Jubiläum des Frauenwahlrechts

„2018 ist Zeit für halbe-halbe“

Von Malu Dreyer
12.11.2018
, 14:29
Frauen stehen im Januar 1919 in einer Schlange vor einem Wahllokal und machen von dem im November 1918 eingeführten Frauenwahlrecht Gebrauch.
Seit 100 Jahren gibt es das Frauenwahlrecht. Doch der Weg zur Gleichberechtigung ist lang – und am Ziel angekommen sind wir noch nicht. Ein Gastbeitrag.
ANZEIGE

Wir haben viel erreicht. Meine Großmutter war 13 Jahre alt, als Frauen in Deutschland 1919 zum ersten Mal wählen durften. Als meine Mutter als Kindergärtnerin arbeitete, musste mein Vater ihr noch schriftlich die Genehmigung erteilen. Ich selbst war bereits 36 Jahre alt, als Vergewaltigung in der Ehe endlich zur Straftat wurde. Meine Enkelin hingegen kann heute in dem Bewusstsein aufwachsen, dass Frauen alles werden können. Diese Möglichkeiten möchte ich für alle Mädchen in Deutschland schaffen, darin sehe ich meine Aufgabe als Politikerin und Frauenrechtlerin.

Waren sie nie weg, oder kehren sie zurück? Tatsache ist, dass reaktionäre Frauenbilder wieder auf dem Vormarsch sind. In viele Parlamente ist mit der AfD eine Partei eingezogen, die ein rückständiges und „völkisches“ Frauenbild vertritt. Sie spricht von einer „natürlichen Geschlechterordnung“ und erklärt die Erhöhung der Geburtenzahl zum Staatsziel. Ganztagsschule, Kita oder Hort lehnt sie ab.

ANZEIGE

Ein Rollback schleicht sich auch ein, weil nicht wenige Männer und Frauen, die aus muslimisch geprägten, patriarchalen Gesellschaften nach Deutschland gekommen sind, an der Vorstellung festhalten, dass Frauen sich aus dem öffentlichen Leben fernhalten sollten. Nicht zu unterschätzen sind auch Strömungen christlich fundamentalistischer Prägung. Ein Ausdruck davon sind fundamentalistische Lebensschützer. Plötzlich müssen wir Frauen wieder unser Recht auf körperliche Selbstbestimmung verteidigen.

Gewalt gegen Frauen ist Alltag in Deutschland

Beim Thema Frauenrechte gibt es nichts zu relativieren! Menschen, die Frauen das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben absprechen wollen, trete ich klar entgegen – völlig egal, welche Motive sie haben. Und das gilt insbesondere für Gewalt gegen Frauen. Sie ist nicht erst durch die Zuwanderung nach Deutschland gekommen, sondern schon trauriger Alltag in unserem Land. Etwa 6100 Frauen wurden 2017 in Rheinland-Pfalz Opfer von Gewalt in engen sozialen Beziehungen. Die Täter waren Ehemänner, Kollegen, Freunde – über 16 Straftaten an jedem Tag! Das ist eine skandalöse, eine verstörende Zahl. Unter den Tätern und Opfern waren auch zugewanderte Menschen. Es gibt Flüchtlinge, die sich gegenüber Frauen respektlos verhalten und die Diskriminierung und Gewalt ausüben. 288 Mal haben Zuwanderer 2017 in Rheinland-Pfalz Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung begangen. Das ist in den Augen vieler Menschen deshalb besonders unerträglich, weil die Täter nach Deutschland gekommen sind, um hier Schutz vor Gewalt zu suchen. Ich sage: Jede einzelne Tat gegen Frauen ist inakzeptabel – unabhängig davon, wer sie begeht und wer das Opfer ist. Männer, die das tun, greifen unsere Gesellschaft als Ganzes an. Meine Antwort auf diese Angriffe lautet: null Toleranz, ausnahmslos!

Die Frauenbewegung war immer stark, wenn sich Menschen über die politischen Lager hinweg zusammengeschlossen haben. Deswegen macht es mich nachdenklich, wenn dieselben Politiker und Politikerinnen, denen in den letzten Jahren kein Argument zu absurd war, um Quoten für weibliche Führungskräfte zu verhindern, die Rückkehr von Teilzeit in Vollzeit zu erschweren, den Ausbau der Kinderbetreuung zu verzögern, sich jetzt unter fragwürdigen Vorzeichen als Feministen aufschwingen. Deswegen sage ich, ich setze mich nicht nur für Frauen ein, wenn sie deutsch sind, und prangere Frauenfeinde nicht nur an, wenn sie Ausländer sind.

ANZEIGE

Ich bin seit Jahrzehnten Feministin. Das Eintreten für ein gleichberechtigtes Leben von Mädchen und Frauen begleitet mich schon mein ganzes Leben. In den achtziger Jahren habe ich einen Mädchentreff in Mainz mitgegründet – femma e.V., den gibt’s bis heute. Die Herausforderungen haben sich mit der Zeit verändert, die Ziele blieben gleich. Und meine Überzeugungen auch. Erstens: Mein Feminismus war nie ein pauschaler Kampf „gegen Männer“, sondern ist ein Eintreten für die Rechte und die Selbstbestimmung von Frauen. Ich bin überzeugt, dass dabei am Ende alle gewinnen. Zweitens: Für mich hat es nie eine Rolle gespielt, woher die Mädchen und Frauen kamen, für die ich mich eingesetzt habe. Genauso wenig hat mich interessiert, woher die Männer kamen, vor denen wir sie schützten. Für mich stand und steht fest: Ausnahmslos müssen wir allen Männern die rote Karte zeigen, die Frauen diskriminieren oder unterdrücken. Und wir müssen ausnahmslos alle Mädchen und Frauen unterstützen und stärken, die Unterdrückung erfahren.

ANZEIGE

Selbstbestimmung durch finanzielle Unabhängigkeit

Für mich als Feministin ist es Aufgabe der Politik, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass Mädchen und Frauen ihr Leben ohne Angst und selbstbestimmt leben können. Dazu gehören Hilfestrukturen, wenn Frauen in ihren Familien unterdrückt oder bedroht sind. Wir haben unsere Angebote in den letzten Jahren so erweitert, dass auch neu zugewanderte Frauen Ansprechpartner finden. Viele dieser Frauen stammen aus Ländern, in denen ihnen grundlegende Rechte sowie Bildung vorenthalten wurden. Und sie leben oft mit Männern zusammen, die auch in Deutschland an dieser Tradition festhalten. Diesen Frauen müssen wir vermitteln, welche Rechte sie in Deutschland haben und wie sie diese einfordern können. Wir unterstützen sie außerdem mit Sprachkursen und beim Einstieg in den Arbeitsmarkt. Denn für alle Frauen gilt: Ein selbstbestimmtes Leben gelingt leichter, wenn sie auch finanziell auf eigenen Füßen stehen.

„Relative Beitragsstabilität“: Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, hat ein neues Schlagwort.
„Relative Beitragsstabilität“: Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, hat ein neues Schlagwort. Bild: dpa

Wenn wir die Gewalt gegen Frauen verhindern wollen, dann müssen wir Mädchen und Jungen von klein auf zeigen, dass sie gleichberechtigt sind. Denn bei Diskriminierung und Gewalt geht es im Kern um Macht und Unterdrückung. Die Gegenmittel lauten Gleichheit und Respekt. Ich werde nicht hinnehmen, wenn Mädchen in ihren Rechten beschnitten werden, Frauen diskriminiert werden. Ich werde weiter dafür eintreten, dass Frauen selbstbestimmt entscheiden können, ob sie einen Minirock tragen oder ob sie ihr Haar bedecken.

100 Jahre nachdem Frauen zum ersten Mal wählen durften und 99 Jahre nachdem die Sozialdemokratin Marie Juchacz als erste Parlamentarierin in der Weimarer Nationalversammlung gesprochen hat, liegt der Frauenanteil im Bundestag immer noch bei nur 30 Prozent. Das zeigt: Wir erreichen die Gleichberechtigung nicht durch Abwarten oder Flexi-Quoten. Wir brauchen eine gesetzliche Regelung, um den Gleichstellungsauftrag des Artikels 3 Absatz 2 Satz 2 des Grundgesetzes in die Tat umzusetzen, den die Gründerväter und -mütter schon vor knapp 70 Jahren festgeschrieben haben. Wir brauchen Parität und Chancengleichheit von Männern und Frauen in allen Positionen, die mit Macht und Einfluss ausgestattet sind. 2018 ist Zeit für halbe-halbe.

Malu Dreyer ist stellvertretende Vorsitzende der SPD und Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Immobilienbewertung
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
Sprachkurs
Lernen Sie Englisch
Kapitalanlage
Pflegeimmobilien als Kapitalanlage der Zukunft
Automarkt
Top-Gebrauchtwagen mit Garantie
Gasvergleich
Gas vergleichen und sparen
Zertifikate
Ihre Weiterbildung im Compliance Management
ANZEIGE