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Zukunft der Kriegsführung

Der Aufstieg der Scharfschützen

Von Björn Müller
Aktualisiert am 07.09.2017
 - 08:34
Kriegsführung der Zukunft: Vom Aufstieg der Scharfschützenzur Bildergalerie
Wo sich Kriege immer mehr in Städte verlagern, werden sie wichtiger: Die Rede ist nicht von Drohnen, sondern von Scharfschützen. Sie sind wichtig für die Absicherung – und eine effektive Waffe. Ein Gastbeitrag.

Die Bundeswehr hatte bis Ende der 1990er Jahre noch nicht einmal ein Scharfschützenprogramm; mittlerweile ist die Fähigkeit in den Teilstreitkräften Heer, Marine und Luftwaffe vorhanden. Selbst die Feldjäger verfügen über eigene Präzisionsschützen. Bei den amerikanischen Marineinfanteristen sind Scharfschützen inzwischen so bedeutend, dass sie eigene Einheiten bilden. „Auch wir arbeiten auf dieses Ziel hin“, so Hauptfeldwebel Markus E., der seinen wirklichen Namen nicht preisgeben will und Scharfschützenausbilder der Bundeswehr ist, im Gespräch.

Dabei waren Scharfschützen in den Jahrzehnten des Kalten Krieges für die deutschen Militärs unwichtig. Jene planten für große Panzerschlachten in der norddeutschen Tiefebene, bei denen Scharfschützen keinen Mehrwert boten. Doch im Zeitalter der asymmetrischen Konflikte verlagert sich der Krieg immer mehr von der Fläche in die Städte.

Diese Urbanisierung des Krieges ist der wesentliche Grund für den Trend zum Ausbau des Scharfschützenwesens. Entscheidende Militär-Operationen heutiger Kriege sind jene um den Besitz von Städten wie Mossul in Irak oder Donezk in der Ostukraine – eine Entwicklung, die Bestand haben wird. Die Mehrzahl der Menschen wird Mitte des Jahrhunderts im urbanen Umfeld und in Megastädten leben. Für Auseinandersetzungen heißt das: Wer die Orte hat, gewinnt. Das macht Scharfschützen zur wichtigen Waffe. Gerade im Häusermeer sind sie sehr effektiv; dort können sie sich ohne Probleme getarnte Stellungen schaffen, um das Vorgehen des Feindes mit „Schüssen aus dem Nichts“ zu lähmen, Angst zu verbreiten und Feind-Bewegungen zu überwachen.

„Sniper Alley“

Laut der Bundeswehr war der Auslöser zum Aufbau ihrer eigenen Scharfschützenkräfte die Belagerung Sarajevos im jugoslawischen Bürgerkrieg der 1990er Jahre – „Sniper Alley“ wurde die Hauptstraße der Metropole genannt. Die bei der damaligen UN-Mission beteiligte Bundeswehr, wollte die Fähigkeit zum „Counter-Snipping“ – das heißt, dem Aufspüren und Töten von Heckenschützen. Dieses Absichern eigener Kräfte, ist bei westlichen Streitkräften heutige Kernaufgabe der Sniper.

Dafür beschaffte die Bundeswehr ab 1997 ihr erstes Scharfschützengewehr – eine Waffe der britischen Firma Accurracy International, die als G22 bezeichnet wird. Die ersten Bundeswehr-Scharfschützen besuchten noch Lehrgänge bei der britischen und amerikanischen Armee. Inzwischen bildet die Schießinspektion des Heeres in Hammelburg alle Scharfschützen der Bundeswehr aus. Ausbilder Markus E. sagt.: „Vier Wochen bereiten die Einheiten ihre Anwärter vor, dann kommen sie zur Schießinspektion für den vierwöchigen Grundlehrgang.“

Die neue Fähigkeit ist allerdings auf Kante genäht. Gerade einmal sechs Unteroffiziere als Fachleute für das sehr präzise Schießen hat die Schießinspektion. Denn für Scharfschützen gibt es keinen Karrierepfad bei der Bundeswehr. Die meisten bleiben somit Zeitsoldaten, die mit ihrem Spezialwissen die Truppe bald wieder verlassen. Nachhaltig ist das nicht. Kommen die ausgebildeten Scharfschützen zurück in ihre Einheiten bei den Teilstreitkräften, setzen diese eigene Akzente. So üben Scharfschützen der Marine, beim Auf und Ab des Seegangs angreifende Schnellboote mit Schüssen in den Motorblock zu stoppen. Im Afghanistan-Einsatz übernahmen Bundeswehr-Scharfschützen dann vor allem Absicherungsaufgaben, beispielsweise von Feldlagern oder bei Trupps zur Bombenentschärfung.

Scharfschützen – die Drohne von gestern?

Eine klassische Rolle verlieren Scharfschützen dagegen zunehmend an die Drohnen. Das Ausschalten von Führungspersonal des Gegners stand an den Anfängen des Scharfschützenwesens und bestimmt bis heute deren Bild in der Öffentlichkeit. So hatten die amerikanischen Siedler im Unabhängigkeitskrieg 1775 zunächst keine Chance gegen das geballte Feuer der britischen Infanterieverbände. Da begannen sie, mittels guter Schützen, gezielt britische Offiziere vom Pferd zu schießen, um die Ordnung der feindlichen Kriegsmaschine zu stören – eine erfolgreiche Taktik. Im Winterkrieg von 1940 zermürbten die aus der Defensive kämpfenden Finnen sowjetische Angriffe mit Scharfschützen, die Führungskräfte wie Panzerkommandanten erschossen.

Heute werden die schnelleren und ausdauernden Drohnen für diese Aufgabe meist bevorzugt. Generell gilt: Scharfschützen sind keine Waffe für den raschen Einsatz. Ihr Wert entsteht dadurch, dass sie unbemerkt eine Feuerposition besetzen. Das unentdeckte Annähern verlangt stets Sorgfalt und somit Zeit. Teils vergehen Tage, bis sich ein Scharfschützentrupp mit Beobachter (Spotter) und Schütze (Sniper) angeschlichen hat.

Entgegen dem medialen Image vom Killer-Sniper, der den Drogen-Baron samt Anhang zusammenschießt, liegt das präzise Beobachten noch vor dem Schießen, wenn es um den Wert der Scharfschützen für moderne Streitkräften geht. Das zeigt die Bezeichnung „Scout-Snipers“, zu Deutsch „Kundschafter-Scharfschützen“ für jene der amerikanischen Marineinfanterie. Denn statt steriler Drohnen-Bildstrecken liefern Scharfschützen situationsnahe Einschätzungen der Lage.

Kampf aus der Defensive

Das Absichern und Beobachten macht Scharfschützen zu einer Waffe, deren Königsdisziplin das Kämpfen aus der Defensive ist. Für den Angriff sind sie eine Strategie für Arme. So versuchte die Wehrmacht gegen Ende des Zweiten Weltkrieges mit Scharfschützen ihre ausgelaugte Offensivkraft zu steigern. Matthäus Hetzenauer, mit 345 Abschüssen erfolgreichster Wehrmachtscharfschütze, sagte dazu in einem Interview 1967: „Mußte bereits in der Nacht durch die Hauptkampflinie sickern und mit Beginn des eigenen Artilleriefeuers feindliche Kommandanten und Geschützbedienungen bekämpfen, da eigene Kräfte ohne diese Unterstützung zahlen- und munitionsmäßig zu schwach für Angriff.“

Ähnlich wie damals die Wehrmacht setzt auch der „Islamische Staat“ Scharfschützen ein. Bei ihren Offensiven verfügten die Islamisten nie über große Bestände an Panzern und schweren Geschützen. Es mussten Sprengstofffahrzeuge reichen, die mittels Selbstmordattentätern in die gegnerische Linie gejagt wurden. Damit diese nicht abgeschossen wurden, versuchten IS-Scharfschützen mit gezieltem Beschuss, die Verteidiger in Deckung zu treiben.

Die Aufwertung des Scharfschützenwesens entwickelt sich immer weiter. Westliche Armeen wie die Bundeswehr führen zunehmend den Squad Designated Marksman ein, was so viel wie „Ausersehener Gruppen-Schütze“ bedeutet. Das ist ein Infanterist pro Einheit, der ein leichtes Sturmgewehr mit Zielfernrohr erhält. Damit soll er bei einem Feuerüberfall sofort feindliche Schützen anvisieren und ausschalten, um ein Festnageln der Einheit zu verhindern. Denn Scharfschützen müssten sich mit ihren für Einzelschüsse ausgelegten Repetiergewehren erst positionieren. Ein Konzept, das auch das Bestehen im Häuserkampf verbessern soll.

Panzer brauchen verstärkt Schutz

In der Bundeswehr wird derzeit an einer neuen Regelung für das Scharfschützenwesen gearbeitet. So hat das Amt für Heeresentwicklung beantragt, die Scharfschützen der Panzergrenadiere in eigenen Teileinheiten zusammenzufassen. Das soll eine intensivere Ausbildung ermöglichen. Die Panzerwaffe wird mit Blick auf den Nato-Russland-Konflikt in Osteuropa wieder wichtiger. Gerade aber die Stahlriesen sind im urbanen Krieg besonders verwundbar.

Moderne Anti-Panzer-Lenkraketen werden immer leistungsfähiger und tragbarer. Eine russische Variante namens Kornet durchschlägt bis zu 1,20 Meter dicken Panzerstahl. Somit brauchen Panzer verstärkten Schutz. Den bieten Scharfschützen, indem sie Panzer-Vernichtungstrupps früh erkennen und ausschalten. Die Rechnung dazu: Der Wert des neuen Bundeswehr-Schützenpanzers Puma beträgt mehr als zwölf Millionen Euro pro Stück. Eine Patrone des Scharfschützengewehrs G22 kostet dagegen zwischen 2,48 und 4,80 Euro.

Kampf um Mossul
Selbstmordattentäter, Scharfschützen und Sprengfallen
© AFP, reuters

Der Autor ist freier Journalist aus Berlin, der sich vor allem mit dem Thema Sicherheitspolitik beschäftigt.

Quelle: FAZ.NET
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