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Pädokriminelle im Internet

Magst Du Sex haben?

Von Sonja Süß
 - 12:20
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Luisa Schmitt ist zehn Jahre alt. Sie macht Ballett, mag Pferde, ist gerne im Internet und chattet auf Skype. Wenn sich Luisa bei Knuddels.de im Chatraum für unter Zwölfjährige einloggt, ploppen viele Fenster auf. Luisa heißt dann LuisaSch10. Sie kann sich aussuchen, mit wem sie reden will – auch ungestört, ohne andere Chatteilnehmer. Luisa hat ein Bild von sich hochgeladen. Andere Benutzer können ihr Bild bewerten oder sie anschreiben.

Die Gespräche verlaufen zum Beispiel so:

> Hi
> hi
> suchst du einen freund?
> ich bin erst 10
> na und :-)?
> aso
> magst du sex haben?

Luisa ist passiv. Sie hat niemanden angesprochen, nur bei den Anfragen auf ja gedrückt. Sie hat keine aufreizenden Fotos, und sie macht niemanden an. Ein zehnjähriges Mädchen.

Der Typ aus dem Beispiel nennt sich Socourlove und ist angeblich 21 Jahre alt. Er will über Sex reden. Luisa sagt mehrfach: „Ich bin noch klein.“ Socourlove sagt: „Egal Süße“. Er sagt auch, er sei jetzt Luisas Freund. Nach zwei Minuten:

> bist du nass unten süße?
> wo?
> zwischen deinen beinen? =)
> ne
> fasst du dich da an? =)
> ich bin doch erst 10
> mach einfach

Luisa sagt: „ok“. Socourlove fordert Luisa auf, sich auszuziehen. Er fragt nach, ob sie sich schon ausgezogen hat, nennt sie immer wieder „Süße“. Er fragt: „Habt ihr eine Banane?“ Luisa lügt nicht. Socourlove fordert sie auf, die Banane aus der Küche zu holen. Luisa sagt: „ok“.

> un jetz?
> schiebst du die bananae in deinen schlitz rein
> ojh
> hast du?
> das geht nich
> doch geht musst mit der hand öffnen =)
> das tut weh
> der anfang tut weh danach nich mehr
> ich mag das nich so
> zieh es durch =)
> ok

So geht es weiter. Wenn Luisa fragt: „Muss ich?“, antwortet Socourlove: „Ja“. Luisa fragt nach seinem Namen, er nennt sich Fabian. Luisa sagt, sie hat Angst, sie mag das nicht. Socourlove drängt sie, weiterzumachen. Er schreibt, er wolle „ihren Schlitz befruchten“, mit ihr Sex haben. Luisa fragt: „Bist du mein Freund?“ Socourlove antwortet: „Ja. Jetzt schieb die Banane ganz weit rein.“

Es gibt viele Mädchen wie Luisa. Niemand weiß, ob sie den Befehlen von Pädokriminellen wirklich folgen. Eine Zehnjährige kann das Machtgefälle in einem Chat mit Älteren nicht durchschauen. Aber Socourlove weiß, er hat Macht.

Luisa ist unsere Erfindung, es gibt sie nicht wirklich. Wir wollten ausprobieren, was in den Chats für Kinder vor sich geht. Wie es ihnen ergeht, wenn sie sich dort einloggen. Wir haben verschiedene Profile von Mädchen in unterschiedlichem Alter angelegt und uns bei beliebten Chatportalen für Kinder und Jugendliche angemeldet. Die Vorgabe war: niemanden provozieren und passiv bleiben. Luisas Foto ist ein Produkt unserer Layoutabteilung, es ist komplett künstlich. Es zeigt ein schüchternes Mädchen, etwa zehn Jahre alt.

Aber der Chat mit Luisa, den wir hier wiedergegeben haben, ist echt. Er ist auch keine seltene Ausnahme, sondern ein typisches Gespräch. Es dauert stets nur wenige Minuten, bis unsere Chatpartner auf Sex zu sprechen kommen. Ähnlich wie in Luisas Gespräch mit Socourlove. Noch mal: Es ist keine Ausnahme. Es passiert unweigerlich, jedes Mal.

Die Strategien sind verschieden, aber egal, ob sich Luisas Chatpartner als 14 oder 50 ausgeben, es geht ihnen um Sex, Sex, Sex. Bei Knuddels tummeln sich die meisten Nutzer im Chatraum für Kinder unter 12. Knuddels schreibt in seiner Eigendarstellung, der Jugendschutz spiele eine „wesentliche Rolle“. Man habe „in den letzten Jahren allerdings festgestellt, dass das Thema Jugendschutz etwas dramatisiert wurde“. Wortfilter und angeblich 10.000 ehrenamtliche Moderatoren haben bei Luisa nichts genutzt.

„20 Männer wollen Dich kennenlernen“

Auf der Hauptseite informiert „James“, der automatische Assistent, Luisa: „20 Männer wollen Dich kennenlernen“. James ist der „Butler“ von Knuddels, eine Software-Fiktion. Die Männer haben sich Luisas Foto angesehen und durch virtuellen Knopfdruck Interesse gezeigt. Luisa wird aufgefordert, mehr Fotos hochzuladen. Außerdem berichtet James über Aktivitäten anderer Nutzer: „x nimmt y in den Arm … Schwupps …! y hat jetzt den 5. Knutschfleck.“ Nach wenigen Sekunden gehen gleichzeitig mehrere Fenster auf. Anfangs öffnet sich auch ein Fenster, in dem Luisa testen kann, wie fit sie in Sachen Jugendschutz ist. Es ist viel Text für ein zehnjähriges Mädchen, das nervt, aber Luisa kann das Fenster einfach wegklicken. Die anderen Fenster sind winkende Smileys: „Hi. Jemand möchte mit dir chatten.“ Luisa muss nur auf „Ja“ drücken, und schon ist sie im privaten Chat, ohne Moderator, ohne James. Viele der Chatpartner wollen sofort auf Skype oder MSN-Messenger wechseln. Denn mit diesen Chatprogrammen lassen sich nicht nur Wortfilter umgehen, sondern es gibt auch die Möglichkeit, Videoanrufe zu machen.

Sophia ist zwölf. Auch Sophia existiert nicht, auch ihr Bild auf Skype ist nicht echt. Sie loggt sich bei Teens (de) als Sophia12 ein. Teens (de) ist ein Angebot von ICQ. Jeder kann sich irgendeinen Spitznamen geben, reinzukommen dauert eine Sekunde. Bei Teens muss sich niemand registrieren, es gibt keine Konten oder Fotos. Sofort ploppen zahlreiche Fenster auf, in denen Nutzer Sophia zum privaten Chat anfragen. Und auch hier: Sofort geht es um Sex.

Sophia gibt ihren Skypenamen heraus. Akex_91 schaltet die Kamera ein, obwohl Sophias Kamera angeblich kaputt ist und sie auch das Mikro nicht anmacht. Sie sagt, ihr Vater sei zu Hause. Akex_91 akzeptiert, dass es keine Gegenleistung gibt, zeigt als Strafe aber nur seinen Bauch. Dass er onaniert, ist trotzdem erkennbar, manchmal rutscht sein Organ ins Bild. Zwischendurch fordert er Sophia immer wieder auf, ihre Kamera einzuschalten, damit er sie ebenfalls sehen kann – dann würde er auch alles zeigen.

> du erprest mich
> jaja :-)

Ein anderer Nutzer auf Teens nennt sich Leon46. Leon46 erzählt von seinem Pool, seinem Haus bei München, seinen vier Autos. Er spricht auch von seinen Töchtern im Alter von fünf, neun und dreizehn Jahren: Lena, Marie und Lisa. Er sagt, Sophia solle doch mal ein Wochenende vorbeikommen, er könne sie in Frankfurt abholen. Badesachen brauche sie keine. Im Haus könne sie nackt rumlaufen, danach dürfe sie bei ihm im Bett schlafen.

> hattest du schonmal Sex?
> ne noch nich ich bin erst 12
> willst du dann mit mir haben?
> weis nich
> ich will mit dir

Sie solle sich jetzt mal anfassen. Ob das schön ist? Ob sie schon feucht wird?

Am nächsten Tag loggt sich Nora ein. Nora ist 11 Jahre alt und angeblich die Schwester von Sophia. Leon46 hat Sophia vom Tag davor schon vergessen. Wäre sie die Einzige gewesen, würde er sich gewiss noch an sie erinnern können. Er erzählt Nora die gleiche Geschichte wie Sophia. Und:

> zieh mal deine unterwäsche aus
> ok
> ist sie aus?
> hm
> reib mit deiner hand mal deine muschi

Leon46 sagt, er mache das gleiche gerade mit seiner Tochter Lisa. Er mache das sehr oft mit seinen Töchtern, sie fänden das sehr schön. Er fordert Nora auf, ihre ältere Schwester aus dem Wohnzimmer zu holen. Nora soll Sophia lecken. Nora ekelt sich. Sie sagt, ihr Papa komme gleich. Leon46 fragt: „Findest du euren Papa heiß?“ Nora schreibt: „Nee, das ist doch der Papa.“ Dass der Vater gleich im Zimmer stehen könnte, stört Leon46 nicht, weil es dem doch auch gefallen könne, dass sich die Töchter gegenseitig lecken – schreibt er.

Er manipuliert

Leon46 lockt Sophia und Nora mit seinem Reichtum: Er verspricht ihnen Geschenke, wenn sie mit ihm nackt im Bett schlafen. Er nährt ihre Hoffnungen, er gurrt und heuchelt. Gleichzeitig erteilt Leon46 seine Befehle: Zieh dich aus, steck den Finger rein, leck deine Schwester, komm zu mir und schlaf mit mir.

Er manipuliert. Das ist keine Kunst, denn Kinder vertrauen Erwachsenen, gehorchen ihnen und binden sich schnell an Autoritäten. So absurd die Geschichte von Leon46 erscheinen mag: Ein Kind glaubt einem Erwachsenen. Was soll es denn sonst tun? Es vertraut, bis es enttäuscht wird.

Nora lässt sich von einem anderen Nutzer bei Teens überreden, auf Skype zu chatten. Sie benutzt den Account ihrer angeblichen Schwester Sophia. Der Typ nennt sich auf Skype Audifahrer, in Wirklichkeit heiße er Max. Er legt gleich los. Sie legen alle gleich los. Obwohl Nora versichert, weder Bilder, Mikro noch eine Kamera zu besitzen, und mehrfach sagt, sie sei erst elf Jahre alt, ruft Audifahrer sie per Videoanruf an. Nora nimmt an. Sie sieht jetzt einen Penis und die masturbierende Hand. Und sie hört die Stimme von Audifahrer: „Gefällt dir mein Schwanz?“

Die Stimme klingt nach einem Mann über 30. Nora antwortet über den Chat nur mit hm, nein, vielleicht, aber das reicht Audifahrer offensichtlich, um sich zu erregen. Er befiehlt, Nora solle sich auch anfassen. Und er fragt: „Findest du, dass ich einen großen Schwanz habe?“ und „Willst du sehen, wenn das Sperma spritzt?“ Nora legt auf.

Das Internet ist eine Tür ins Kinderzimmer

Solche Bilder hinterlassen Brandmarken im kindlichen Gedächtnis. Kinder am Beginn der Pubertät erkunden ihre keimende Sexualität, das Tempo dabei müssen sie selbst bestimmen. Scham umgibt diesen Vorgang wie ein natürlicher Schutz. Wenn Erwachsene ihn zerstören, ist das ein Übergriff: seelische Gewalt. Was Nora in Skype gesehen hat, wird sie nie vergessen. Die Täter nutzen die kindliche Neugier aus und legitimieren ihre Gewalt noch mit der Phantasie, ein elfjähriges Mädchen errege sich beim Anblick des Exhibitionisten.

Das Internet ist eine Tür ins Kinderzimmer. In Chats können auch Jugendliche und Kinder, ohne bösen Willen, andere Kinder verletzen und sich dabei noch selbst gefährden.

Ein Junge, der angeblich 14 ist und den wir auf Knuddels treffen, will gleich auf Skype wechseln. Er glaubt, mit der zehnjährigen Luisa zu chatten. Er fragt nach Bildern. Er bekommt keine, schickt aber selbst ein Bild. Nach wenigen Minuten im Chat haben wir ein Foto von einem nackten Knaben auf dem Rechner, der seinen Penis anfasst und selbstbewusst in die Kamera schaut. Er weiß nicht, was sein Gegenüber mit dem Bild anfängt. Es könnte für immer im Internet kursieren.

Wir melden uns bei Panfu.de an. Das geht kostenlos oder mit einer Goldmitgliedschaft, die 9,99 [Euro] im Monat kostet. Luisa kann von nun an als kleines Pandamädchen selbst die Welten von Panfu erkunden. In seiner Eigendarstellung schreibt Panfu: „Mit gutem Gewissen können wir behaupten, dass Panfu ein absolut sicherer Ort für Kinder ist. Ansonsten würden wir unsere eigenen Kinder nicht sorgenfrei auf Panfu spielen lassen.“

Panfu ist in verschiedene Zonen aufgeteilt, vom Schwimmbad bis zum Dschungel. In diesem bunten Universum können die Panda-Avatare sich wie in einem Computerspiel bewegen. Alles ist aufwendig gestaltet, mit Spielen und Abenteuern, die die kleinen Avatare erleben können. Es scheint den meisten aber vor allem um die Kommunikation mit anderen zu gehen. Dem Anbieter geht es um Geld. Ständig öffnet sich ein Fenster,

das das Kind auffordert, ein Goldpanda zu werden: Das ist teuer, dafür kann man Smileys mit Herzen verschicken – und Küsse. Jeder besitzt ein eigenes Baumhaus, in das er Freunde einladen kann. Goldpandas haben sogar luxuriöse Badezimmer. Auf dem Marktplatz ruft dann jemand: „Alle Kinder in mein Baumhaus!“, „Suche Mädchen für mein Baumhaus …“ oder „FLIRTPARTY in meinem geilen Haus!“, und Luisa kann dem folgen. Auch Mädchen suchen nach „süßen Boys“. Ein Nutzer, der sich gvyx nennt, lädt Luisa in sein Baumhaus ein. Angeblich ist er zwölf Jahre alt. Luisa sagt, sie sei zehn Jahre alt und gvyx habe ein schönes Baumhaus. Der kommt gleich zur Sache: „Sollen wir jetzt anfangen …?“ Luisa fragt nach, was er meint. Er antwortet mit „…“ und fragt, was sie anhat. Er selbst trage nur noch eine Unterhose. Dann spricht er von „SB“ und zieht die Kleidung seines Avatars aus. SB steht in der Chatsprache für Selbstbefriedigung.

Dem öffentlichen Blick entzogen

Die beiden Panda-Avatare stehen einander gegenüber. Ein Panda ohne Kleidung. Unschuldige Bilder einer virtuellen Welt. Aber wie differenziert nimmt ein Kind das wahr? Eine aufregende Situation in einem Computerspiel kann echte Adrenalinstöße auslösen. Wie nah fühlt sich ein Kind seinem Avatar in einem solchen Moment? Durch die Animation wirkt alles realer als in normalen Chats. Wenn Luisa im Baumhaus steht, kann sie den Raum jederzeit verlassen, aber einen Notfallknopf gibt es nicht für solche Situationen. Und auch hier handelt es sich nicht um einen Einzelfall, in anderen Baumhäusern passiert Luisa Ähnliches, dem öffentlichen Blick sind sie entzogen. Bevor Luisa gvyx im Baumhaus getroffen hat, war sie gerade mal 15 Minuten auf Panfu aktiv.

Auch bei Wuschelchat.de wird Luisa10 gleich nach dem Einloggen von liebhaber und lovemake bedrängt. Lovemake gibt sich als verständnisvoller 15-Jähriger aus, der auf junge Körper steht und Luisa aufklärt, es sei normal und schön, sich anzufassen: „musst aber keine angst haben, wirklich nicht, ich weiss das du noch klein bist, aber das was du da machst, ist vollkommen normal und schön =)“. Und wenn sie noch keinen BH trägt, dann hat sie zumindest schöne Brustwarzen, oder?

Bei Wuschelchat gibt es einen offenen Chat, jeder kann sehen, was die anderen schreiben. Und es gibt den Flüstermodus, dann sind zwei Chatpartner alleine. Wuschelchat bietet Chats für Kinder oder Erwachsene. In den Kinderchat kommt man auch als Gast, ohne Registrierung. Alles ist in Rosa und Hellblau gehalten. Der Gast wird auf die Regeln des Chats hingewiesen: Es wird um „respektvolles“ und „nicht zu aufdringliches“ Verhalten gebeten. Der Gast drückt „ok“ und ist mit Kindern in einem Chatraum. Wer darauf aus ist und „Glück“ hat, ist alleine mit einem Kind im Raum, private Gespräche sind als Gast sonst nicht möglich.

Wir haben das ausprobiert und treffen auf sweet11. Sie gibt an, 12 Jahre alt zu sein – und ist alleine im Chatraum. Wir unterhalten uns normal mit ihr. Sie sagt, sie sei auch schon angemacht worden im Chat, das Problem gebe es eigentlich überall. Wir raten ihr, den Chatnamen und den Chat zu wechseln, und sie soll auf sich aufpassen. Da betritt schon der nächste Gast den Raum und ist allein mit sweet11.

Toggo.de wirbt damit, die größte Internetseite für Kinder zu sein. Zuerst baut man sich seine Avatare: Im Angebot sind bauchfreie T-Shirts und kurze Röcke. Toggo.de schickt eine Mail an die Eltern, die müssen bestätigen, dass ihr Kind bei Toggo chatten darf. Das scheint sicherer, weil Eltern sich das Portal vorher anschauen können und zu wissen glauben, was ihr Kind tut. Als nächsten Schritt muss das Kind Freundschaftsanfragen verschicken, um mit anderen chatten zu können. Der offene Chat hat nur zu bestimmten Tageszeiten geöffnet. Von 16 bis 18 Uhr gibt es den Freundechat, von 18 bis 20 Uhr den Herzklopfchat.

Im großen Chatraum treffen sich alle, die online sind, und können sich dann zum privaten Chat verabreden. Die privaten Chats werden nicht kontrolliert – außer man informiert aktiv die „Treff-Polizei“, die dann „ermittelt“. Bei unserem Test kam von eli2 im privaten Chat auf die Frage: „Was machst du?“ sofort die Antwort: „Ich mach dich nackig.“ Auf Luisas Meldung bei der Treff-Polizei gab es keine Reaktion. Andere Nutzerinnen und Nutzer verabreden sich im allgemeinen Chat zum Flirten oder suchen angeblich einen festen Freund oder eine Freundin. Die meisten behaupten, jünger als zwölf zu sein.

Für Pädokriminelle sind solche Chats ein Jagdrevier. Sobald ein Kind sich überreden lässt, auf Skype oder ein anderes Chatprogramm zu wechseln, ist es auch vor Bildern, Links und der Livekamera nicht sicher. Und: Die Kriminellen versuchen, sich mit den Kindern zu verabreden. So wie Leon, der übernächstes Wochenende vereinbaren möchte, da habe er Zeit.

Luisa hört oft, wie lieb und süß sie sei. Jedes Mädchen ist empfänglich für solche Worte. Kinder suchen nach Liebe und Aufmerksamkeit – und am meisten, wenn sie ihnen fehlen. Sie verlangen danach. Auch und manchmal gerade von Fremden. Aber auch, wenn die Liebe der Eltern ihnen sicher ist, können Kinder die Aufmerksamkeit eines Fremden als reizvoll erleben. Geht es ihnen zu Hause schlecht, sind sie geradezu darauf angewiesen. Diese Kinder sind besonders gefährdet, denn sie suchen die Liebe woanders.

Es passiert täglich – in tausenden Kinderzimmern

Die Täter wissen das. Sie suchen ihre Opfer bei den Schwachen. Sie umgarnen die kindliche Seele. Aber dann kommt die Frage, ob das Mädchen „schon Haare an der Muschi“ hat. Sagt sie „Nein“, kommt die Antwort: „Geil“. Ein „Ich mag nicht“ oder „Ich habe Angst“ wird durch die Chatpartner einfach übergangen oder mit Schmeicheleien beiseitegeschoben.

Lange hält sich allerdings niemand auf mit süßen Worten und Komplimenten. Üblicherweise sind die Gespräche im Chat gleich so:

> Hey! Bist du noch Jungfrau?
> ja?
> Ok. Darf ich das ändern?

Viele Chatportale haben auch Seiten, auf denen die Kinder informiert werden, was zu tun ist, wenn jemand unangenehm wird: Mit den Eltern reden, die Moderatoren ansprechen oder den Notfallknopf drücken, wenn es so etwas gibt. Das ist ungefähr so, als ob man einen Rettungsring neben ein zwei Meter tiefes Nichtschwimmerbecken hängt.

Und selbst wenn es helfen würde: Traut sich das Kind? Oder schämt es sich nicht viel eher, mit Erwachsenen darüber zu sprechen, was es im Internet erlebt hat? Ein Kind, das seinen Körper und seine Sexualität entdeckt, grenzt sich ab. Das Kind betrachtet sich selbst, möchte aber von den Eltern nicht mehr gesehen werden. Die Scham schützt diese Entwicklung – von Erwachsenen muss sie liebevoll respektiert werden. Schon gar nicht kann man von Kindern verlangen, sie selbst zu durchbrechen. Die Hürde ist riesig. Außerdem: Viele Kinder wollen nicht, dass sich die Eltern Sorgen machen, und ein Computerverbot wollen sie schon gar nicht.

Die meisten Täter nutzen das aus. Sie versuchen, Nähe und Vertrauen aufzubauen. Das Kind glaubt, einen Freund zu verlieren, wenn es den Notfallknopf drückt.

Was Luisa, Nora und Sophia passiert ist, geschieht täglich in Tausenden Kinderzimmern. Nicht nur manchmal, sondern andauernd, unweigerlich. Es dauert, wir haben das jetzt über Wochen ausprobiert, immer nur wenige Minuten bis zum ersten Übergriff. Jedes Einwirken auf Kinder mit der Absicht einer sexuellen Handlung ist in Deutschland strafbar. Egal, ob es auf der Straße oder im Internet passiert.

Quelle: F.A.S.
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