Lukas Beckmann - Gründervater der Grünen

Der Unbekannte unter den Allerwichtigsten

Von Günter Bannas, Berlin
11.11.2010
, 16:48
Lukas Beckmann Anfang 2010 in Berlin auf der Festveranstaltung anlässlich des 30-jährigen Bestehens der Partei in der Heinrich-Böll-Stiftung.
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Keiner der wahren Gründer der Grünen ist so unbekannt geblieben wie er: Lukas Beckmann blieb stets wenig öffentlich. Aber seine Linie hat obsiegt. Jetzt wurde der ehemalige Bundesgeschäftsführer von seiner Partei verabschiedet.
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Eine Nachkriegsvilla nebst Garage ist die erste Steuerbrücke gewesen, von der aus Lukas Beckmann Politik dirigierte. Grundstück an Grundstück zum Erich-Ollenhauer-Haus, der damaligen Zentrale der SPD in Bonn, lag sie, und auf der anderen Seite der Friedrich-Ebert-Allee stand das Konrad-Adenauer-Hochhaus der CDU. Eine schiere Provokation war die Villa: leicht heruntergekommen, Papierkisten vor der Tür. Langhaarige Bartträger gingen ein und aus. Lukas Beckmann war der wichtigste von ihnen.

Er war 1979 schon Bundesgeschäftsführer der Grünen, als die sich nicht einmal als Partei konstituiert hatten. Beckmann war verschwiegen und aktiv - eine graue Eminenz schon, als er noch keine 30 Jahre alt war. Keiner der wahren Gründer der Grünen ist so unbekannt geblieben wie er. Doch niemand war so lange wie er in und zu Diensten der Grünen - zuletzt als Verwaltungschef („Geschäftsführer“) der Bundestagsfraktion. Am Mittwochabend wurde Beckmann in einem vergleichsweise kleinen Rahmen verabschiedet.

Im engeren Sinne der Politik hatte Beckmann nur kurze Zeit ein Wahlamt inne - von 1984 bis 1987 war er einer der (damals drei) Vorstandssprecher. Beckmann war Geschäftsführer - politischer aber als die später dazugekommenen Parteikarrieristen. „Die Umfragen für uns Grüne sind jetzt so, wie wir sie uns immer gewünscht haben“, hat er nun in seiner Abschiedsrede gesagt. Eine „Katastrophe“ wäre es für Politik und Gesellschaft und Partei, politische Macht, die auf der „Straße“ liege, nicht aufzunehmen. Der Aktivist hatte nie zu jenen Grünen gehört, die die Partei fern der Macht organisieren wollten.

Lukas Beckmann auf dem Parteitag der Grünen im 
Mai 1986
Lukas Beckmann auf dem Parteitag der Grünen im Mai 1986 Bild: Barbara Klemm, F.A.Z.

Zum Begriff der Anti-Parteien-Partei hatte er wohl ein instrumentelles Verhältnis. Einer der ersten Grünen war er, der vom Prinzip der „Rotation“, dem Auswechseln der Abgeordneten zur Hälfte einer Wahlperiode, Abstand nehmen wollte. Die Fundamentalisten und Ökosozialisten waren gegen ihn. Im Vorstand mit Jutta Ditfurth und Rainer Trampert war er isoliert. Am Ende setzte sich Beckmanns Linie durch.

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Nichts war damals selbstverständlich

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Nun gab es Anekdoten. Nichts sei selbstverständlich gewesen, hat Beckmann erzählt, nicht die Fernseh- und Radiospots vor Wahlen, nicht die Beteiligung der Grünen an Fernsehrunden, weshalb sie damals 1980, am Appellhofplatz in Köln, den WDR besetzt hätten, eine Telefonleitung hätten sie gekappt und von einer anderen die dpa angerufen, und als die Polizei gekommen sei, hätten schon Hunderte von Menschen vor dem Sender gestanden, und als sie die Zusage gehabt hätten, sie hätten das Recht auf einen Fernsehspot, habe er gesagt, er wolle davon keinen Gebrauch machen, weil sie durch ihre Aktion so viel Reklame gehabt hätten, dass weitere Spots den anderen Parteien gegenüber ungerecht wären. Später dann sei es vergleichsweise leicht gewesen, an Bundestagsrunden des Fernsehens teilzunehmen. Doch habe er nicht mitteilen können, wer komme - darüber herrschte Streit im Vorstand.

Ja, genau, sagten da die Zuhörer, so sei das heute noch. Auf einige wirkte es wie Geschichten nach dem Motto „Opa erzählt vom Krieg“. Andere kannten das meiste aus den frühen Zeiten. Michael Vesper, früher Minister in Düsseldorf und nun führender Mann im Sportwesen, war gekommen - er war nach einem kurzen Auftritt Martin Schatas der prägende Verwaltungschef der Grünen-Fraktion, als noch Zimmer und Besprechungsräume im Bundestag zu erkämpfen waren. Büromitarbeiter Otto Schilys, der zum ersten Fraktionsvorstand der Grünen gehört hatte, waren da und solche von Petra Kelly, der mythischen Gründungsfigur.

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Aus der ersten Bundestagsfraktion waren Marie-Luise Beck, Christian Ströbele (damals „Nachrücker“) und Milan Horacek anwesend, der mit Beckmann ein grünes Netzwerk flocht. Beckmann, Jahrgang 1950, verkörpert dieses Netzwerk. Er wirkte in der kirchlichen Jugendarbeit, bei Amnesty International, in Dritte-Welt-Gruppen, er engagierte sich an der von Joseph Beuys gegründeten Freien Internationalen Universität. Er zählte zu den Initiatoren des „Koordinierungsausschusses“ der Friedensbewegung und führte dort einen heftigen Kampf gegen die moskautreuen Mitglieder und deren sozialdemokratische Freunde. Vier Stationen absolvierte er bei den Grünen: Bundesgeschäftsführer der Partei, Vorstandssprecher, Gründungsgeschäftsführer der Heinrich-Böll-Stiftung, Geschäftsführer der Fraktion.

Christentum und Liberalismus in Verhältnis mit Realpolitik bringen

Jürgen Trittin hielt die Laudatio. Dabei erwähnte er Beckmanns Grundsatz, dass sich die Grünen nicht in Abhängigkeit von anderen Parteien definieren dürften. Ziemlich früh habe er Koalitionen auch mit der CDU nicht ausschließen wollen. Die Grundwerte des Christentums und des Liberalismus habe Beckmann in ein Verhältnis zur Realpolitik bringen wollen, sagte der Fraktionsvorsitzende, der selbst dem linksradikalen Milieu („Kommunistischer Bund“) entstammt. Renate Künast („Wir wünschen dir viel Erfolg, und danke, dass du bei uns warst“) schüttelte die Blumen dermaßen heftig, dass sie vor der Übergabe Blüten verloren.

Beckmann provozierte auch an diesem Abend. Für die Grünen der Bundesrepublik Deutschland sei es „ein großes Glück“ gewesen, dass sie 1990 nicht in den Bundestag gewählt worden seien. So seien sie auf ein Zusammengehen mit „Bündnis 90“ aus der vormaligen DDR angewiesen gewesen, das wegen einer Besonderheit des Wahlrechts 1990 in den Bundestag gekommen war. Sonst, sagte Beckmann, hätte der linke Flügel der Grünen obsiegt und statt einer Fusion mit „Bündnis 90“ eine Zusammenarbeit mit der PDS durchgesetzt. Ströbele, seinerzeit Vorstandssprecher der Partei, sah Anlass, ein langes Gespräch mit Beckmann zu führen.

Im März geht Beckmann zur genossenschaftlichen „GLS Gemeinschaftsbank“, die einst von Anthroposophen gegründet worden war und freie Schulen, regenerative Energien und Behinderteneinrichtungen unterstützt. Als „Geschenk“ für ihn wird die Fraktion im Frühjahr ein Symposion veranstalten - rund ums Geld und dessen alternative Verwendung.

Quelle: F.A.Z.
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