Studie zum Lesen und Schreiben

Wenn digitale Geräte Schüler überfordern

Von Heike Schmoll, Berlin
04.05.2021
, 09:57
Wo Tablets und Smartphones im Unterricht verwendet werden, können Schüler oftmals schlechter lesen. Für Deutschland gilt das besonders stark. Woran liegt es? Die Ergebnisse einer Sonderauswertung des Pisa-Tests.

Finden sich gute Leser besser im Internet zurecht? Wie lernen Schüler, glaubwürdige Inhalte von wenig zuverlässigen zu unterscheiden und wie suchen sie im Internet gezielt nach Informationen, ohne im Datenmeer unterzugehen? Das sind die Leitfragen einer Zusatzauswertung zur Pisa-Studie 2018 mit dem Titel „Lesen im 21. Jahrhundert: Lese- und Schreibkompetenzen in einer digitalen Welt“. Die Sonderauswertung wird am Dienstag gemeinsam von der OECD Berlin, dem Bundesministerium für Bildung und Forschung, dem Hessischen Kultusministerium und der Vodafone Stiftung vorgestellt. Finanziert hat sie die Vodafone Stiftung.

In 35 Ländern besteht zwischen Schülerleistungen im Bereich Lesekompetenz und Nutzungsdauer digitaler Geräte für schulische Zwecke ein negativer Zusammenhang. Besonders stark ausgeprägt ist er in Deutschland. Das bedeutet konkret: erhöht sich die wöchentliche Nutzungsdauer digitaler Geräte für schulische Zwecke um eine Stunde, ist mit einer Verringerung der Schülerleistungen in der Lesekompetenz um 27 Punkte zu rechnen. Im OECD-Durchschnitt sind es nur sieben Punkte weniger.

Während im OECD-Durchschnitt drei Viertel der 15 Jahre alten Schüler angaben, digitale Geräte zum Lernen zu nutzen, traf dies nur auf die Hälfte der Schüler in Deutschland zu. Obwohl in der Schule bei der Erhebung für die Pisa-Studie 2018 noch kaum digitale Geräte genutzt wurden, schnitten die 15 Jahre alten Schüler bei der „International Computer and Information Literacy Study (ICILS)“ besonders gut bei der Beurteilung der Glaubwürdigkeit von Quellen im Rahmen einer Phishing-Mail-Aufgabe. Insgesamt allerdings waren die Ergebnisse der deutschen Schüler im Umgang mit digitalen Medien keineswegs zufriedenstellend.

Bildungsforscher fragen sich schon seit längerem, warum eine häufige Nutzung digitaler Medien in der Schule für schulbezogene Zwecke negativ mit den Informations- und Kommunikations-Kompetenzen (IKT) der Schüler beim Lesen korreliert. „Die Nutzung digitaler Medien an sich wirkt nicht lernfördernd“, heißt es in der Sonderauswertung erstaunlich deutlich. Nur wenn Lehrer digitale Medien und Geräte gezielt und auf sinnvolle Art und Weise für Lernprozesse nutzten, könne dies zur Verbesserung der Leistungen beitragen.

Aufschlussreich ist, dass Schüler, die noch gedruckte Bücher aus Freude lesen (in Deutschland ist das eine Minderheit), sowohl Print- als auch Digitalveröffentlichungen lesen. Schüler, die Bücher häufiger gedruckt als auf digitalen Geräten lesen, erzielen in einer computergestützten Testumgebung beim Lesen 44 Punkte mehr als Schüler, die selten oder nie Bücher lesen.

Laut einer wissenschaftlichen Studie korreliert die Nutzung von Printbüchern in der Schule stärker positiv mit der Leseleistung als die Nutzung digitaler Bücher. „Studien, die zuhause oder im Labor durchgeführt wurden, zeigten dagegen keinen medienbedingten Leistungsunterschied“, heißt es in der Studie. „Digitale Bücher bringen im schulischen Kontext nicht automatisch einen Mehrwert, der zu einer höheren Lesekompetenz führt“.

Ein Fünftel unter Mindestniveau für ein selbst bestimmtes Leben

Bei der Lesefähigkeit unter deutschen Schülern gibt es systematische Leistungsunterschiede zwischen Jungen und Mädchen und zwischen sozioökonomisch günstigen und ungünstigen Ausgangslagen. Rund 21 Prozent der Schüler in Deutschland erreichen beim Lesen nicht das für ein selbst bestimmtes Leben und die Teilhabe in der Gesellschaft erforderliche Mindestniveau. Häufig verlassen sie schon die Grundschule mit erheblichen Defiziten im Lesen, die später nicht mehr wettzumachen sind. Lesestrategien können ein Schlüsselfaktor für erfolgreiches Lesen sein. Schüler gingen kritischer mit Quellen um, wenn sie im Unterricht lernen, die Glaubwürdigkeit von Informationen zu beurteilen. Außerdem könne die Kenntnis effektiver Strategien zum Verstehen, Behalten, Zusammenfassen und Beurteilen von Informationen den Einfluss des sozioökonomischen Hintergrunds und die geschlechtsspezifischen Unterschied deutlich abschwächen, so die Sonderauswertung.

Lesestarke Schüler können sowohl gedruckte Texte lesen als auch in anspruchsvollen digitalen Umgebungen navigieren. Sie lesen Nachrichten häufiger auf digitalen Geräten und wechseln zwischen Print- und Digitalformat, weil sie in der Lage sind, digitale Technologien je nach Aktivität und Inhalt optimal zu nutzen.

Effektive Leseförderprogramme müssten Wort- und Textverständnis vermitteln und stärker auf komplexe Lesestrategien ausgerichtet sein. Zur Förderung der Lesekompetenz müsse das gesamte Spektrum der Lernmöglichkeiten ausgeschöpft werden, das sowohl digitale Technologien als auch gedruckte Texte umfasse. Dadurch würden die Schüler befähigt, kritisch zu denken und die metakognitiven Kompetenzen zu entwickeln, die sie für ein technologiegeprägtes 21. Jahrhundert brauchten.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Schmoll, Heike
Heike Schmoll
Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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