Öffentliche Rede

Wulff lernt von Carter

Von Thomas Gutschker, Heidelberg
22.11.2012
, 12:20
© reuters, reuters
Erstmals seit seinem Rücktritt hat Christian Wulff eine öffentliche Rede gehalten. Sichtlich bemüht, ein normaler Altbundespräsident zu sein, wirkt er dennoch belastet durch die staatsanwaltlichen Ermittlungen.

Wer in der Alten Aula der Heidelberger Universität vorne sitzt und zur Decke sieht, blickt einer strengen Frau ins Auge. In der einen Hand hält sie ein Buch, in der anderen ein mächtiges Schwert. Christian Wulff hat die Justizia nicht gesehen, als er am Mittwochabend erstmals seit seinem Rücktritt vor neun Monaten wieder eine öffentliche Rede hielt. Seine Augen fixierten das Manuskript und die verschnörkelten Kandelaber, nur selten sah er ins Publikum. Die Justizia schwebte trotzdem über ihm; daheim in Hannover ermittelt sie noch immer wegen diverser Urlaube mit einem Filmunternehmer und des Verdachts auf Vorteilsannahme.

Sicher würde Wulff das alles gerne abschütteln, um ein normaler Altbundespräsident zu sein. Doch schon der Prorektor hielt es für nötig, die Anrede mit „Herr Bundespräsident“ zu begründen. Er sei auch schon vor einem Jahr eingeladen worden und eine ausgesprochene Einladung gelte nun einmal – als müsse sich die Universität dafür rechtfertigen. Der Gast ertrug es mit eisern freundlicher Miene. Er sprach über sein Lieblingsthema: „Menschen mit Zuwanderungsgeschichte“, Parallelwelten, Integration.

Doch je länger der Vortrag dauerte, desto mehr wirkte der Redner selbst wie einer aus der Parallelwelt. Nicht nur, weil er mitteilte, Deutschland habe gute Aussichten, 2014 Fußballweltmeister zu werden – natürlich wegen Özil und Co. Sondern auch wegen der seltsamen Beispiele aus seinem Privatleben: dass sein Sohn abends immer besonders glücklich sei, „wenn ihm klar wird, wie schrecklich es wäre, wenn alle gleich wären“.

Und dass sein eigener Vater ihm schon mit zehn Jahren empfohlen habe, sich später in einer Partei zu engagieren, aber bloß nicht in der NPD. In diesem Alter, so Wulff, wüchsen ja besondere Prägungen, etwa die zum Lieblingsverein.

Nebenbei verriet er noch sein neues Vorbild. Lange habe er mit Jimmy Carter geredet, erfuhren die Zuhörer, denn der sei auch recht jung „unter unglücklichen Umständen“ aus dem Amt geschieden und habe noch 32 tolle Jahre hingelegt. Carter also habe ihm eine Lehre mitgegeben: dass ein Altpräsident sich lieber nicht in die Tagespolitik einmische.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Gutschker, Thomas
Thomas Gutschker
Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.
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