Missbrauch in der Kirche

Was heißt hier Aufarbeitung?

Von Daniel Deckers und Thomas Jansen
20.11.2020
, 20:17
Die Vorwürfe gegen das Erzbistum Köln wegen der Zurückhaltung eines Gutachtens über sexualisierte Gewalt werden immer lauter. Doch der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken findet keine klare Haltung dazu.

Das Gutachten über sexuellen Missbrauch im Bistum Aachen ist seit einem Tag öffentlich, das vergleichbare Gutachten über das Handeln von Verantwortungsträgern im Erzbistum Köln wird seit Wochen unterdrückt; Mitglieder des Betroffenenbeirates des Erzbistums sprechen vom „Missbrauch des Missbrauchs“. Vor diesem Hintergrund sitzt am 13. November einer der mutmaßlichen Helfershelfer vom Rhein als Erzbischof von Hamburg dem Präsidium des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) Auge in Auge gegenüber. Doch Thomas Sternberg, der Präsident des ZdK, sieht keine Veranlassung, das Agieren von Stefan Heße in der „Gemeinsamen Konferenz“ von ZdK und Deutscher Bischofskonferenz zum Thema zu machen. Heße war nicht nur lange als Leiter der Hauptabteilung Personal-Seelsorge in Köln mit vielen Missbrauchsfällen befasst. Er ist auch Geistlicher Assistent des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK).

Karin Kortmann, eine der Vizepräsidentinnen des ZdK, stellt Heße zur Rede. Dieser verteidigt sich mit denselben wolkigen Unschulds- und Nichtwissens-Bekundungen, die seit Wochen zu lesen sind. Keiner der anwesenden Bischöfe, unter ihnen Georg Bätzing, der Vorsitzende der Bischofskonferenz, springt ihm bei. Er sei „in einer schwierigen Situation“, heißt es an diesem Freitag, dem 13. November.

Zu Beginn der neuen Woche wird Sternberg dann klargemacht, dass er die bevorstehende Vollversammlung des ZdK nicht bestreiten könne, ohne dass das Präsidium sich zu den jüngsten Verwerfungen verhalte. Intern verbreitet er nach wie vor die Einschätzung, Heße solle „ans Messer geliefert“ werden. Am Donnerstagmorgen wird klar, in welche Richtung der Präsident die Vollversammlung steuern will. „Die Opfer sexueller und geistlicher Gewalt in den Strukturen der katholischen Kirche brauchen unsere Unterstützung!“, ist in dem Entwurf einer Erklärung der Vollversammlung zu lesen. Doch wie? Eine eigene Agenda hat das ZdK nicht, nur eine neuerliche Erklärung, die in dem üblichen „Wir verurteilen – begrüßen – fordern“-Duktus gehalten ist.

„Loyal an der Seite der Bischofskonferenz“?

Mit einer Formulierung hat das Präsidium den Bogen jedoch überspannt. Der Satz „Im Prozess der Aufarbeitung bewegt sich das Zentralkomitee der deutschen Katholiken loyal an der Seite der Deutschen Bischofskonferenz“ stößt unter Mitgliedern der Vollversammlung auf Empörung. Am frühen Donnerstagabend liegt ein neuer Entwurf vor. Zwei Stunden später erklärt Heße, er werde bis zur Klärung aller Vorwürfe auf die Ausübung seines Amtes als Geistlicher Assistent verzichten. In der Nacht nimmt ein neuer Entwurf Gestalt an. Das Präsidium muss mittlerweile mit Rücktrittsforderungen rechnen.

In der Vollversammlung am Freitag kommt Sternberg erst spät auf die jüngsten „Kölner Wirren“ zu sprechen. Er ist in seinem „Bericht zur Lage“ auffallend darum bemüht, sich nicht festzulegen. „Wenn die Presseberichte zutreffen, nach denen der Betroffenenbeirat im Erzbistum Köln instrumentalisiert wurde für die Akzeptanz einer veränderten Strategie, dann ist das ein sehr schwerwiegender Skandal“, sagt er. Einer Rekonstruktion dieser Ereignisse durch die F.A.Z. hat das Erzbistum nicht widersprochen. Den Namen Woelki nimmt Sternberg nicht in den Mund. Er sagt nur, wer Transparenz ankündige, müsse auch für eine „angemessene Veröffentlichung“ sorgen.

„Intransparente Vorgänge“ im Erzbistum Köln

Sehr deutlich machte Sternberg hingegen, dass er von einer juristischen Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in den deutschen Bistümern wenig hält: Man solle diese Aufgabe Historikern überlassen, empfiehlt der ZdK-Präsident. Im Gegensatz zu Juristen, die stets im Auftrag handelten, seien diese unabhängig. Vor allem diese Aussage ruft in der anschließenden Aussprache Widerspruch hervor. Sternberg weicht zurück: Er habe nicht gesagt, dass nur Historiker sexualisierte Gewalt aufarbeiten sollten. Er habe vielmehr sagen wollen, dass dies interdisziplinär erfolgen müsse. Der Name Heße spielt in der Aussprache keine Rolle.

In dem Antrag, den die Vollversammlung am frühen Nachmittag verabschiedet, werden „intransparente Vorgänge“ im Erzbistum Köln kritisiert. „Wir fordern, diese vollständig offenzulegen“, heißt es. Insbesondere müssten die Ergebnisse des Gutachtens der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl zugänglich gemacht werden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Deckers, Daniel
Daniel Deckers
in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.
Autorenporträt / Jansen, Thomas
Thomas Jansen
Redakteur in der Politik.
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