Wege aus dem Lockdown

So können Lockerungen laut RKI gelingen

Von Kim Björn Becker
25.02.2021
, 08:43
Das RKI hat detailliert aufgeschlüsselt, wann man Corona-Maßnahmen lockern kann und unter welchen Bedingungen sie verschärft werden sollten. Das Modell unterscheidet sich vom bisherigen Vorgehen. Landespolitiker müssten umdenken.

Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Diskussion, welcher Inzidenzwert für eine Lockerung oder Verschärfung der Maßnahmen wesentlich sein sollte, hat das Robert-Koch-Institut (RKI) einen Stufenplan vorgelegt. Er soll Politikern als Orientierungshilfe dafür dienen, wann die Corona-Maßnahmen verschärft oder gelockert werden können. Das Papier trägt den Titel „ControlCovid“.

Ziel der Schritte ist es, „die Zahl der schweren Erkrankungen, Langzeitfolgen und Todesfälle durch Covid-19 zu minimieren und eine Überlastung des Gesundheitssystems nachhaltig zu vermeiden“, wie es zu Beginn heißt. Die Wissenschaftler des Berliner Instituts, das dem Bundesgesundheitsministerium von Jens Spahn (CDU) unterstellt ist, haben Studien und Forschungsergebnisse zusammengetragen und auf dieser Grundlage Empfehlungen erarbeitet.

Die Wissenschaftler des RKI schlagen ein anderes Vorgehen als derzeit vor. Ein einzelner Indikator wie die Inzidenz sei „nicht ausreichend“, um die Komplexität der Pandemie korrekt zu bewerten. Stattdessen schlagen sie vor, auf lokaler Ebene vier Indikatoren heranzuziehen. Dies sind neben der allgemeinen Inzidenz – also der Zahl der Infizierten pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche – die spezielle Inzidenz der Infizierten, die älter als 60 Jahre sind und im Krankenhaus behandelt werden müssen, ferner der Anteil der intensivmedizinisch behandelten Covid-19-Patienten sowie der Anteil der nachverfolgbaren Kontaktpersonen von Infizierten. Darüber hinaus empfiehlt das RKI, auch noch weitere Faktoren wie die Reproduktionszahl und den Anteil neuer Virusvarianten in den Blick zu nehmen.

Empfehlungen sollen Lokalpolitikern dienen

Für die politische Entscheidung, ob die Corona-Maßnahmen gelockert oder verschärft werden, rät das RKI dazu, jeweils unterschiedliche Leitindikatoren in den Blick zu nehmen. Bei einer Eskalation des Infektionsgeschehens sollten Verantwortliche in den Kommunen – auf sie zielt das RKI mit seiner Handreichung – vor allem auf die Sieben-Tage-Inzidenz achten, bei einer Deeskalation sollte hingegen die Belegung der Intensivstationen maßgeblich sein.

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Auf der Ebene ganzer Bundesländer sollten Lockerungen erst erwogen werden, wenn ein „überwiegender Anteil“ der Kommunen Werte aufweist, die jeweils für eine Deeskalation der Schritte vor Ort sprechen würden. Darüber hinaus hat das RKI auf der Grundlage wissenschaftlicher Untersuchungen die Bedeutung verschiedener Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens bewertet.

Auffallend ist, dass viele Bereiche, die derzeit ganz oder teilweise geschlossen sind, in den Überlegungen des RKI keine größere Rolle spielen. Hotels wird in allen Bereichen eine geringe Relevanz zugeschrieben, auch Zusammenkünfte im Freien gelten laut RKI vielfach als unkritisch. Ähnliches gilt für den Einzelhandel, dem die Handreichung nur ein niedriges individuelles Ansteckungsrisiko und einen geringen Beitrag zum Infektionsgeschehen attestiert.

Anders sieht es bei Kitas und Grundschulen, Kultureinrichtungen und der Gastronomie aus. Dort wird das Risiko als „moderat“ bezeichnet. In der höchsten Warnstufe befinden sich Alten- und Pflegeheime, Bars sowie – abhängig vom Einzelfall – Zusammenkünfte in Innenräumen. Dort befürchtet das RKI vielfach ein hohes Risiko einer Ansteckung sowie einen ausgeprägten Anteil an der Dynamik der Infektionen. Schließlich gehen die Wissenschaftler in diesen Bereichen auch davon aus, dass sich Infektionen meist deutlich auf die Anzahl schwerer Krankheitsverläufe und Todesfälle auswirken.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Becker, Kim Björn
Kim Björn Becker
Redakteur in der Politik.
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