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Musik und Kommerz

Stoppt das Gedudel zu Weihnachten

EIN KOMMENTAR Von Antje Schmelcher
 - 20:50
Schoko-Weihnachtsmänner haben es gut: Sie können nichts hören.

Das Weihnachten draußen im Walde, von dem Knecht Ruprecht in Theodor Storms bekanntem Gedicht berichtet, ist nichts gegen das Weihnachten drinnen. Gegen das Weihnachten nämlich in den Hotel-Lobbys, Kaufhäusern, Flugzeugen und anderen öffentlichen Räumen, aus denen man in den hektischen letzten Wochen und Tagen vor Heiligabend kaum entkommen kann, wenn man nicht gerade als Förster oder als Knecht Ruprecht draußen unterwegs ist. Allen anderen dröhnt aus jeglichen Rohren Weihnachtspop um die Ohren, in Dauerschleife und untermalt mit so viel Gebimmel, dass man es bald für den eigenen Tinnitus hält. Platz eins der Nonstop-Christmas-Charts belegt das Winterlied „Jingle Bells“, in dem das Wort „Weihnachten“ gar nicht vorkommt. Es geht darin um versnobte junge Leute, die sich ein Rennen in einem glöckchenbehangenen Pferdeschlitten liefern.

Das Schlimmste an der Beschallung ist aber nicht der Inhalt, sondern die musikalische Qualität. Warum muss man seinen Kunden ausgerechnet die schlechtesten Versionen von „Santa Claus is coming to town“ unterjubeln oder von „All I want for Christmas is you“? Natürlich nur, weil man sie auf kommerziellen Kanälen günstig abonnieren kann. Doch wer über Stunden Klänge als Dauerbeschallung im Hintergrund einsetzt, um damit seine Kunden zu konditionieren, macht Musik zu Muzak.

So nämlich hieß die Firma, die vor mehr als achtzig Jahren in Amerika die Hintergrund-Dauerbeschallung einführte, auch „funktionelle Musik“, „Fahrstuhlmusik“ oder „Kaufhausmusik“ genannt. Das sollte die Leute weniger klaustrophobisch machen und zum Kaufen einladen. Tatsächlich bewirkt die Weihnachts-Muzak genau das Gegenteil. Man möchte fluchtartig raus, um das Gebimmel endlich loszuwerden.

Was Muzak mit Trommelfeuer zu tun hat? Nun, der Gründer der Firma war im Ersten Weltkrieg Offizier des amerikanischen Nachrichtenkorps. Was er dort über die Übertragungswege von Radio und Telefon lernte, wusste er später zu nutzen. Auf die Signalübertragung per Kabel meldete er Patente an und gründete später eine Firma, die Musik in Privathaushalte sendete. Dort machte ihm das Radio bald Konkurrenz. Der General a.D. setzte nun auf ein Geschäftskundenmodell. Und weil er ein großer Bewunderer des Unternehmens „Kodak“ war, nannte er seine Firma ab Mitte der dreißiger Jahre „Muzak“. Das Angebot funktionierte über Jahrzehnte. Nun haben die Streaming-Dienste übernommen die Marke ist zum Gattungsbegriff geworden.

Vor Christmas-Muzak ist man heute drinnen wie draußen nicht mehr sicher, ganz besonders nicht auf Weihnachtsmärkten. Es gibt kaum einen Ort, an den sie nicht vordringt. Wenn die vorweihnachtliche Pflicht getan ist und alle Geschenke besorgt sind, geht es zum Friseur. Doch gerade Friseursalons sind natürlich auf Hintergrund-Muzak abonniert, damit der Kunde sich entspannt und niemand die Gespräche mitschneiden kann. Also auch dort keine Stille, dafür: „Silent Night“, „So this is Christmas“ und das noch immer unvermeidliche „Last Christmas“. Im Auto geht es gleich weiter, zumindest wenn man das Radio anmacht. Es scheint, als hätten die allermeisten Sender Christmas-Muzak abonniert.

Welch ein Schreck: „O Christmas Tree!“

Dabei leben wir in einem Land, das einen großen Schatz der wunderschönsten Weihnachtslieder bereithält. Sie sind nicht unbedingt leichte Kost, weil sie auf die Geburt von Jesus Christus verweisen, auf etwas Heiliges. Es gibt kaum schönere Lieder als „Maria durch ein Dornwald ging“ oder „Kommet, ihr Hirten“ oder „Gloria in excelsis Deo“. Es gibt aber auch schöne Lieder, die nicht zu den Glaubensliedern der Verkündigung zählen, wie das Kinderlied „Leise rieselt der Schnee“. Das scheint noch nicht in der jingelnden Englisch-Version der Nonstop-Christmas-Charts verfügbar zu sein, dafür aber, o Schreck: „O Christmas Tree“.

Es gibt nur einen Ort, an dem man vor der Christmas-Muzak sicher ist. In der Kirche! Denn warum sonst gehen eigentlich so viele, die es sonst nicht tun, an Weihnachten so gern in die Gotteshäuser? Unter ihnen sind auch einige, die gar nicht an Gott glauben und es natürlich auch an Weihnachten nicht tun. Der Grund für ihr Kommen könnte mit der Playlist der Kirche zu tun haben und mit dem Klang, den ihre Räume bieten.

Natürlich haben die deutschen kirchlichen Weihnachtslieder einen großen Anteil an dem seltenen Andrang, der zu den Weihnachtsgottesdiensten und Christmetten herrscht. Bis heute haben sie dem Pop standgehalten, einfach weil sie zeitlos schön sind. Und natürlich feiern wir Weihnachten auch deshalb so froh, weil wir danach ein Jahr Zeit haben, uns von der digitalen Christmas-Dauerschleife zu erholen.

Quelle: F.A.S.
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