Missbrauch

Vatikan verschärft Strafnormen

Von Jörg Bremer, Rom
15.07.2010
, 16:40
Die Verjährungsfrist wird verlängert und Missbrauchsfälle können dem Papst künftig direkt vorgelegt werden: Mit diesem Schritt versucht Papst Benedikt XVI., den Kampf der katholischen Kirche gegen Missbrauch transparenter zu machen und Rechtssicherheit zu schaffen.

Der Heilige Stuhl hat am Donnerstag die vor wenigen Tagen angekündigte Neufassung und Verschärfung des Kirchenrechts gegen den sexuellen Missbrauch durch Geistliche veröffentlicht. Die Normen gegen schwere Verbrechen (Normae de gravioribus delictis) fassen vor allem die zum Teil seit dem Jahr 2001 geltenden und im Jahr 2005 nach der Ernennung von Papst Benedikt XVI. bestätigten Bestimmungen zusammen und machen sie für eine breite Öffentlichkeit zugänglich. Der Papst versucht mit diesem Schritt, den Kampf der katholischen Kirche gegen Missbrauch transparenter zu machen sowie Rechtssicherheit zu schaffen. Das Dokument der seit 2001 für diese Verfahren zuständigen Glaubenskongregation sieht vor allem eine Beschleunigung der kirchenrechtlichen Verfahren vor.

Die Verjährungsfrist wird wieder generell und nicht nur in Ausnahmefällen von zehn auf zwanzig Jahre angehoben, wie es schon vor Jahrzehnten einmal der Fall war. Die Novellierung stellt den Missbrauch an geistig behinderten Menschen mit Übergriffen auf Minderjährige gleich. Der Besitz pornographischen Materials von „Minderjährigen unter 14 Jahren in jedweder Form und mit jedwedem Mittel a clerico turpe patrata (durch einen Kleriker in übler Absicht)“ steht künftig auch kirchenrechtlich unter Strafe. An den zuständigen Kirchengerichten sind den neuen Normen zufolge künftig auch Laien zugelassen.

Die überarbeiteten Regelungen sollen laut Federico Lombardi, dem Sprecher des Vatikans, dazu beitragen, den Kampf gegen sexuelle Übergriffe von Priestern und Kirchenmitarbeitern wirksamer zu bekämpfen. Die Zusammenarbeit der katholischen Kirche mit den zivilen Behörden bei Missbrauchsfällen bleibt nach Angaben Lombardis nach wie vor den jeweiligen Landesgesetzen unterworfen.

Ein Missbrauchsfall kann direkt dem Papst vorgelegt werden

Auch für die zügige Entlassung eines Priesters aus dem Klerikerstand schreiben die Normae de gravioribus delictis die bisherige Praxis der Glaubenskongregation in Rom weltweit für alle Bischofskonferenzen gesetzlich fest. Demnach kann der Heilige Stuhl diese schwerste Strafe des Kirchenrechts direkt und auch ohne Gerichtsverfahren auf dem Verwaltungsweg verhängen. Zudem kann ein Missbrauchsfall auch direkt dem Papst vorgelegt werden, der einen Priester ohne Gerichtsverfahren von dessen Vollmachten entheben kann.

Die neuen Normen beziehen sich aber nicht nur auf Missbrauchsfälle, sondern betreffen auch schwerwiegende Straftaten gegen den Glauben (delicta contra fidem) wie Häresie, Apostasie und Schisma sowie gegen die Sakramente. So wird zum Beispiel der Straftatbestand „der versuchten heiligen Weihe einer Frau gemäß der Regelung des Dekrets der Kongregation für die Glaubenslehre vom 19. Dezember“, also die Priesterweihe einer Frau, als schwerwiegender Straftatbestand eingefügt.

Auch gemeinsame Eucharistiefeiern mit Geistlichen anderer Konfessionen, welche die katholische Kirche nicht als Kirchen im vollen Sinne anerkennt, gelten als schwerwiegend. Zu den schwerwiegenden Verfehlungen zählen ebenso der Missbrauch geweihter Hostien sowie die Verletzung des Beichtgeheimnisses, insbesondere Tonaufnahmen von Beichtgesprächen und deren Verbreitung.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot