Kristina Köhlers Aufstieg

„Ein großes Talent – die kann das“

Von Ralf Euler, Wiesbaden
27.11.2009
, 21:14
Schritt auf die große Bühne: Kristina Köhler mit Angela Merkel
Dass Arbeitsminister Jung gehen muss, war für viele schon am Freitagvormittag klar. Genauso logisch: Für den Rheingauer würde ein Hesse ins Bundeskabinett nachrücken. Nach vier Stunden zwischen Spekulation und Nominierung ist Kristina Köhler zur Familienministerin aufgestiegen.
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Für viele in Wiesbaden ist das Ende der noch jungen Karriere von Franz Josef Jung im Amt des Bundesarbeitsministers schon am Freitagvormittag abgemachte Sache. „Die Frage“, sagt ein Landtagsabgeordneter vier Stunden, bevor Jung seinen Abschied öffentlich verkündete, „ist nicht mehr, wann er zurücktritt, sondern wer sein Nachfolger wird.“ Als kurz vor 13 Uhr die Nachricht vom Amtsverzicht des einzigen Hessen im Bundeskabinett bekannt wird, kursieren schnell die ersten Namen einheimischer Nachfolgekandidaten: die hessische Umweltministerin Silke Lautenschläger, der Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium Andreas Storm und die Wiesbadener Bundestagsabgeordnete Kristina Köhler werden – auch zeitlich in dieser Folge – auf Anfrage genannt, von Hinweisgebern kolportiert oder von vermeintlichen Insidern ins Gespräch gebracht.

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Dass für den Rheingauer Jung ein Hesse oder eine Hessin ins Bundeskabinett nachrücken würde, steht angesichts der Bedeutung der hessischen Union und des Einflusses des Ministerpräsidenten und stellvertretenden CDU-Bundesvorsitzenden Roland Koch außer Zweifel.

„Die Silke kann's“

Die erste Spekulation allerdings zerschlägt sich binnen einer Stunde: Lautenschläger stellt klar, dass sie nicht vorhabe, nach Berlin zu wechseln. Ihr bereite die Aufgabe als Ministerin für Umwelt und Landwirtschaft, die sie erst nach der Landtagswahl im Januar übernommen hatte, weiter Freude, lässt sie verlauten, und damit basta. Dabei hatte ihr ein Kollege aus der CDU-Landtagsfraktion noch Minuten zuvor den Rücken gestärkt. „Die Silke kann’s“, heißt es unter Hinweis darauf, dass die Einundvierzigjährige vor ihrem Wechsel ins Umweltministerium acht Jahre lang mit Erfolg und bundesweit respektiert das Ressort Soziales im Landeskabinett geleitet habe.

Auftritt Andreas Storm: Der Bundestagsabgeordnete aus Weiterstadt hatte seinen Wahlkreis bei der Bundestagswahl Ende September denkbar knapp gegen die damalige Bundesjustizministerin Brigitte Zypries verloren, war dann aber als beamteter Staatssekretär in das von Franz Josef Jung geführten Arbeitsministerium nach Berlin zurückgekehrt. Kommentar aus der CDU-Landtagsfraktion: „Der kann’s ganz sicher.“ Kleiner Makel des Fünfundvierzigjährigen: Er steht – weil mehr in der Bundes- als in der Landes-CDU verankert – vermutlich nicht ganz oben auf der Wunschliste des hessischen Parteichefs Koch.

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„Ein großes Talent“

Und schließlich Kristina Köhler: Um 16.30 Uhr meldet „Spiegel online“, Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) sei als Nachfolgerin Jungs im Gespräch, und die Wiesbadenerin Köhler werde in diesem Fall das Familienministerium übernehmen. „Ein großes Talent. Die kann das“, formulieren lokale CDU-Vertreter; zudem genieße die erst Zweiunddreißigjährige, die dem Bundestag seit 2002 angehört und sich in der vergangenen Legislaturperiode im BND-Untersuchungsausschuss einen Namen gemacht hat, das Vertrauen und die Rückendeckung Roland Kochs. „Zu jung für ein Ministerium“, meinen hingegen Skeptiker.

Eine Dreiviertelstunde später müssen sie sich eines Besseren belehren lassen: Angela Merkel stellt Köhler als künftige Bundesfamilienministerin vor. Die Kanzlerin hält offenbar große Stücke auf das neue hessische Kabinettsmitglied: „Sie wird als ausgebildete Soziologin eine sehr gute Arbeit leisten“, sagt sie nach der Bekanntgabe der Personalentscheidung. Der Amtswechsel ist schon für Montag vorgesehen.

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„Starke Stimme aus Hessen am Kabinettstisch“

Der Generalsekretär der hessischen CDU, Peter Beuth, beglückwünscht Köhler zu ihrer neuen Aufgabe. Die Wiesbadenerin sei eine engagierte und hoch kompetente Bundestagsabgeordnete. „Mit Kristina Köhler wird auch nach dem Rücktritt von Franz Josef Jung eine starke Stimme aus Hessen am Kabinettstisch der Bundesregierung vertreten sein.“ Der FDP-Fraktionsvorsitzende im Landtag und Wiesbadener Parteivorsitzende Florian Rentsch lobt Köhler als junge engagierte Frau, die vor der Herausforderung stehe, in der neuen Bundesregierung ein modernes Familienbild umzusetzen. „Es ist toll für Wiesbaden, dass wieder eine Ministerin aus der hessischen Landeshauptstadt am Kabinettstisch in Berlin sitzt.“

Und Franz Josef Jung? Ministerpräsident Koch bezeichnet den Rücktritt seines Freundes als „außerordentlich respektablen Schritt“. Die Ereignisse der vergangenen 36 Stunden und insbesondere der Amtsverzicht des langjährigen politischen Weggefährten, früheren hessischen CDU-Generalsekretärs, Fraktionsvorsitzenden im Landtag sowie Ministers für Bundes- und Europaangelegenheiten „gehen mir auch persönlich sehr nahe“, äußert er in einer Mitteilung. Als Bundesverteidigungsminister sei Jung bei weitem erfolgreicher gewesen, „als es die Kritiker dieser Tage wahr haben wollen“.

Die SPD im Landtag wertet das Scheitern Jungs als „schwere Schlappe für Roland Koch und die hessische CDU“. Davon werde sich der Landesverband der Union nicht so schnell erholen, prophezeit der Parlamentarische Geschäftsführer der Sozialdemokraten, Günter Rudolph. Schließlich sei Jung Spitzenkandidat und Hoffnungsträger der hessischen CDU im Bundestagswahlkampf gewesen.

Die Linkspartei sieht nach dem Rücktritt Jungs „noch viele Fragen offen“. Die Staatsanwaltschaft werde sich jetzt damit zu befassen haben, ob der ehemalige Minister Strafvereitelung im Amt begangen habe, äußert Linken-Fraktionschef Willi van Ooyen unter Hinweis darauf, dass seine Fraktion gegen Jung Strafanzeige erstattet habe. Die Grünen nehmen den Abschied des von ihnen zuvor heftig kritisierten Ministers kommentarlos zur Kenntnis.

Quelle: F.A.Z.
Ralf Euler - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Ralf Euler
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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