Lübckes Sohn sagt aus

„Wir sind innerlich zerrissen“

Von Marlene Grunert
Aktualisiert am 28.07.2020
 - 20:03
Würdigen ihren Vater: Jan-Hendrick und Christoph Lübcke am ersten Prozesstag
Im Prozess zum Mord an seinem Vater spricht der Sohn von Walter Lübcke. Er sagt, der CDU-Politiker habe sich zu Lebzeiten mehr Unterstützung gewünscht. Mit dem Tod werde die Familie niemals fertig.

Ein guter Vater sei er gewesen. Ihm und seinem Bruder habe er immer den Rücken gestärkt, sagt Jan-Hendrik Lübcke. Der Richter hat ihn gebeten, Walter Lübcke „als Mensch“ zu beschreiben. „Weltoffen und wirklich lebensfroh“, fügt der Sohn hinzu. Das Amt des Regierungspräsidenten sei seine „Berufung“ gewesen. Die Aufgaben des Repräsentanten, das Lokale, der Kontakt zu den Menschen, all das habe ihn erfüllt. Jan-Hendrik Lübcke erzählt von einem Comic, den das Kasseler Regierungspräsidium einmal herausgegeben hat. Darin sei sein Vater als „Fürst von Nordhessen“ abgebildet gewesen, mit „Robe und Krönchen“. Das habe Walter Lübcke gefallen.

Nach vielen Stunden, in denen Vernehmungen des Angeklagten zu sehen waren und in denen es vor allem Auftritte der Anwälte gab – am Dienstagvormittag den letzten von Verteidiger Frank Hannig, der entpflichtet wurde und den Saal verließ –, haben die Hinterbliebenen das Wort. Es ist der siebte Verhandlungstag am Oberlandesgericht Frankfurt im Prozess zum Mord an Walter Lübcke. Angeklagt ist Stephan E., dem die Bundesanwaltschaft vorwirft, Lübcke aus „rechtsextremem Hass“ ermordet zu haben; Markus H. soll zu der Tat Beihilfe geleistet haben.

„Linie Merkel“

Thomas Sagebiel, der Vorsitzende Richter, fragt Jan-Hendrik Lübcke nach den politischen Einstellungen des Vaters. „CDU“, antwortet der Sohn. „Christlich-konservativ“ sei sein Vater gewesen, er habe zur „soliden Mitte“ gehört. Werte seien ihm außerordentlich wichtig gewesen, „dass alle Menschen gleich behandelt werden“. Nie habe er „abfällig“ über andere geredet. Auch in der Flüchtlingskrise sei das so gewesen. Auch ganz pragmatisch habe sein Vater gemeint, diesen Leuten müsse nun geholfen werden. „Linie Merkel?“, fragt der Richter. „Linie Merkel.“

Ob sein Vater ein ängstlicher Mensch gewesen sei, will Sagebiel wissen. Bis zur Bürgerversammlung in Lohfelden nicht, sagt der Sohn. Damals, im Herbst 2015, hatte Walter Lübcke die Errichtung einer Flüchtlingsunterkunft angekündigt und war anschließend zum Ziel rechtsextremer Hasskampagnen geworden. Da sei sein Vater schon beunruhigt gewesen, sagt Jan-Hendrik Lübcke. Konkrete Ängste habe er aber wohl nicht gehabt. „Er hat sich vor allem mehr politische Unterstützung gewünscht“, habe sich „allein auf verlorenem Posten“ gefühlt.

Vorher war der Pfarrer zu Besuch

Der jüngere Sohn Walter Lübckes ist als Zeuge geladen, weil er es war, der seinen Vater fand. Er wohnt mit seiner Frau und dem gemeinsamen Kind im Elternhaus in Wolfhagen-Istha und kam an diesem Samstagabend im Juni 2019 von der Weizenkirmes. Freunde hatte er da getroffen, seinen Bruder und dessen Frau. „Ich bin den Turmplatz entlanggelaufen“, erzählt Jan-Hendrik Lübcke.

Als er die Einfahrt hochgegangen sei, gegen halb eins, habe er wahrgenommen, dass in der Küche noch Licht brannte. Er spricht ruhig, wirkt gefasst, macht detaillierte Angaben. Ein Fenster sei offen gewesen, da habe er gedacht, dass die Eltern es wieder nicht richtig verschlossen hätten; seit eineinhalb Jahren habe ihn dieses Thema umgetrieben. „Das musst du morgen noch mal ansprechen, dachte ich.“ Das Licht in der Küche habe ihm gesagt, dass die Eltern „in irgendeiner Form noch wach sind“. Sein Vater habe am Abend noch Besuch von einem befreundeten Pfarrer gehabt, der „ein gutes Gespräch“ gesucht habe.

„Dann bin ich auf die Terrasse getreten.“ Er habe um die Ecke sehen wollen, ob da noch jemand sitze, sagt er und hält inne. „Dann konnte ich meinen Vater sehen.“ Er habe gedacht, der schlafe. „Darf ich das mal nachmachen?“, fragt Jan-Hendrick Lübcke. Er lässt den Kopf nach hinten fallen, öffnet den Mund, legt die Arme rechts und links neben den Oberkörper, die Handflächen zeigen nach oben. Zwischen den Fingern habe noch eine Zigarette gesteckt. Die habe ausgesehen, als sei sie angezündet worden und sogleich erloschen, noch ganz lang.

Der Richter fragt, ob Zigaretten, einmal angezündet, nicht durchglömmen. Jan-Hendrik Lübcke antwortet höflich, das habe er auch gedacht, sich aber erkundigt. EU-Recht schreibe seit 2012 vor, dass Zigaretten von allein ausgehen müssen.

Als er seinen Vater so sitzen sehen habe, habe alles „ganz normal“ ausgesehen. Er habe sich gedacht: „Gut, er ist etwas älter geworden, da ist er mal eingenickt.“ Dann habe er seinen Vater angesprochen, gepfiffen. Als der nicht reagiert habe, habe er ihm an den Unterarm gefasst. „Oh, der ist sehr kühl“, habe er gedacht, seinem Vater dann leicht auf die Wange, leicht auf den Bauch geklopft. Als der auch darauf nicht reagiert habe, habe er Panik bekommen. „Da ging mir durch den Kopf: Hier ist was passiert.“ Zuerst habe er an einen Herzinfarkt gedacht.

„Damit werden wir niemals fertig“

Als er den Rettungswagen gerufen habe, habe man ihm gesagt, er solle den Puls fühlen, nach Atem lauschen. Schließlich sei er aufgefordert worden, den Vater wiederzubeleben. An der Hüfte habe er ihn vom Stuhl gezogen und „ganz vorsichtig“ hingelegt. „In dem Gedanken, dass ich ihn wiederbelebe, habe ich das ganz, ganz vorsichtig gemacht.“ Erst als der Krankenwagen da gewesen sei, habe er die Wiederbelebung unterbrechen und seine Mutter holen dürfen, die den Sohn seines Bruders im Haus beaufsichtigt habe. Auch der Bruder sei dann von der Kirmes herbeigerufen worden, erzählt Jan-Hendrik Lübcke. Zum ersten Mal bricht seine Stimme. Der Vorsitzende Richter fragt, ob er eine Pause brauche. „Nein.“ Im Krankenhaus seien sie dann in einen Raum geführt worden, der so ausgesehen habe, als würde einem da die „Todesnachricht“ überbracht. „Und so kam es dann ja auch.“

Ob man ihnen die Todesursache mitgeteilt habe, fragt Sagebiel. „Nein.“ Nach einiger Zeit sei in der Nacht ein Kriminalbeamter auf ihn zugekommen. Der habe gesagt, da sei ein Gegenstand im Kopf gefunden worden. „Da wussten wir also von ,einem Gegenstand‘.“ Der Vorsitzende möchte noch wissen, was der Mord mit der Familie gemacht habe. „Na ja“, sagt Jan-Hendrik Lübcke. „Wir sind innerlich zerrissen.“ Es bleibe unbegreiflich, was ihnen und dem Vater angetan worden sei. „Damit werden wir niemals fertig.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Grunert, Marlene
Marlene Grunert
Redakteurin in der Politik.
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