Lehrpläne in Baden-Württemberg

Landesschülerbeirat gegen Panikmache über „sexuelle Vielfalt“

Von Rüdiger Soldt, Stuttgart
10.01.2014
, 10:54
Eine Diskussion über Homosexualität als Unterrichtsthema schlägt in Baden-Württemberg hohe Wellen. „Niemand wird durch einen Lehrplan schwul“, sagt nun der Landesschülerbeirat.

Der baden-württembergische Landeschülerbeirat hat Pläne verteidigt, Toleranz für Homosexualität in den Bildungsplänen des Landes zu verankern. „Die sexuelle Vielfalt ist doch ein Teil unserer Gesellschaft, warum sollte sie nicht im Unterricht vorkommen“, sagte der Vorsitzende des Landesschülerbeirates Baden-Württemberg und Vorstand der Bundesschülerkonferenz Deutschland, Christian Stärk, gegenüber „Spiegel Online“.

Sexuelle Identität finde man nicht in der Schule, man habe sie. „Niemand wird wegen des Bildungsplans schwul oder hetero. Die Pubertät ist die Zeit zum Ausprobieren, und da ist es doch befreiend zu wissen, dass alle Richtungen okay sind. Ich finde die Argumente realitätsfern und noch schlimmer: Solche Ablehnung fördert Homophobie“, sagte der 20 Jahre alte Schüler aus Meersburg am Bodensee.

Er warnte davor, die Bildungspläne zu überschätzen. „Es ist wirklich nicht so, dass die sexuelle Vielfalt irgendwo in den Vordergrund gestellt wird. Was derzeit passiert, ist Panikmache“, sagt Stärk, der an den Beiratssitzungen zur Bildungsplanreform 2015 teilnimmt. Unter Schülern sei Homosexualität kein großes Problem. „Natürlich gibt es noch immer diese Beleidigungen und auch Homophobie auf dem Schulhof. Vor zehn Jahren war das aber noch viel schlimmer. Jugendliche sind da inzwischen toleranter als es immer heißt.“

Kirchen lehnen „Überbewertung“ ab

Zuvor hatten sich die großen Kirchen gegen eine Aufwertung des Themas Homosexualität im Schulunterricht Baden-Württembergs gewandt. Sie forderten die grün-rote Landesregierung auf, sich an die in der Landesverfassung ausführlich festgeschriebenen christlichen Wertegrundlagen zu halten. „Wir lehnen eine Überbewertung des Themas sexuelle Vielfalt in den Bildungsplänen ab“, sagte der Bildungsreferent der württembergischen Landeskirche, Werner Baur, gegenüber FAZ.NET. Die Online-Petition des Lehrers Gabriel Stängle unterstützen die Kirchen jedoch nicht.

Schon vor einiger Zeit habe die Landeskirche sich aber schriftlich an Kultusminister Andreas Stoch (SPD) gewandt, um sich in die Diskussion über den Bildungsplan einzumischen. Dabei sei es nicht nur um das Thema „sexuelle Vielfalt“ gegangen. „Wir wollen uns in die fachliche Diskussion einbringen. Wir nehmen die Würde des Einzelnen und den Respekt vor dem Einzelnen sehr ernst“, sagte Baur.

Erziehung „in Ehrfurcht vor Gott“

Die Kirchen erinnern an verschiedene Passagen der Landesverfassung, in denen ein Bezug zur christlichen Werteordnung und zum christlichen Menschenbild hergestellt wird: „Der Mensch ist berufen, in der ihn umgebenden Gemeinschaft seine Gaben in Freiheit und in der Erfüllung des christlichen Sittengesetzes zu seinem und der anderen Wohl zu entfalten.“ In Artikel 12 der Landesverfassung ist die Rede davon, dass die „Jugend in Ehrfurcht vor Gott“ zu erziehen sei.

Außerdem findet sich in der Verfassung noch immer die institutionelle Garantie einer „christlichen Gemeinschaftsschule“. Dass diese Normen allerdings ausreichen, um später eine Verfassungsklage gegen einen Bildungsplan zu formulieren, der eine starke Aufwertung des Themas „sexuelle Vielfalt“ enthält, wird von Verfassungsrechtlern bezweifelt.

Kontroverses soll kontrovers dargestellt werden

Nach der Einschätzung des maßgeblichen Verfassungskommentators sollen die christlichen Wertebezüge in der Verfassung „Kultur- und Bildungswerte“ prägen; sie schreiben aber keineswegs eine „christliche Glaubenswahrheit“ oder ein entsprechendes Bekenntnis vor. „Das Erziehungsziel ‚Ehrfurcht vor Gott‘ ist bei der geschilderten einengenden Auslegung mit der Bekenntnisneutralität des Staates und der daraus zu folgernden grundsätzlichen Nichtidentifikation des Staats zu vereinbaren“, heißt es im Kommentar.

Am Freitag teilten die beiden Kirchen mit: „Was in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft kontrovers ist, muss nach Überzeugung der Kirchen auch in Bildungsprozessen kontrovers dargestellt werden: Die evangelischen Landeskirchen und die katholische Kirche in Baden-Württemberg treten für Weltoffenheit, Toleranz sowie Respekt vor jedem Menschen und seiner unantastbaren Würde ein.“ Sie setzten sich für eine Bildung ein, „die Kinder und Jugendliche stark macht, eine eigene Identität auszubilden und ihre Gemeinschaftsfähigkeit zu fördern“. Jedem Bürger sei es unbenommen, sich zu Themen wie diesem zu Wort zu melden. Das dürfe allerdings nicht durch Hetzportale und diffamierende Blogeinträge geschehen.

CDU: Überflüssig

Die oppositionelle CDU hält Formulierungen, die eine Erziehung zu mehr Toleranz gegenüber sexueller Vielfalt möglich machen, für überflüssig. „Die bisherigen Formulierungen in den Bildungsplänen sind völlig ausreichend, um das Thema sexuelle Vielfalt zu entfalten. Toleranz ist das Megathema, nicht sexuelle Vielfalt“, sagte die CDU-Landtagsabgeordnete Sabine Kurtz.

Die Unterstützerzahl der Petition der Reformgegner wuchs bis Freitagvormittag auf knapp 80.000. Der Petition der Befürworter, die von der Lehrergewerkschaft GEW unterstützt wird, hatten am Freitag 13.000 Internetnutzer unterzeichnet.

Der pietistische Flügel in der evangelischen Kirche warnte Grün-Rot davor, die Leitlinien im Grundgesetz verschieben zu wollen. Im Bildungsplan werde eine gleichwertige Darstellung von Homosexualität mit Ehe und Familie angestrebt. Das gehe jedoch zu weit. „Nach dem Grundgesetz und der Landesverfassung müssen Ehe und Familie absolute Priorität haben“, sagte der Generalsekretär der Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb. Die Organisationen in der Deutschen Evangelischen Allianz vertreten nach eigenen Angaben etwa 1,3 Millionen Menschen.

Gegner sagen Veranstaltung ab

Eine für diesen Samstag in Stuttgart-Degerloch geplante Veranstaltung der „Evangelische Lehrer- und Erziehergemeinschaft“ zu dem Thema musste wegen großer Nachfrage abgesagt werden. Den Hauptvortrag sollte die Kinderärztin Christel Vonholt halten, die als Befürworterin der „Reparativtherapie“ gilt. Dieser Therapieform liegt die Annahme zugrunde, dass „homosexuell empfindende Menschen“ einen selbstbestimmten Weg der Veränderung gehen und unter therapeutischer Begleitung ihr „heterosexuelles“ Potential entwickeln könnten. Auch der Initiator der Petition, Gabriel Stängle, wollte an der Diskussionsveranstaltung teilnehmen.

Die baden-württembergische Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) sagte, die Petition der Gegner sei der „Vergangenheit“ verhaftet. Der Fraktionsvorsitzende der SPD im Landtag, Claus Schmiedel, nannte Behauptungen der Bildungsplanreformgegner „Schwachsinn“, es sei eine Umerziehung von Kindern und Jugendlichen hin zur Homosexualität beabsichtigt.

Der FDP-Fraktionsvorsitzende Hans-Ulrich Rülke sagte, er halte andere Lebensformen als die klassische Familie für „tolerabel“, aber nicht für „gleichwertig“. Diese Aussage stieß bei den Grünen und auch den Jungen Liberalen auf Kritik: Der grüne Landesvorsitzende Oliver Hildenbrand sagte, Rülke diskreditiere „Alleinerziehende, Patchwork- und Regenbogenfamilien“. Der Juli-Landesvorsitzende Sebastian Graz sagte sogar, er schäme sich für Rülkes Aussagen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Soldt, Rüdiger
Rüdiger Soldt
Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.
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