Innenminister Horst Seehofer, ob der Islam zu Deutschland gehört…
Da kommt Verschiedenes zusammen. Das eine ist ein schon immer zu beobachtendes Unbehagen gegenüber dem Fremden. Das projiziert sich derzeit auf den Islam. Zugleich fordert der Islam westliche Werte heraus. Grundlagen unserer Gesellschaft wie Pluralismus und Gleichberechtigung werden in weiten Teilen des Islam, wenn man das so pauschal sagen darf, beziehungsweise von vielen Muslimen nicht respektiert.

Verteidigung unserer westlichen Werte ist das eine, eine grundsätzliche Infragestellung des Islam als Teil von Deutschland etwas anderes. Wo verläuft die Grenze zur Ausgrenzung?
In der Islamdebatte gibt es Doppelmoral auf allen Seiten. Zugespitzt formuliert: Die einen machen sich zu Vertretern von Frauenrechten, mit denen sie nie etwas am Hut hatten und mit denen sie nun bloß Islamfeindschaft kaschieren. Auf der anderen Seite bekämpfen Leute eine biodeutsche Vollzeitmutter, während sie eine vollverschleierte, nicht-erwerbstätige Muslima als Ausdruck von kultureller Diversität feiern. Da gerät manches aus den Fugen, und das reflektiert zugleich Unsicherheiten in einer Debatte, in der die Dinge tatsächlich nicht so einfach sind. Deshalb brauchen wir auch eine offene, kontroverse Auseinandersetzung. Die Grenze zur Ausgrenzung, nach der Sie fragen, ist dabei eine doppelte. Erstens ist es die hin zum völkischen Denken, das heißt: wenn eine ethnische Gruppe eine andere als minderwertig erachtet. Das andere ist die Menschenwürde, die bei aller kontroversen Auseinandersetzung nicht verletzt werden darf.

Im Herbst wird in Bayern gewählt und die Angst vor der AfD ist relativ groß. Vielleicht auch aus diesem Grund hat Seehofer besagte Islamdebatte angestoßen. CSU-Landesgruppenchef Dobrindt fordert gar eine konservative Revolution. Als seien die Zustände in Deutschland nicht mehr auszuhalten…
Der Ruf nach der konservativen Revolution gehört in die Kategorie „ziemlich unglücklich“. Der Begriff geht auf die späten zwanziger Jahre zurück, und ihre Vertreter waren keine Konservativen, sondern Reaktionäre. Knallharte Antiparlamentarier, die eine Art von Fantasiestaat herstellen wollten. Im 20. Jahrhundert sind viele Irre mit dem Label „konservativ“ durch die Gegend gelaufen. Die konservative Revolution kann wirklich kein Beispiel für die Gegenwart sein. Dobrindt hat das als markante Formulierung benutzt. Unter dem Gesichtspunkt der Aufmerksamkeitsökonomie war das vielleicht sogar klug – unter Gesichtspunkten der sachlichen Richtigkeit sicher nicht.

Stichwort Aufmerksamkeitsökonomie: Gehören Populismus und Konservatismus zusammen?
Dass die CSU versucht, die AfD-Wähler mit kraftvoller Rhetorik zurückzugewinnen, halte ich für legitim. Der Unterschied zwischen Konservatismus und dem Populismus einer AfD liegt darin, dass weite Teile der AfD an eindeutige und einfache Lösungen glauben. Genau das tut der Konservative mit seiner Skepsis gegenüber ideologischer Selbstgewissheit gerade nicht.

Ist die AfD konservativ?
In der AfD gibt – oder besser: gab – es bürgerlich-konservative Kräfte, vor allem zu Beginn. Sie werden aber immer weniger, weil die AfD sich zunehmend radikalisiert. Ihre jüngste Initiative Im Bundestag, die einen Zusammenhang von Schwerbehinderung, Inzest und Migranten suggeriert, bedient in erster Linie ausgrenzendes Ressentiment. Das ist alles andere als konservativ.

Wie sollte man als Konservativer der AfD begegnen?
Trotzdem: ohne permanente moralisierende Herablassung. Denn das verstärkt nur das Opfergefühl der AfD, sich ausgegrenzt zu fühlen. Damit spielt man ihr Spiel. Man muss der AfD selbstbewusst begegnen und kraftvoll argumentieren, ohne ihr nach dem Mund zu reden.

Auf welche Themen kann man setzen? Die Flüchtlingsthematik kann doch nicht alles sein.
Die Glaubwürdigkeit des Rechtsstaats ist natürlich ein Thema. Jedes Parkmandat wird bürokratisch sauber exekutiert, während die Ausreise von abgelehnten Asylbewerbern nicht vollzogen wird. Familienpolitik ist ein anderes Thema. Kluge konservative Familienpolitik sagt – Stichwort Maß und Mitte: Wir wollen nicht zurück in die Fünfziger. Frauen an den Herd, das ist reaktionär. Ebensowenig wollen wir Familien zu einer bestimmten Rollenverteilung und zu hälftig aufgeteilter Hausarbeit zwingen. Konservative Familienpolitik unterstützt sowohl die Vollzeitmutter als auch die erwerbstätigen Eltern.

Rechtsstaat und Familie sind bekannte Themen. Wie wäre es denn mal mit etwas ganz Neuem? Oder liegt das schlicht nicht im Wesen des Konservativen?
Grundsätzlich ist die Erfindung des Neuen nicht gerade die Paradedisziplin von Konservativen. Aber Konservative – oder sagen wir: kluge, liberal Konservative – sind immer wieder überraschend innovationsfähig gewesen. Heute müssten sie in der Integrationspolitik viel offener sein. Religiöse, familien- und bildungsorientierte muslimische Familien sind klassischerweise nicht links. Solche Klientel hat zum Beispiel die CDU viel zu lange liegen gelassen. Auch könnte konservative Politik das Thema Bildung neu denken. Und zwar im Sinne eines aktiveren Staates, der Chancen schafft auch für diejenigen, die benachteiligt sind, also für Migranten und deutsche Unterschichten. Das muss sich konservative Politik halt trauen.

Frei nach Strauß: Der Konservative steht an der Spitze des Fortschritts?
Das ist mir wiederum zu plakativ und so auch falsch. Da war Strauß allzu sehr Kind seines technikgläubigen Zeitalters.

Andreas Rödder ist Professor für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. Er ist Mitglied der CDU.

Quelle: FAZ.NET
  Zur Startseite
Anzeige