Mahnmal für Sinti und Roma

„Wir haben jetzt einen Ort“

Von Mechthild Küpper, Berlin
24.10.2012
, 17:30
Der Überlebende Reinhard Florian (rechts) und der Künstler Dani Karavan geben sich die Hand. Hinter ihnen Bundeskanzlerin Merkel, der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit und Kulturstaatsminister Neumann (ganz links)
Es hat lange gedauert, nun wurde das „Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas“ in Berlin eröffnet. Der Weg dorthin war steinig.
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Gegen elf Uhr vormittags kam die Sonne heraus. Das wirkte wie ein günstiges Zeichen des Himmels für den Ort, zu dessen Eröffnung man in einem langen Zelt südlich des Reichtages zusammengekommen war. Kaum ein Redner versäumte es, auf die lange Zeit hinzuweisen, die zwischen Plan und Einweihung vergangen war: Über zwanzig Jahre lang wurde um das „Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas“ gestritten, gerungen, daran gebaut und wieder gestritten. Seit Mittwoch ist es fertig.

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Es liegt „an einem kleinen, unscheinbaren Platz, der sich dem Lärm der Großstadt entzieht“, wie der Künstler Dani Karavan schrieb, der es entwarf. Ganz so unscheinbar ist der Platz nicht, von ihm aus liegen der Reichstag und das Haus der Parlamentarische Gesellschaft in Sichtweite. Das neue Denkmal, darauf wies die Kanzlerin hin, liegt „mitten in Berlin“, und das ist durchaus angemessen, wie sie darlegte. Denn „mitten in Berlin“ habe auch „die Katastrophe ihren Lauf“ genommen, die bis heute Deutsche mit „Trauer und Scham“ erfülle.

Zwanzig Jahre bis zur Fertigstellung eines Denkmals, das klingt eindrucksvoller als es ist. Denn das andere Denkmal, das 2005 endlich fertigwurde, das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, brauchte immerhin siebzehn Jahre. Weil dieses Denkmal aber nicht der Opfer aller nationalsozialistischen Massenmorde gedenkt, sondern der jüdischen Opfer allein, wurden in Berlin für andere Opfergruppen der Nazis jeweils eigene Gedenkorte errichtet. Im Mai 2008 wurde das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen fertig, das gegenüber dem Stelenfeld von Peter Eisenman im Tiergarten liegt. Nun wurde Karavans Denkmal übergeben. Im Herbst soll der Wettbewerb für ein Denkmal für die Opfer der Euthanasie stattfinden. Vor der Philharmonie steht zwar seit Jahren die Skulptur von Richard Serra „Berlin Curves“, die für die Euthanasieopfer errichtet wurde, und eine Tafel „Ehre den vergessenen Opfern“ erinnert an die Adresse Tiergartenstraße 4, von wo aus die Ermordung der Kranken und Hilflosen organisiert wurde. Doch wer noch nichts über diesen Ort weiß, tut sich schwer, die Skulptur und die Informationen zusammenzubringen.

Es sei „ein besonderer, ein bewegender Augenblick“, sagte der Staatsminister für Kultur, Bernd Neumann, bei der feierlichen Eröffnung. Das Denkmal für die Sinti und Roma bilde einen „wichtigen Baustein in der deutschen Erinnerungskultur“. Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, bedankte sich ausdrücklich bei Neumann: „Sie haben dieses Denkmal zu Ihrer persönlichen Angelegenheit gemacht.“ Klaus Wowereit, der Regierende Bürgermeister von Berlin, erinnerte daran, dass Berlin erst im vergangenen Jahr in Marzahn einen kleinen Gedenkort geschaffen hat. Dort wurden 1936, im Jahr der Olympischen Spiele, die Berliner Sinti und Roma unter unwürdigen Verhältnissen auf einem „Rastplatz“ festgehalten, von dem aus sie später deportiert wurden. Zoni Weisz, der 1944 als Siebenjähriger von einem holländischen Polizisten vor der Deportation bewahrt wurde, zeigte große Genugtuung darüber, dass dem „vergessenen Holocaust“ endlich Aufmerksamkeit zuteil werde: „Wir haben jetzt einen Ort“.

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Der Beschluss des Bundestags, dem Denkmal für die ermordeten Juden eines für die ermordeten Sinti und Roma folgen zu lassen, stammt von 1992. Seither gab es immer wieder Streit um das schließlich 2,8 Millionen Euro teure Monument. Dani Karavan, der israelische Künstler, der auf Vorschlag des Zentralrats den Auftrag ohne Ausschreibung erhielt, legte seinen Entwurf eines kreisrunden Wasserbeckens vor, dessen Schwärze, so sagte er selbst, wie eine „tiefe schwarze Grube“ wirken soll. Ein dreieckiger Stein in der Mitte – der an die „Winkel“ erinnern soll, die Sinti und Roma als „Asoziale“ im KZ tragen mussten – wird einmal am Tag hydraulisch bewegt, so dass jeweils eine frische Blume auf ihn gelegt werden kann.

Der Zentralrat kämpfte gegen die Bezeichnung „Zigeuner“

Um den Text zum Denkmal wurde lange gestritten, auch unter den Opferverbänden. Während die inzwischen verstorbene Vorsitzende der „Sinti Allianz“, Natascha Winter, an die Neumann erinnerte, nichts gegen die Bezeichnung „Zigeuner“ hatte, kämpfte der Zentralrat entschieden gegen das als Diskriminierung empfundene Wort. Auch um die Gleichstellung mit den Juden wurde gerungen. Sogar um die Opferzahlen gab es Auseinandersetzungen, was daran liegt, dass die nationalsozialistische Verfolgung der Sinti und Roma nicht so intensiv erforscht worden ist wie die der Juden.

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Und da die Politik davor zurückschreckte, Partei zu ergreifen und sich möglicherweise angreifbar zu machen, sieht es um das Denkmal herum heute so aus, wie es aussieht: Die von den Sinti und Roma als Durchbrüche empfundenen Sätze des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt von 1982 und des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog von 1997 stehen auf großen, dem Reichstag zugewandten Tafeln. So liest jeder Passant, dass maßgebliche Deutsche die Verfolgung der Sinti und Roma als Völkermord anerkennen und sie mit dem Holocaust an den Juden gleichsetzen. Auf dem Brunnenrand selbst ist, in Englisch, Deutsch und Romanes, das Gedicht „Auschwitz“ von Santino Spinelli zu lesen. Eine „Chronologie des Völkermordes an den Sinti und Roma“, deren Texte von Historikern des Münchner Instituts für Zeitgeschichte und des NS-Dokumentationszentrums in Köln geschrieben und deren Wortlaut 2007 vom Bundesrat und vom Ausschuss für Kultur und Medien des Bundestags ausdrücklich begrüßt wurde, ist auf Tafeln zu lesen.

Spürbare Erleichterung beim Festakt

Gebaut wurde, mit vielen Stops und Streits um Prinzipien und um Details, seit Dezember 2008. Das Grundstück stellte das Land Berlin, das seinen Bauherrenstatus schließlich gern abgab. Betreut wird dieses Denkmal wie das für die Homosexuellen von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Nach dieser komplizierten Vorgeschichte zeigten sich alle Beteiligten am Festakt spürbar erleichtert. Die Bundeskanzlerin mahnte, dass auf „Ausgrenzung und Ablehnung“ auch heute reagiert werden müsse: „Menschlichkeit bedeutet Anteilnahme“, sagte die Kanzlerin, „vom Hinsehen leben Zivilisation, Kultur und Demokratie“.

Quelle: F.A.Z.
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