Kirche und Missbrauch

Claus verlangt von katholischen Laien „neue Qualität des Einmischens“

Von Daniel Deckers, Stuttgart
25.05.2022
, 16:03
Die neue Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Kerstin Claus, am 17. Mai in Berlin
Nicht nur Kleriker, sondern auch Laien müssten sexuelle Gewalt in der Kirche entschiedener aufarbeiten, mahnt die neue Missbrauchsbeauftragte. Bisher gebe es nur wenige Beispiele für eine gute Betroffenenbeteiligung.
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Die neue Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen sexuellen Missbrauchs, Kerstin Claus, hat das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) zu mehr Engagement bei der Aufarbeitung sexueller Gewalt aufgefordert. Das ZdK sei mit den in ihm vertretenen Organisationen und Verbänden „ein wesentlicher Gelingensfaktor zur Aufarbeitung sexueller Gewalt in der katholischen Kirche“, sagte die Missbrauchsbeauftragte am Mittwoch vor der Vollversammlung des ZdK in Stuttgart.

Jedoch müssten die katholischen Laien mit „klaren Forderungen gegenüber der Deutschen Bischofskonferenz und in der Öffentlichkeit“ sichtbarer werden, sagte Claus, die selbst in der evangelischen Kirche beheimatet ist und in den vergangenen Jahren als Mitglied des Betroffenenbeirats beim UBSKM zahlreiche Verhandlungen mit Kirchenleitungen geführt hat.

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Als einen Schritt in die richtige Richtung bezeichnete Claus den Umstand, dass mittlerweile zwei Mitglieder des Betroffenenbeirats bei der Bischofskonferenz der Vollversammlung des ZdK angehörten. Der darin zum Ausdruck kommende Perspektivwechsel weg von einem Reden über Betroffene hin zu deren Beteiligung habe einen eigenen Wert. Gleichwohl müsse sich noch sehr viel vor Ort verändern, in den einzelnen Bistümern, den einzelnen Gemeinden und den einzelnen Verbänden.

Nur wenige Modelle „guter Betroffenenbeteiligung“

Die Betroffenen hätten nicht nur ein Recht auf Aufarbeitung, sondern auch auf Sichtbarkeit. Dies nehme auch den Staat in die Pflicht, habe dieser sein Wächteramt oft nicht oder nicht hinreichend ausgeübt: Kinder und Jugendliche seien nicht geschützt, Betroffene nicht gesehen worden. Daraus ergebe sich für die betroffenen Institutionen heute die Pflicht, Verantwortung für die Aufklärung, die Aufarbeitung und für die Vorbeugung weiterer sexueller Gewalt zu übernehmen.

Auf diesem Weg ist die katholische Kirche in den vergangenen Jahren trotz aller Fehlschläge formal weiter vorangekommen als jede andere Institution in Deutschland. Alle Bischöfe haben sich vor zwei Jahren gegenüber dem damaligen Unabhängigen Beauftragten, Johannes-Wilhelm Rörig, verpflichtet, diözesane unabhängige Aufarbeitungskommissionen und Betroffenenräte einzusetzen.

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Claus berichtete, dass die Kommissionen mittlerweile überall die Arbeit aufgenommen hätten. Desgleichen hätten sich inzwischen in vielen Bistümern Betroffenenräte gebildet. Allerdings gebe es nur wenige Modelle „guter Betroffenenbeteiligung“, etwa in Aachen, Paderborn und Münster. Andernorts sei die Auswahl der Betroffenen wenig transparent erfolgt, zudem fehle es an Ressourcen, die die Unabhängigkeit der Räte garantierten.

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Claus formuliert Erwartungen an das ZdK

An verbindlichen guten und gemeinsamen Standards fehlt es nach Worten der Unabhängigen Beauftragten auch bei den Mandaten für die diözesanen unabhängigen Aufarbeitungskommissionen. Auch daran hat sich das ZdK wie an so vielen anderen Missständen in den einzelnen Bistümern bislang nicht sonderlich interessiert gezeigt, obwohl ihm aus jedem Bistum mindestens zwei Laienvertreter angehören. Vor diesem Hintergrund kleidete Claus ihre Erwartung an das ZdK in die Worte, nötig sei „eine neue Qualität des Einmischens, im Diskurs mit der Politik und mit der Bischofskonferenz“.

Indes war während der Vollversammlung nicht zu erkennen, dass das ZdK bereits Vorstellungen entwickelt hätte, wie es seiner Rolle besser gerecht werden könnte als in der Vergangenheit. Die Präsidentin des ZdK, Irme Stetter-Karp, verlangte einzig eine stärkere staatliche Normierung der Aufarbeitungsprozesse und verwies auf ein Positionspapier Rörigs sowie die einschlägigen Bekundungen des Koalitionsvertrags zwischen SPD, Grünen und FDP im Bund. Das Präsidiumsmitglied Wolfgang Klose sagte, man erwarte, dass man beteiligt werde.

Freilich hatte die Deutsche Bischofskonferenz schon im vergangenen Herbst angekündigt, sie wolle die „personelle Verantwortungsstruktur für Fragen des sexuellen Missbrauchs auf eine breitere Basis stellen“. Dazu gehöre auch ein Konzept zur Weiterentwicklung des Aufgabenbereichs des Missbrauchsbeauftragten der Bischofskonferenz, „das die neuen Aufgaben, veränderte Anforderungen und Erwartungshaltungen sowie die gewachsene Sensibilität bei Fragen jedweder Form des Missbrauchs berücksichtigen soll“.

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Seit dieser Ankündigung ist wenig geschehen. Zwar hat der Trierer Bischof Stefan Ackermann sein Amt als Missbrauchsbeauftragter nach zwölf Jahren zum kommenden Herbst zur Verfügung gestellt. Aber ein neues Konzept liegt nicht einmal in Grundzügen vor. Mit dem ZdK wurde ebenfalls noch nicht gesprochen, desgleichen mit dem Betroffenenbeirat. Dieser hat inzwischen eine Beteiligung an der „Weiterentwicklung“ eingefordert, das ZdK hat diesen Schritt noch vor sich. Die Einschätzung der Missbrauchsbeauftragten, es brauche „mehr Begleitung und Monitoring“, konnte das ZdK daher auch auf sich selbst beziehen.


Hilfe bei Missbrauchsfällen

Für Betroffene von sexualisierter Gewalt sowie deren Angehörige und Fachkräfte gibt es kostenlose und anonyme Beratungsangebote, die Sie unterstützen.

Kinder und Jugendliche können sich unter der 116 111 an die „Nummer gegen Kummer“ wenden. Die Beratung ist auch per Chat oder E-Mail möglich.

Erwachsene, die sich um ein Kind sorgen, können beim Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch anrufen: Sie ist unter der 0800 22 55 530 montags, mittwochs und freitags von 9:00 bis 14:00 Uhr sowie dienstags und donnerstags von 15:00 bis 20:00 Uhr erreichbar. Das Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch bietet zudem Informationen für Betroffene wie Angehörige und listet Therapieangebote in Ihrer Nähe.

Die Medizinische Kinderschutzhotline richtet sich an medizinisches Fachpersonal, das mit Verdachtsfällen konfrontiert ist. Sie ist unter der 0800 19 210 00 rund um die Uhr erreichbar.

Wer das Gefühl hat, pädophile Neigungen zu haben, findet bei „Kein Täter werden“ Ansprechpartner. Es gilt die ärztliche Schweigepflicht.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Deckers, Daniel
Daniel Deckers
in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.
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