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Mord an Susanna F.

Laissez-passer am Düsseldorfer Flughafen

Von Julian Staib, Wiesbaden
 - 17:57

Dort, wo sich die Stadt in die Felder verliert auf die nun die Sonne brennt, fand die Polizei schließlich die Leiche des Mädchens. In einem Erdloch, mit Reisig und Blättern bedeckt, zwischen einer Bahnlinie und der Bundesstraße 455 in Richtung Mainz. Am 22. Mai war die 14 Jahre alte Schülerin Susanna F., ein Mitglied der Jüdischen Gemeinde, nicht mehr von einem Ausflug nach Wiesbaden zu ihrem Elternhaus ins nahe Mainz zurückkehrt. Lange zwei Wochen hatte die Polizei mit Hundertschaften, Hubschraubern, Spürhunden und Zeugenaufrufen nach ihr gesucht. Am Donnerstag dann die traurige Gewissheit: Bei der Leiche, die am Mittwochnachmittag in der Nähe von Wiesbaden-Erbenheim gefunden wurde, handelt es sich um Susanna F. Das hätten DNA-Analysen zweifelsfrei ergeben, sagt der Leiter der Staatsanwaltschaft Wiesbaden, Achim Thoma.

Der gibt am Donnerstag mit einem Kollegen und zwei Polizeibeamten Details bekannt. Sie sitzen an einem schmalen Tisch im Justizzentrum Wiesbaden – nur etwa anderthalb Kilometer vom Fundort der Leiche entfernt. Den Ergebnissen der Obduktion zufolge sei von einem Tötungsdelikt durch eine Gewalteinwirkung am Hals auszugehen, so Thoma. Zudem sei das Mädchen der Obduktion zufolge Opfer eines Sexualverbrechens geworden. Der Tatverdacht richtete sich zunächst gegen zwei Personen: Einen Iraker und einen Türken. Sie sollen Susanna F. in der Nacht vom 22. auf den 23. Mai vergewaltigt und ermordet haben. An einer noch unbekannten Stelle, um sie dann am Rande eines Feldes nahe Wiesbaden-Erbenheim zu vergraben. Der Tatverdacht gegen den 35 Jahre alten Türken hat sich nicht erhärtet. Er hat das Justizgebäude wieder verlassen.

Wieder werden damit Asylbewerber verdächtigt, die Tat begangen zu haben – wie schon in Kandel, wo ein Flüchtling beschuldigt wird, seine frühere Freundin erstochen zu haben. Oder in Freiburg, wo ein afghanischer Flüchtling eine Studentin ermordete. Von den Verdächtigen in Wiesbaden kam der eine, Ali Bashar, 20 Jahre alt, Iraker, in den Monaten der offenen Grenzen 2015 über die Türkei, Griechenland und den Westbalkan nach Deutschland. Als Asylgrund gab er an, von der PKK bedroht worden zu sein. Der Asylantrag wurde am 30. Dezember 2016 abgelehnt. Seitdem läuft Bashars Klage dagegen. Die Stadt Wiesbaden stellte ihm angesichts des laufenden Verfahrens eine Aufenthaltsgestattung aus. Der Fall wirft damit auch ein Schlaglicht auf die Umsetzung der Asylgesetze.

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Mord an 14-Jähriger
Polizei sucht nach diesem jungen Iraker

Die Vorwürfe in chronologischer Reihenfolge

Zudem bleiben viele Fragen an die Wiesbadener Polizei. Bashar habe seit Anfang dieses Jahres die Polizei „intensiv beschäftigt“, so Polizeipräsident Stefan Müller. Die Vorwürfe in chronologischer Reihenfolge: April 2017 Pöbelei und Schlägerei, Tatbeteiligung konnte nicht erhärtet werden, Verfahren wurde eingestellt. 11. Februar 2018: Ein Mann wird von drei Männern verprügelt, Bashar befindet sich in der Nähe. Er streitet alles ab, der Betroffene verweigert die Aufklärung. 24. März 2018: Bashar rempelt nachts in der Wiesbadener Innenstadt eine Stadtpolizistin an, schlägt um sich, spuckt. Die Polizei nimmt ihn in Gewahrsam, das Verfahren läuft noch. 27. März 2018: Ein Mann wird von Bashar und einem Mittäter mit einem Messer bedroht, in einen Busch gezogen und seiner Wertsachen beraubt. Das Verfahren läuft noch. 19. April 2018: Die Wiesbadener Polizei kontrolliert Bashar in der Stadt. Er führt ein Einhandmesser mit sich.

Schließlich – und vor allem dieser Punkt wirft die Frage auf, ob die Polizei nicht früher auf Bashar hätte aufmerksam werden müssen: Am 17. Mai beschuldigt ihn ein elf Jahre altes Mädchen, selbst Flüchtling, er habe sie im März in einer Unterkunft vergewaltigt. „Die Zeugenaussagen ließen keinen konkreten Tatverdacht zu“, sagte Müller dazu am Donnerstag auf Nachfrage. Nur der Name Ali sei gefallen, und in der Unterkunft habe es vier Alis gegeben. Wurde die Anschuldigung vielleicht nicht ernst genug genommen?

Müller listet bei der Pressekonferenz am Donnerstag eine Reihe von Gründen auf, warum es sich beim Fall Susanna F. um „keinen einfachen Vermisstenfall“ gehandelt habe. Vielleicht auch, um Fragen nach der Geschwindigkeit der Ermittlungen vorzubauen. Nachdem ihre Mutter eine Vermisstenanzeige aufgegeben habe und eine Pressefahndung erfolgt war, seien zahlreiche Kontakte befragt worden, auch in Asylunterkünften, die das Mädchen offenbar besucht hatte. Am 29. Mai meldete sich dann eine Bekannte der Mutter: Susanna F. sei tot und bei den Bahngleisen bei Erbenheim begraben. Die Hinweisgeberin sei damals nicht zu ermitteln und aufgrund eines „Kurzurlaubs“ nicht zu erreichen gewesen, so Müller. Die Suche bei Erbenheim, auch per Hubschrauber, blieb erfolglos. Kein „kriminaltechnischer Anpacker“ habe sich ergeben.

Bis sich dann am vergangenen Sonntag ein 13 Jahre alter Flüchtling auf einem Wiesbadener Revier meldete und Bashar direkt beschuldigte, Susanna F. getötet und vergewaltigt zu haben. Der Junge habe die Information direkt von Bashar erhalten, so Müller. Die Polizei traf den Beschuldigten dann jedoch in der Flüchtlingsunterkunft nicht mehr an. Er hielt sich offenbar seit dem 22. Mai versteckt. Nur Kleidungsstücke konnten sichergestellt werden. Einen Tag später, am 4. Juni, wurde Bashar zur Fahndung ausgeschrieben. In den Tagen danach hätten drei- bis vierhundert Kollegen an dem Fall gearbeitet, so Müller.

Acht Personen, Barzahlung, „one-way“ Düsseldorf–Istanbul

Bashars Name steht auch auf einem Zettel an der Pinnwand im Wiesbadener Justizzentrum. Darüber zwei Fotos des jungen Mannes: Dreitagebart, weiße Jacke, Jeans, die Haare seitlich kurz und oben lang. Das Foto wurde zur Fahndung ausgegeben. Gegen ihn wurde ein Haftbefehl erlassen. Doch ob der Verdächtige gefasst werden kann, ist unklar. Am Samstag reiste der 20 Jahre alte Iraker in den Irak aus, zusammen mit seiner Familie. Acht Personen, Barzahlung, „one-way“ Düsseldorf–Istanbul, einen Tag später dann weiter nach Arbil, Irak, wie der Polizeipräsident ausführt.

Die Buchung der Tickets sei bei allen acht Personen unter einem anderen als jenem bei den deutschen Behörden bekannten Namen erfolgt. Bei der Ausreisekontrolle habe die Familie zwei arabische Laissez-passer-Papiere mit Lichtbild vorgelegt, außerdem die Tickets sowie die deutschen Papiere. Bei einem Abgleich zwischen den Tickets und den Papieren für den Aufenthalt in Deutschland hätten die unterschiedlichen Namen auffallen müssen. Doch fand dieser am Flughafen offenbar nicht statt.

Der türkische Tatverdächtige – er war aus polizeilicher Sicht bisher unauffällig geblieben – wurde am Mittwochabend festgenommen und bereits vernommen, er hat sich nach Polizeiangaben geäußert. Gegen den 35-Jährigen besteht nach neuesten Ermittlungserkenntnissen kein dringender Tatverdacht mehr, wie Oberstaatsanwalt Oliver Kuhn am Donnerstagabend in Frankfurt sagte. Der Asylbewerber mit türkischer Staatsangehörigkeit habe das Justizgebäude bereits wieder verlassen und könne sich frei bewegen.

Unklar ist, welche Beziehung Susanna F. zu den Tatverdächtigen hatte. Sie soll laut Polizei Kontakt zu den Bewohnern eines Flüchtlingsheims gehabt und Bashars Bruder gekannt haben. Die Polizei bittet nun um die Mithilfe von Zeugen, insbesondere was die Geschehnisse in der Nacht vom 22. auf den 23. Mai angeht.

Quelle: F.A.Z.
Julian Staib
Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.
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