Schulschließungen wegen Corona

Am wenigsten betroffen, am härtesten getroffen

Von Heike Schmoll, Berlin
14.04.2021
, 18:10
Obwohl Kinder am wenigsten unter schweren Verläufen leiden, sind sie am meisten von der Pandemie getroffen: Eine OECD-Auswertung zeigt, dass Schulschließungen oft ohne Rücksicht auf Inzidenzzahlen erfolgten.

Schulkinder sind so gut wie nie von schweren Verläufen der Covid-19-Krankheit betroffen. Dennoch gehören sie zu denjenigen, die am stärksten von den politischen Antworten auf die Pandemie betroffen sind. Für 1,5 Milliarden Kinder in 188 Ländern waren die Schultore nicht nur im vergangenen Jahr häufig geschlossen. Sie haben dabei nicht nur Lernverluste erlitten, sondern sind auch in ihrer sozialen und individuellen Entwicklung zurückgeworfen worden. Ob Länder ihre Schulen während der Pandemie geschlossen haben, hing nicht vom Infektionsgeschehen des jeweiligen Landes ab. Zu diesem erstaunlichen Ergebnis hat eine Umfrage der OECD unter den Mitgliedsländern geführt, die am Mittwoch vorgestellt wurde.

So gibt es Staaten, die ihre Schulen trotz enorm hoher Inzidenzen offen hielten, Frankreich und die Niederlande gehören dazu. Extrem lange waren die Schulen indessen in Italien und der Slowakei geschlossen, obwohl die Inzidenzen teilweise niedriger waren als in Ländern mit geöffneten Schulen. Um die Lernrückstände während der Schulschließungen aufzuholen, hat Portugal als einziges Land die Schulzeit in die Ferien verlängert.

Andere Länder wie Deutschland sind dazu übergegangen, Schwerpunkte im Unterricht zu setzen, sich also auf exemplarisches Lernen an wenigen Themen zu konzentrieren. Ein Bund-Länder-Programm für Schüler mit erheblichen Lerndefiziten wird derzeit in Deutschland verhandelt. Überall war es so, dass Schüler aus sozioökonomisch schwachen Familien stärker benachteiligt waren als diejenigen, die zu Hause nicht nur technisch, sondern auch ideell und räumlich bessere Unterstützung zum Lernen hatten. Sie konnten die Lernangebote auch in der Zeit der Schließung nutzen, weil sie oft auch eher in der Lage waren, selbständig zu lernen. Während der Pandemie sind Elternhäuser und Schulen offenbar viel enger zusammengewachsen.

Gezeigt hat sich in Deutschland, dass sich die Zeit, in der die Kinder sich mit Schule beschäftigten, von 7,5 auf 3,5 Stunden halbiert hat. Der Rückgang war bei Akademikerkindern genauso groß wie bei Nichtakademikerkindern. Es gebe eine zweite Dimension der Benachteiligung, denn bei den Lernschwächeren ist die Lernzeit noch stärker zurückgegangen als bei den Lernstarken. Zu kurz gekommen sind nach Angaben des Leiters des Ifo-Zentrums für Bildungsökonomik Ludger Wößmann Bewegung, Sport und Freizeitbeschäftigungen. Stark angestiegen sind die passiven Tätigkeiten wie Computerspiele und die Beschäftigung mit dem Handy.

Der Bildungsdirektor der OECD Andreas Schleicher sagte, Deutschland sei „kalt erwischt worden“, weil es über zehn Jahre lang versäumt habe, die digitalen Unterrichtsmöglichkeiten aufzubauen und abzusichern. Er sieht darin auch den Grund dafür, dass Deutschland sich vor allem auf Online-Plattformen verlassen hat, während Spanien und Portugal weitaus kreativer vorgegangen sind und Fernsehen und Mobiltechnik miteinbezogen haben. Auch wenn es für Deutschland noch keine Echtzeitdaten gebe, müsse man damit rechnen, dass „diese Pandemie die sozialen Disparitäten noch einmal enorm verstärkt hat“.

Epidemiologin bekräftigt geringes Ansteckungsrisiko der Lehrer

In acht von zehn Bildungssystemen der OECD haben die Regierungen den Kauf von Geräten unterstützt. Es sei viel geschehen, um technische Mittel verfügbar zu machen. Interessant seien Länder wie Estland oder die Tschechische Republik, die sehr gut digital vorbereitet waren. Die Niederlande haben auf lokale Verfahren gesetzt, sie haben nicht genutzte Computer aus Firmen und Gemeinden Schulen zur Verfügung gestellt. Schleicher kritisierte die südeuropäischen Länder, die pandemiebedingt auf Prüfungen verzichtet haben. Das werde zu einer Stigmatisierung einer ganzen Generation führen. Spanien hat es den Schulen überlassen, die Prüfungen durchzuführen und damit einen dramatischen Anstieg der Absolventenquote innerhalb eines Jahres verursacht. Deutschland habe zu Recht auf der Durchführung der Prüfungen bestanden, sagte Schleicher.

Um den Unterricht auch in Pandemiezeiten zu sichern, haben achtzig Prozent mit sozialen Distanzierungen gearbeitet. In zwei Dritteln der OECD-Staaten wird Lehrern Priorität beim Impfen eingeräumt. In Deutschland ärgern sich die Lehrer der weiterführenden Schulen darüber, dass sie teilweise noch nicht berücksichtigt wurden, während Grundschullehrer und Kita-Personal meist schon geimpft sind. Die Schweiz hat ihren Lehrern keine Impfpriorität eingeräumt. Die Epidemiologin und Leiterin der Züricher Schulstudie „Ciao Corona“ Susi Kriemler sagte am Mittwoch, Lehrer seien vom Ansteckungsrisiko nicht stärker betroffen als die Gesamtbevölkerung.

Sie gehörten nicht zur Risikogruppe, so Kriemler. Selbst im Kanton Zürich, wo die Sieben-Tage-Inzidenz teilweise bei 1000 Neuinfizierten lag, wurden bei Blutuntersuchungen von 2500 Kindern während der ersten Welle bei 2 Prozent Antikörper gefunden, bei der zweiten Welle bei 8 Prozent. Die Daten der dritten Welle werden gerade ausgewertet. Kein Kind sei schwer krank geworden, nur in drei von 270 Klassen hatten sich Kinder untereinander angesteckt. Ansonsten seien die Infektionen nahezu symptomfrei verlaufen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmoll, Heike
Heike Schmoll
Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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