Organspende-Skandal

Der Teppichhändler

Von Friederike Haupt
04.08.2012
, 17:05
Ein junger Arzt machte Karriere. Er galt als kompetent - und als ziemlich geschäftstüchtig. Nun ist er der Hauptverdächtige in einem Organspende-Skandal, der immer weitere Kreise zieht. Aber keiner will etwas gemerkt haben.

Der 2. Juli 2011 war ein Samstag. Darum saß niemand am Empfang der Deutschen Stiftung Organtransplantation in Frankfurt, als der Anruf kam. Das Telefon klingelte, bis der Anrufbeantworter anging. Eine Stimme schleuderte zwei Sätze auf die Maschine: „Die Göttinger Uni-Klinik ist in kriminelle Machenschaften verstrickt. Oder kauft man die Organe direkt bei Ihnen?“ Nachricht Ende.

Zwei Tage später, am Montag, wurde die Nachricht abgehört. Aber es sollte noch ein Jahr dauern, bevor die Öffentlichkeit erfuhr, um wen und was es dem anonymen Anrufer ging. Am 4. Juli 2011 informierte die Stiftung erst einmal die Ständige Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer über den Anruf.

Aufmerksamkeit war der Arzt gewohnt

Die Kommission soll sich um alles kümmern, was die Praxis der Organspende und Transplantation berührt: Richtlinien, Zulassungen von Krankenhäusern, die Beratung von Parlamenten. Und sie ist zuständig für die „Beobachtung und Bewertung der Praxis der Organspende“. Die Kommission ließ sich von der Uniklinik Göttingen Einsicht in die Akten geben. Und wurde aufmerksam auf Aiman O. Es war nicht das erste Mal.

Aufmerksamkeit war der Arzt gewohnt, er suchte sie sogar, allerdings eine andere, angenehmere. Aiman O. wollte, dass man ihn beachtet, wollte sich einen Namen machen und damit Geld verdienen: als Chirurg, der Todkranken neue Lebern einsetzt. Lebertransplantation gilt als Königsdisziplin der inneren Chirurgie. Aiman O. wollte Organe transplantieren, und zwar viele. Je mehr Organe ein Arzt erfolgreich verpflanzt, desto berühmter wird er. Schon früh verfolgte Aiman O. sein Ziel, seit dem Medizinstudium. Mit 45 Jahren hatte er es erreicht. Dann machte der anonyme Anruf alles kaputt.

O. stach heraus aus der Masse junger Ärzte

Der Palästinenser Aiman O. schien in Deutschland eine Musterkarriere hinzulegen. Mit 28 Jahren wurde er Assistenzarzt an der Medizinischen Hochschule Hannover. Dort arbeitete einer der berühmtesten Transplantationsmediziner Deutschlands, Rudolf Pichlmayr. Der hatte 1988 als erster Arzt weltweit eine Spenderleber geteilt und die Teile zwei Patienten eingesetzt. Pichlmayr galt als Koryphäe, er wurde „Mediziner des Jahres“ und erhielt unzählige Preise. Aiman O. suchte seine Nähe, und es gelang ihm, herauszustechen aus der Masse junger Ärzte. 1996, erst ein Jahr nachdem er in der Klinik angefangen hatte, veröffentlichte er schon einen Aufsatz zusammen mit Pichlmayr, Thema: Lebertransplantationen bei älteren Patienten. Der junge Assistenzarzt, der alle Bereiche der Klinik kennenlernen sollte, hatte sein Thema gefunden. Und einen Mentor.

Das war der Oberarzt Hans S., der auch an dem Aufsatz mitgearbeitet hatte. Unter Kollegen galt der gebürtige Hesse als freundlicher, engagierter Typ - und als jemand, der es sehr weit bringen würde. Brillant sei er, hieß es, einer der besten deutschen Nachwuchschirurgen. Er war 1994 in die Transplantationschirurgie des Klinikums gekommen, arbeitete eng mit Pichlmayr zusammen und hatte ebenfalls schon Forscherpreise gewonnen. Aiman O. konnte sich denken, dass der sechs Jahre ältere Kollege ihm später einmal eine Hilfe werden könnte. Aber erst einmal tat er, was Assistenzärzte eben tun. Und noch ein bisschen mehr.

Kontakte zu Ärzten und Patienten im Nahen Osten

In der Klinik nannten manche Aiman O. damals den „Teppichhändler“. Weil er ziemlich viel von Geschäften gesprochen habe und von Geld. Besonders viel Geld sah der junge Arzt in der arabischen Welt, und er sah dort die Bereitschaft, für Gesundheit einen sehr hohen Preis zu zahlen. Aiman O. habe sich in der Klinik in Hannover beliebt gemacht, indem er Kontakte zu Ärzten und Patienten im Nahen Osten geknüpft habe, sagen frühere Kollegen. Aiman O. konnte allerdings keine großen Geschäfte ankurbeln, er war schließlich nur ein kleines Licht. Er durfte in Hannover noch keine Transplantationen allein durchführen, und es war auch nicht seine Aufgabe, Laborwerte von Patienten an die Vermittlungsstelle für Organspenden, an Eurotransplant, zu übermitteln. Das kam erst später.

Später, das war in Regensburg. Im dortigen Uniklinikum nahm am 1.April 2003 Hans S. seine Arbeit als Direktor der Klinik für Chirurgie auf. Ein schöner Posten, viel besser als Oberarzt in Hannover. Und die Chance, einer der ganz großen Chirurgen des Landes zu werden. S. musste klar sein, dass er nun nicht einfach Dienst nach Vorschrift machen konnte. Er sollte Schwung in den Laden bringen, und das tat er auch. Sofort kündigte er an, am Uniklinikum einen besonderen Schwerpunkt auszubauen: die Lebertransplantation. S. brauchte nun ehrgeizige Kollegen, die mit ihm dieses Ziel verfolgten. Genau vier Monate nach Hans S. trat Aiman O., jetzt als Oberarzt, seine Arbeit in Regensburg an.

Operationen auch in Jordanien

Es lief sehr gut. Das, was S. und O. in den Neunzigern bei Pichlmayr in Hannover gelernt hatten, nutzte ihnen nun in Regensburg. 2004 wurde dort zum ersten Mal die Leber eines lebenden Spenders geteilt und die eine Hälfte einem Patienten eingesetzt. Die Zahl der Lebertransplantationen in der Klinik schoss in die Höhe. 2003 waren dort nur elf Lebertransplantationen durchgeführt worden. 2004 waren es schon 38. Ein Jahr später sogar 50. Stolz präsentierte die Klinik diese Zahlen im Internet. Hans S. nahm Aiman O. auf Tagungen mit, der Professor und sein Oberarzt sprachen über „Möglichkeiten und Probleme“ der Organspende. O. schien sich vorgenommen zu haben, für die Möglichkeiten zu sorgen.

Ein Foto aus dieser Zeit zeigt S. und O., wie sie auf weichen Kissen am Boden eines Zimmers sitzen; da sind sie gerade zu Besuch beim Bruder des Scheichs von Abu Dhabi. O. konnte jetzt, da er Oberarzt war, endlich seine Verbindungen in die arabische Welt gewinnbringend nutzen. Das Uniklinikum Regensburg begann Mitte des Jahres 2004 eine Kooperation mit dem Jordan-Hospital in Amman. Saudi-arabische Patienten des Jordan-Hospitals wurden in Regensburg operiert, und die Regensburger Ärzte S. und O. operierten auch in Jordanien. Die Eingriffe waren nicht ohne Risiken. Das wussten die Regensburger Ärzte. Aber 2005 wurde es zum Problem.

O. machte falsche Angaben

Am 29. März transplantierten S. und O. im Jordan-Hospital einer Frau einen Teil einer Leber. Eine Verwandte hatte ihn gespendet. Weil die Leber die Eigenschaft hat, nachzuwachsen, können nach solchen Eingriffen im besten Fall beide Operierte gut weiterleben. Die Frauen, Araberinnen, hatten eigentlich nach Regensburg geflogen werden sollen. Doch für die Reise ging es der Empfängerin zu schlecht. So kamen die deutschen Ärzte nach Amman, operierten und reisten wieder ab. Doch die Operation hatte keinen durchschlagenden Erfolg. Die Empfängerin brauchte eine ganze neue Leber.

Was dann geschah, ist bis heute nicht vollständig aufgeklärt. Fest steht, dass Eurotransplant nun mitgeteilt wurde, die Frau brauche sehr dringend eine Leber; fest steht auch, dass Aiman O. fälschlicherweise angab, die Patientin halte sich in Regensburg auf. Eurotransplant vermittelte die Leber eines verstorbenen Spenders. Aiman O. holte sie in Wien ab und brachte sie nach Amman. Am 3. April transplantierten die Ärzte sie dort. Es nützte nichts, die Patientin starb wenige Stunden später.

Keine Röntgenbilder, keine Ultraschallbilder, keine EKGs

Doch die Sache kam Eurotransplant merkwürdig vor. Also informierte die Vermittlungsstelle die Prüfungskommission der Bundesärztekammer. Die Kommission untersuchte den Fall und schrieb alle Ungereimtheiten in einen Bericht, der an das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung ging, ans Justizministerium, ans Wissenschaftsministerium. Schließlich ermittelte die Staatsanwaltschaft Regensburg - und befand, es sei keine Straftat begangen worden. Heute spricht sie von „Organ-Erschleichung“ - aber die sei nicht strafbar. Nicht einmal eine Ordnungswidrigkeit wurde S. und O. nachgewiesen. Manche vermuten, in den bayerischen Ministerien habe man nicht gewollt, dass das wichtige Transplantationszentrum in Regensburg Schaden nehme. S. und O. jedenfalls machten weiter. 2007 wurden am Uniklinikum Regensburg so viele Lebern transplantiert wie nie zuvor.

Doch seit Mittwoch muss die Staatsanwaltschaft wieder ermitteln. Es besteht der Verdacht, dass Aiman O. schon während seiner Zeit in Regensburg in mindestens 23 Fällen falsche Patientendaten an Eurotransplant gefaxt hat. Um die Menschen kranker darzustellen, als sie sind. Um schneller an Spenderlebern zu kommen. Das, was ihm und einem weiteren Arzt nun auch in Göttingen vorgeworfen wird. Das Fälschen der Werte gehe bei der Leber leichter als bei anderen Organen, sagen manche Ärzte. Weil man nur Laborwerte durchgeben müsse, ein paar Zahlen auf Papier. Keine Röntgenbilder, keine Ultraschallbilder, keine EKGs.

Je mehr Organe ein Arzt transplantiert, desto berühmter wird er. Und die Operationen brachten Geld. Selbst ohne Schmiergelder und ohne „umsatzabhängige Vergütung“, die bedeutet, dass der Arzt zusätzliches Gehalt für Operationen bekommt. So einen Vertrag hatte Aiman O. später, in Göttingen.

Nach jeder Transplantation können Ärzte Studien durchführen, die sich Pharmaunternehmen viel Geld kosten lassen. Sie können Drittmittel einwerben. Man muss kein „Teppichhändler“ sein, um zu erkennen, wie viel Geld man mit Lebertransplantationen machen kann.

Immer viel Freiraum gelassen

Und Hans S.? Er ist seit dieser Woche beurlaubt. Möglicherweise habe er seine Aufsichtspflicht verletzt, sagt der Bayerische Wissenschaftsminister. Hans S. habe seinen Mitarbeitern immer viel Freiraum gelassen, sagt ein Arzt, der ihn kennt. Wenn ein Arzt gesagt habe, er wolle operieren, habe Hans S. geantwortet: „Mach mal.“ Ihm sei es um die Sache gegangen, um die Medizin. Nicht um Geld und Ruhm. Vielleicht wurde Hans S. von Aiman O., den er selbst nach Regensburg geholt hatte, hintergangen. Wenn sich herausstellen sollte, dass er von Manipulationen gewusst habe, sei das ein „Riesenverlust“ für die Wissenschaft, sagt ein Vertrauter.

Aiman O. verließ Regensburg 2008. Weil sich ihm ein besserer Posten bot: Er wurde Leiter der Transplantationschirurgie am Uniklinikum Göttingen. Bis der anonyme Anruf kam. Und auf „kriminelle Aktivitäten“ hinwies, die in all den Jahren zuvor keiner gesehen haben wollte.

Mitarbeit: Alard von Kittlitz

Quelle: F.A.S.
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