Scholz spricht mit Bürgern

„Die Antwort ist leider konkret“

Von Tobias Schrörs
17.05.2022
, 06:43
Moderatorin Pinar Atalay begrüßt Bundeskanzler Olaf Scholz am Montag im Studio bei „RTL Direkt“
Kann Olaf Scholz seine Politik erklären? Erstmals nach seiner Wahl zum Bundeskanzler stellt er sich im Fernsehen den Fragen von Bürgern – und antwortet so trocken wie detailreich. Dass das nur mittelgut ankommt, „kann er ab“.
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Ein Bundeskanzler, der in einer Fernsehsendung auftritt, die gleich nach „Bauer sucht Frau International“ ausgestrahlt wird, muss es ernst meinen mit dem Willen zur Bürgernähe. Und so können die RTL-Zuschauer am Montagabend verfolgen, wie Olaf Scholz mit Moderatorin Pinar Atalay und vier besorgten Bürgern bei „RTL Direkt“ am Tisch sitzt und über die großen Fragen spricht: über die Angst vor den Folgen des Ukrainekrieges, über steigende Preise und die Zukunft der Kinder.

Die Leitfrage der Sendung lautet offiziell „Kann der Kanzler Krise?“. Vor allem aber geht es an diesem Abend um die Frage, ob der Kanzler Kommunikation in der Krise kann. Das wird deutlich, als Moderatorin Atalay gleich zu Beginn eine Forsa-Umfrage präsentiert. Auf die Frage, ob Scholz seine Politik ausreichend erkläre, antworteten demnach 27 Prozent der Befragten mit Ja und 68 Prozent mit Nein.

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Nun soll er also unter laborähnlichen Bedingungen das Gegenteil beweisen, an einem Tisch mit vier handverlesenen Gesprächspartnern, die der Moderatorin im Wesentlichen Stichwörter geben. Da ist der Stahlarbeiter, der fürchtet, dass ohne russisches Öl und Gas in Deutschland die Lichter ausgehen. Die arbeitslose, alleinerziehende Mutter, die sich fragt, wie sie über die Runden kommen soll. Der selbständige Finanzdienstleister, der findet, dass die Regierung ihre Finanzen nicht im Griff habe und zum Schluss die Frau aus der Ukraine, die sich um ihre Angehörigen sorgt.

Scholz kommentiert Wahl in NRW

Bevor die Leute zu Wort kommen, will Moderatorin Atalay aber erst noch vom Kanzler wissen, ob die SPD trotz oder wegen ihm so stark in Nordrhein-Westfalen verloren habe. Der antwortet, im dunklen Anzug und mit hellblauer, gemusterter Krawatte: „Wir hätten uns alle ein besseres Ergebnis in Nordrhein-Westfalen gewünscht.“ Die SPD habe es nicht geschafft, von Platz zwei auf Platz eins zu kommen und den amtierenden Regierungschef Hendrik Wüst (CDU) vom Wahlergebnis her unmittelbar abzulösen. Jetzt werde noch mal geschaut, welche Möglichkeiten zur Regierungsbildung vorhanden seien. „Das ist ja auch der Fall: Die Parteien, die in Berlin, hier in Deutschland die Bundesregierung stellen, haben eine Mehrheit im Landtag. Vielleicht ergibt sich daraus ja auch was."

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Nach dem kurzen Kanzler-Interview nimmt Scholz zwischen dem Stahlarbeiter und der alleinerziehenden, arbeitslosen Mutter Platz. Auf die Frage, wie Leute mit wenig Geld angesichts steigender Preise zurecht kommen sollen, antwortet er detailreich wie in einer Regierungsbefragung, spricht vom Heizkostenzuschuss und steuerlichen Entlastungen. So geht es auch weiter, als die Ukraine zum Thema wird.

Bundeskanzler Olaf Scholz am Montag bei „RTL Direkt“
Bundeskanzler Olaf Scholz am Montag bei „RTL Direkt“ Bild: Foto: RTL / Andreas Friese

Die 32 Jahre alte Viktoria Prytuliak, die als Jugendliche aus der Ukraine nach Deutschland kam, will wissen, wie es dazu kam, dass Deutschland so abhängig von russischem Öl sei. Scholz hört mit stoischem Blick zu, die Hand am Wasserglas. Die Worte, mit denen er seine Antwort einleitet, sagen viel über seine Art mit den Bürgern zu kommunizieren. „Wenn man mal die Situation genau betrachtet“, sagt Scholz und hebt an zu einem Vortrag über die drei fossilen Energieträger Kohle, Öl und Gas. Er erklärt, wie man von Herbst an Kohle aus Russland durch andere Importe ersetzen werde und wie das beim Öl bis zum Jahreswechsel möglich sein werde.

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Die Moderatorin unterbricht und fragt nochmal, warum man sich denn nun so abhängig gemacht habe. Doch Scholz führt erst einmal weiter aus, was er noch zum Gas zu sagen hat und macht deutlich, dass er bedauert, dass Deutschland nicht viel früher die nötige Infrastruktur für den Import von Flüssiggas aufgebaut habe. Damit hätte Deutschland dann schnell die Möglichkeit, die Lieferländer zu wechseln. „Das ist die Antwort auf ihre Frage, waren wir naiv“, sagt Scholz. „Ja, wir hätten uns immer in die Lage versetzen müssen, jederzeit andere Lieferanten in Anspruch zu nehmen, indem wir die Pipelines, die Häfen bauen, wo man dann von woanders das Gas bekommen kann.“

Was der Kanzler abkann

Erst nach dem nächsten Werbeblock verlässt Scholz für einen kurzen Moment die reine Sachebene und sagt etwas jenseits von Argumenten. Die Frau, die aus der Ukraine stammt, erkundigt sich, mit welcher Hilfe Kiew rechnen könne und ob mehr schwere Waffen geliefert würden. „Ich war am Freitag erst in Köln bei einer Initiative, die sich um Unterstützung der Ukraine bemüht“, sagt Scholz, das habe ihn sehr berührt, das wolle er dazu sagen; da seien Pakete für Babys gepackt worden.

Dann kehrt er auf die Sachebene zurück und hält eine kleine Zeitenwende-Rede über Solidarität, Geld und Waffen, verbunden mit einem detaillierten Bericht über das, was schon geleistet wurde. Als die Moderatorin einhakt und nach den ausstehenden Lieferungen der Flugabwehrpanzer vom Typ Gepard fragt, für die Munition fehlt, will der Kanzler seine Ausführungen erst abschließen: „Die Antwort ist leider konkret.“ Danach macht Scholz deutlich, dass er mit einer „relativ zügigen“ Bereitstellung der Panzer rechne und verweist darauf, dass dafür weiterhin Munition im Ausland gesucht werde.

Wenn Scholz bei allen Fragen so ins Detail geht, spricht daraus einerseits, dass er seine Gesprächspartner ernst nimmt. Er läuft aber auch Gefahr, sie zu verlieren. So scheint es der Frau zu gehen, die als alleinerziehend und arbeitslos vorgestellt wurde. Sie heißt Romy Puhlmann und ist 47 Jahre alt. In der Abschlussrunde greift die Moderatorin noch einmal auf, dass Puhlmann sich zu denen zählt, die sagen, der Kanzler erkläre seine Politik nicht genug. „Was sagen Sie denn jetzt nach einer Stunde?“, fragt Atalay. Die Frau atmet lange aus, wiegt den Kopf nach links und rechts. „Hm, durchschnittlich“, sagt sie. Das müsse der Kanzler jetzt „abkönnen“, kommentiert die Moderatorin. „Ja“, sagt Scholz trocken, das könne er. „Tut mir leid“, sagt Puhlmann noch.

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Atalay fragt Scholz, ob ihm das schwerfalle. Ihm werde vorgeworfen, er kommuniziere, aber es komme nicht so richtig im Volk an. „Ich bin nicht sicher, ob das wirklich zutrifft, wenn man mal anguckt, was alles gesagt worden ist, aber ich akzeptiere das einfach, weil man sich damit ja auseinandersetzen muss“, sagt er. Er mache sich eine Sache immer „ganz klar“, es gebe im Augenblick „ganz viele Fragen“, „ganz viele Sachen“ seien unsicher. Man müsse ständig argumentieren und auch sagen, was man vorhat und auch akzeptieren, dass nicht von einem Tag auf den anderen alle Sorgen und Fragen verschwänden. Solche Gespräche gehörten zu dem, was er am liebsten mache.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Schrörs, Tobias
Tobias Schrörs
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