Leben mit Corona

Wie weiter nach November?

Von Bettina Wiesmann
Aktualisiert am 17.11.2020
 - 14:19
„Ohne Kunst und Kultur wird’s still“, steht über dem Eingang eines Kinos in Berlin.zur Bildergalerie
Selbst wenn der Impfstoff kommt, werden noch Monate vergehen, bis Corona beherrscht wird. Die nächste Phase ab Dezember erfordert deshalb mehr Differenzierung, Kreativität und Kontrolle. Ein Gastbeitrag.

Entgegen unseren Hoffnungen befinden wir uns auch in Deutschland mitten in der zweiten Welle der Pandemie. Ziel des zweiten, partiellen Lockdowns ist es, das rasante Infektionsgeschehen in unserem Land zu bremsen und die Überlastung unseres Gesundheitssystems zu verhindern. Darüber hinaus: Weihnachten mit unseren Lieben feiern zu können, das Fest der Familie, der Nähe und Hoffnung.

Die November-Strategie ist einfach zu verstehen. Die drei wichtigen Pfeiler unserer Gesellschaft – Arbeit, Wirtschaft und Bildung – haben Priorität, weil wir sie benötigen, um unsere Volkswirtschaft und die Zukunftschancen junger Menschen zu stützen. Damit die Dynamik der Pandemie gebrochen wird, wurde das Freizeitgeschehen stark und pauschal eingeschränkt. Es musste deutlich werden, dass die Pandemie nicht vorüber ist und verantwortungsloses Verhalten Einzelner gefährliche Auswirkungen für alle hat. Für die beabsichtigte Vollbremsung des Infektionsgeschehens ein akzeptabler und insgesamt vermittelbarer Schritt.

Wie weiter danach? Ein Zurück in den Spätsommer wird es nicht geben können. Wir müssen in eine neue Phase starten. Selbst wenn der Impfstoff kommt, werden noch viele Monate vergehen, bis Corona beherrscht wird.

Unsere Strategie bis zum Impfschutz muss auf Differenzierung, Kreativität und Kontrolle setzen, ab Dezember. Differenzierung nach den Ansteckungsrisiken: Die allermeisten Kultureinrichtungen haben Programme und Inszenierungen angepasst, ausgeklügelte Hygienekonzepte entwickelt, baulich oder technisch in den Pandemieschutz investiert und verzichten auf Garderobe, Gastronomie, Pausen und so weiter. Man kann niemandem erklären, warum hier Kultur nicht mehr stattfinden soll – den Künstlern nicht, dem Publikum nicht.

Im Gastronomie-Bereich wurde viel unternommen: das Angebot entzerrt, Außenbereiche erschlossen, in Trennwände und Lüftungsanlagen investiert; die pauschale Schließung ist auf Dauer nicht einzusehen. Und auch im Sport bestehen bei der Kontaktdichte große Unterschiede, Hessen hat das erkannt und Abstandssportarten wie Einzeltennis wieder zugelassen.

Das Risiko bestimmt die Einschränkung

Gerade in dieser Kontakt-Krise besteht ein Bedürfnis nach Begegnung, Austausch, Erbauung, Trost. Zugleich werden wir Corona nur alle miteinander besiegen. Dafür müssen die Corona-Regeln überzeugen und dafür wiederum den Risiken gerecht werden. Jedoch: Differenzierung macht Unterschiede. Eine Stehkneipe ohne räumlichen oder technischen Schutz wird nicht öffnen können. Reiten, Rudern und Kampfsportarten werden nicht einheitlich behandelt werden können. Karaoke wird ebenso wie auf Nähe angelegte Großveranstaltungen nicht stattfinden können. Ein Ausschankverbot ab 23 Uhr ist zumutbar, Szene-Partys bis in den Morgen müssen unterbleiben.

Das Risiko bestimmt die Einschränkung – im Interesse aller. Das ist für manche bitter. Finanzielle Ausgleichsmaßnahmen müssen sie deshalb besonders in den Blick nehmen. Wer diese Unterschiede aber um einer vermeintlichen Gerechtigkeit willen ablehnt, schädigt unsere freiheitliche Gesellschaft insgesamt und macht ein Leben mit der Pandemie unmöglich.

Zur Differenzierung gehören auch regionale Unterschiede. Unsere föderale Struktur hat sich in der Pandemie bewährt. Es gibt keinen sinnvollen Anspruch auf Gleichbehandlung in ungleichen Verhältnissen – zum Beispiel zwischen den Hotspots der Städte und den vom Virus weniger heimgesuchten ländlichen Räumen. Deshalb müssen die Kriterien klar sein: Wo weniger Infektionen sind, können Richtlinien lockerer gestaltet sein. Gibt es einen Ausbruch, greifen Verschärfungen.

Eltern sollten vielfältige Lösungen akzeptieren

Kreativität muss anerkannt, aber auch eingefordert werden. Das Infektionsgeschehen an Schulen nimmt zu. Die räumlichen Verhältnisse sind häufig zu eng, trotz Maske, Lüftens und sonstiger Abstandsmaßnahmen. Deshalb müssen kommunal und schulbezogen kreative Lösungen gefunden und zugelassen werden, etwa A/B-Wochen oder das Ausweichen auf Bürgerhäuser und Gemeindesäle.

Lehrkräfte müssen verpflichtet werden, bei Bedarf Distanzmodule in ihren Unterricht einzubauen, und zugleich – wie auch bedürftige Schüler – pragmatisch mit Hard- und Software ausgestattet werden. Das kann, wo noch nötig, binnen Wochen geschehen, der Bund hat die Mittel bereitgestellt. Auf dieser Grundlage können Länder, Schulträger und Schulen kreative Wege beschreiten. Eltern müssen aber akzeptieren, dass diese vielfältig sind.

Die Jugend leidet unter dem Verlust von Freiraum und Spontaneität. Was spricht dagegen, ihr den öffentlichen Raum systematisch für Begegnung und kulturelle Aktivitäten zur Verfügung zu stellen – unter Auflagen, aber jenseits der üblichen Begrenzungen? Warum nicht jetzt einen städtischen Jugendbeirat gründen, der ab Dezember die Leitplanken für ein Corona-Jugendprogramm festlegt, welches im Februar greift?

Die Wirklichkeit kühl und kritisch betrachten

Differenzierung und Kreativität erfordern effektive Kontrolle. Superspreader-Events dürfen nicht toleriert werden – weder Saufgelage noch unkontrollierte Versammlungen von Corona-Leugnern. Auch muss die Corona-App mehr Informationen darüber liefern, wann und wo wir uns vielleicht angesteckt haben. Warum verweigern wir unserem demokratisch kontrollierten Staat die einfachsten Mittel zur Pandemiebekämpfung, während wir den Datenkraken Google, Apple, Facebook und Amazon vielfältigste Informationen über uns bereitwillig überlassen?

Der Erfolg unserer freiheitlichen Gesellschaft hat mit der Fähigkeit und der Bereitschaft zu tun, die Wirklichkeit kühl und kritisch zu betrachten, Phänomene zu analysieren und auf Herausforderungen nach dem Stand der Erkenntnisse zu reagieren. All dies erfordert, zu unterscheiden und Unterschiede zuzulassen, und all dies hat unsere Gesellschaft seit Beginn der Pandemie unter Beweis gestellt –, bis hin zur großen Bereitschaft, harte Einschränkungen diszipliniert mitzutragen und aktiv zusammenzustehen. Diese Resilienz hat viel mit unserer Kultur zu tun, die kein wahlloser Freizeitvertreib ist. Theater, Musik, körperliche Ertüchtigung oder gemeinsames Speisen tragen zur Widerstandskraft der Gesellschaft ebenso bei wie plausible Unterscheidungen der Politik.

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Quelle: FAZ.NET
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