Corona-Lage

Leopoldina setzt auf antivirale Wirkstoffe

Von Heike Schmoll, Berlin
10.11.2021
, 19:26
Gerald Haug, Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, stellt am Mittwoch in Berlin das Positionspapier „Wie soll der Zugang zu einem COVID-19-Impfstoff geregelt werden?“ vor.
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Von den Wirkstoffen würden nicht nur Ungeimpfte, sondern auch Menschen mit unvollständigem Impfschutz profitieren, schreiben die Wissenschaftler – und zeigen sich offen für eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen.
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Eigentlich sollte die neunte Ad-hoc-Stellungnahme der Nationalakademie Leopoldina als Appell verstanden werden, mehr antivirale Wirkstoffe gegen SARS-CoV-2 zu entwickeln, weil sich das Virus nach jetzigem Kenntnisstand langfristig als endemisches Virus eta­blieren wird. Das bedeutet, dass auch nach dem Abklingen der Pandemie, wann immer das sein mag, schwere Covid-19-Verläufe und Infektionen mit Todesfällen auftreten werden.

Doch der Präsident hat durch sein Vorwort für zusätzliche Brisanz gesorgt, indem er angesichts der gegenwärtigen Verschärfung der Corona-Lage bei gleichzeitigem Wegfall aller Einschränkungen für mehr Konsequenz und stringentere Regeln eintritt.

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Forscher: Besser auf neue Erreger vorbereiten

Zusätzlich zu Impfungen und umfassender Diagnostik und Früherkennung würden deshalb mehr antivirale Wirkstoffe gebraucht, die zur Behandlung nicht oder nur teilweise Geimpfter eingesetzt werden könnten. Auch Menschen, die nach vollständiger Impfung keinen umfassenden Immunschutz aufbauen, würden von solchen Wirkstoffen profitieren.

Die Leopoldina fordert eine bessere Vorbereitung auf neu auftretende Erreger. Die Grundlagenforschung, die klinische Weiterentwicklung und Bevorratung möglichst breit wirksamer antiviraler Medikamente spielen aus ihrer Sicht eine entscheidende Rolle, um auf künftige Pandemien besser reagieren zu können.

Dazu gehört auch, dass die Kenntnisse über zirkulierende Viren und deren pandemisches Potential ausgeweitet werden. Von einer kontinuierlichen epidemiologischen Überwachung mit Genomsequenzierungen und der Anzucht viraler Erreger in Patienten- und Tierproben für eine repräsentative Analyse ist deshalb die Rede. Dazu sei sowohl „eine erweiterte epidemiologische Schulung“ für Mitarbeiter des öffentlichen Gesundheitsdienstes (Gesundheitsämter) und deren Zusammenarbeit mit ausgewiesenen Epidemiologen notwendig.

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Der Präsident der Leopoldina, der Paläoklimatologe Gerald Haug, hat das Vorwort der Stellungnahme dafür genutzt, einige Hinweise für die aktuelle Corona-Lage zu geben. So hält er eine Impfpflicht für Multiplikatorengruppen (Lehrer, Pflegepersonal et cetera) für nötig, außerdem eine größere Reichweite für die 2-G-Regel. Auch unter 2-G-Bedingungen müssten in Innenräumen möglichst Mund-Nasen-Bedeckungen getragen werden, vor allem wenn die Lüftung nicht ausreichend gewährleistet sei.

Haug offen für Abfrage des Impfstatus

„Für Deutschland wird der bevorstehende Winter eine gesellschaftliche und medizinische Herausforderung infolge eines Mangels an Prävention, klaren Regeln und Stringenz“, begründet Haug seinen Appell. Er zeigte sich auch offen für eine Abfrage des Impfstatus durch den Arbeitgeber. Eine „angemessenere Regelung zur Offenlegung des Impfstatus in der Arbeitsschutzverordnung“, sei eine Möglichkeit, die Pandemie einzudämmen.

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Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin, Christian Karagiannidis, forderte, von der kommenden Woche an spätestens flächendeckend 2 G einzuführen, um die Corona-Zahlen unter Kontrolle zu halten.

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Die Impfung ist keine hundertprozentige Garantie gegen eine Infektion, wohl aber gegen einen schweren oder tödlichen Verlauf. Die zu geringe Impfquote – es sind noch immer 16 Millionen Erwachsene ungeimpft – trägt dazu bei, dass immer mehr Schwerkranke lange im Krankenhaus behandelt werden müssen und andere, länger geplante Operationen, wie etwa derzeit in Berlin, nicht stattfinden können.

Die Ständige Impfkommission empfahl am Mittwoch, Impflinge unter 30 Jahren nur noch mit dem BioNTech-Impfstoff (Comirnaty) zu impfen. Die Aktualisierung begründete die Kommission mit neuen Sicherheitsdaten des Paul-Ehrlich-Instituts und weiteren internationalen Studien. Danach waren Herzmuskel- und Herzbeutelentzündungen bei Menschen unter 30 Jahren nach der Impfung mit dem Vakzin von Moderna (Spikevax) häufiger beobachtet worden als bei dem BioNTech-Präparat. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) will binnen zwei Monaten entscheiden, ob sie den Impfstoff von Moderna auch für sechs- bis elfjährige Kinder zulässt. Bisher gibt es nur eine Zulassung ab zwölf Jahren.

Die Impfbereitschaft scheint in der vierten Corona-Welle wieder zu steigen, auch die Zahl der Auffrischungsimpfungen nimmt zu. So hat das Robert Koch-Institut die Anzahl der Booster-Impfungen mit 196 899 angegeben, das war der bisher höchste gemeldete Wert in der gesamten Impfkampagne. Im Schnitt werden 115 000 Auffrischungsimpfungen pro Tag verabreicht. Vor allem in der Oberpfalz und in Niederbayern melden die Impfzentren eine deutlich gestiegene Nachfrage.

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Dennoch sind erst 67,3 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, 69,8 Prozent haben eine oder mehrere Impfdosen erhalten und 3,7 Prozent eine Auffrischungsimpfung bekommen. Viele Menschen, die mit dem bei der Delta-Variante nur geringen Impfschutz bietenden Impfstoff von Johnson & Johnson immunisiert sind, brauchten dringend eine Auffrischimpfung.

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Corona-Impfung
Unter-30-Jährige sollen nur noch Biontech erhalten
Video: AFP, Bild: dpa
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmoll, Heike
Heike Schmoll
Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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