Weggerollt: Viele Blockierer waren schon in Gewahrsam.
Weggerollt: Viele Blockierer waren schon in Gewahrsam.

Aktivismus am Kipp-Punkt

Text von OLIVER GEORGI
Fotos von ANDREAS PEIN
Weggerollt: Viele Blockierer waren schon in Gewahrsam.

23. Juli 2022 · Die Aktivisten der „Letzten Generation“ kleben sich auf Autobahnen fest und treiben Pendler zur Weißglut. Was darf der Kampf gegen die globale Klimakatastrophe?

Um viertel vor acht muss plötzlich alles ganz schnell gehen. Sie haben sich im Ge­büsch versteckt, um nicht aufzufallen, tief ge­duckt in die Sträucher, aber jetzt rennen Lea Bonasera und die anderen von der „Letzten Generation“ einfach los: Die Polizei ist schon da, jemand hat die Aktion verpfiffen. „Bleiben Sie stehen“, ruft ein Beamter von hinten und ist der Gruppe schon dicht auf den Fersen, aber Lea und ihre Freunde rennen einfach weiter, über den Zaun, durchs Unterholz den Abhang runter und raus auf die Autobahnabfahrt der A103 in Berlin-Schöneberg, wo der Berufsverkehr an diesem frühen Freitagmorgen brummt. Lautes Hupen ist zu hö­ren, als die ersten Aktivisten auf die Fahrbahn laufen und sich ziemlich angstfrei im Schneidersitz auf die Straße pflanzen. Dabei ist das nicht ungefährlich, den laufenden Berufsverkehr abrupt zum Stillstand zu bringen, ohne überfahren zu werden.

Aktivistinnen und Aktivisten blockieren die Autobahnabfahrt der A103 in Berlin-Schöneberg.
Aktivistinnen und Aktivisten blockieren die Autobahnabfahrt der A103 in Berlin-Schöneberg.

Lea, 24, hat keine Angst, sie hat solche Aktionen schon oft gemacht. Aber sie muss sich ranhalten, neben ihr tragen die Polizisten schon einen ersten Mitstreiter weg, der nicht flink genug war. Also schnell den Sekundenkleber raus und festgeklebt; die linke Hand flach auf den Asphalt, drei Finger dick mit der durchsichtigen Flüssigkeit beschmiert, die sie in Dutzenden Fläschchen dabei haben, und die rechte an die linke Hand ihrer Freundin Ella. Jetzt still halten, bis es fest ist. Eine andere Aktivistin neben den beiden hat sich für die Hardcore-Variante entschieden: Sekundenkleber mit schnell bindendem Beton vermischt, wird steinhart und kann von der Polizei nicht mit Speiseöl gelöst werden, das die Beamten gerade schon flaschenweise aus ihrem Einsatzwagen holen. Es muss vorsichtig aufgemeißelt werden, wenn man niemanden verletzten will. Das kostet Zeit, und Zeit ist Protest. Denn wer klebt, kann nicht so schnell von der Straße ge­tragen werden und länger auf den Kampf aufmerksam machen, für den Lea ihre Doktorarbeit in Politikwissenschaft über „Zivilen Ungehorsam“ geschmissen hat. Für den sie sich in Gewahrsam nehmen und von Autofahrern anbrüllen lässt, und den sie trotzdem unvermeidbar findet: die Politik mit solchen Aktionen zu mehr Klimaschutz zu zwingen.

Zentimeter für Zentimeter müssen Polizisten die Hand von der Straße lösen, um nichts zu verletzen.
Zentimeter für Zentimeter müssen Polizisten die Hand von der Straße lösen, um nichts zu verletzen.
Was von der Blockade übrigbleibt: Klebereste auf dem Asphalt.
Was von der Blockade übrigbleibt: Klebereste auf dem Asphalt.
Manche Aktivisten mischen den Kleber mit schnell härtendem Beton – wird steinhart und muss von der Polizei aufgemeißelt werden.
Manche Aktivisten mischen den Kleber mit schnell härtendem Beton – wird steinhart und muss von der Polizei aufgemeißelt werden.
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