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Plagiate

Fremdes Gedankengut

Von Reinhard Müller
 - 17:35
Kopiert, zitiert, Quelle „vergessen”: keine Sache nur des Verteidigungsministers

Wissenschaft bedeutet Abschreiben. Eigentlich natürlich nicht, aber in der Praxis oft schon. Und in Zeiten des Internet mehr denn je. Viele Aufsätze, aber auch Doktorarbeiten und Habilitationsschriften fassen lediglich den Forschungsstand zusammen. Nun ist es gewiss auch eine Leistung, den immens gewachsenen Strom von Veröffentlichungen im Blick zu behalten und in Bahnen zu lenken.

Doch fordern die Promotionsordnungen jedenfalls der rechtswissenschaftlichen Fakultäten mehr: So heißt es in der Ordnung der Bayreuther Fakultät: „Die Dissertation muss eine selbständige wissenschaftliche Leistung darstellen und zur Lösung wissenschaftlicher Fragen beitragen. Sie soll zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen führen.“ Die Marburger Fakultät stellt zudem ausdrücklich fest: „Ausschließlich normale Leistungen, insbesondere solche literarischer Berichterstattung, genügen nicht.“ Ferner wird in Bayreuth neben der Erklärung des Bewerbers, dass gegen ihn nicht wegen einer Straftat ermittelt wird, eine „ehrenwörtliche Erklärung“ darüber verlangt, dass er „die Dissertation selbständig verfasst und keine anderen als die von ihm angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt hat“.

Im Fall einer „Täuschung“ kann die Doktorprüfung nachträglich für nicht bestanden erklärt werden. Im Übrigen richtet sich der Entzug des Titels nach dem Gesetz über die Führung akademischer Grade, das 1939 von der Reichsregierung „beschlossen“ wurde. Dort ist etwa der Entzug für den Fall geregelt, dass sich der Inhaber des Titels durch sein späteres Verhalten der Führung eines akademischen Grades „unwürdig“ erwiesen hat. Man kann sich unschwer ausmalen, dass dieser Begriff auch zur Verfolgung genutzt werden konnte. Heute jedenfalls ist er sehr eng auszulegen, worauf der Stuttgarter Rechtsanwalt Frank Winkeler hinweist. Er hat in erster Instanz erfolgreich einen Physiker der Universität Konstanz vertreten, dem wegen Plagiaten nach Abschluss seiner Doktorarbeit der Titel entzogen worden war.

„Täuschung über wissenschaftliche Leistung“

Die Hürden für einen Entzug sind deshalb hoch, weil es hier um einen erheblichen Eingriff geht. Das gilt auch für die „Täuschung“. Es handelt sich um eine Ermessensentscheidung der Promotionskommission, die aber selbstverständlich gerichtlich überprüfbar ist. Viele Entscheidungen gibt es hierzu allerdings nicht. Der Verwaltungsgerichtshof von Baden-Württemberg hat in einer Entscheidung vom 13. Oktober 2008 im Tenor entschieden: „Die nicht gekennzeichnete Übernahme kompletter Passagen aus dem Werk eines anderen Autors in einer Dissertation beinhaltet eine Täuschung über die Eigenständigkeit der erbrachten wissenschaftlichen Leistung. Sofern sie planmäßig und nicht nur vereinzelt erfolgt, kann sie die Hochschule zur Entziehung des verliehenen Doktorgrades berechtigen.“ Zugleich hebt der Verwaltungsgerichtshof hervor: „Auf den Umfang der abgeschriebenen Stellen sowie auf die Frage, ob die Arbeit auch ohne das Plagiat noch als selbständige wissenschaftliche Arbeit hätte angesehen werden können, kommt es grundsätzlich nicht an.“

In dem Beschluss wird weiter ausgeführt, dass sich eine „systematische und planmäßige Übernahme fremden Gedankenguts“ „bereits daraus“ ergebe, „dass sich die Plagiate an mehreren Stellen der Dissertation auffinden lassen und verschiedene Fremdautoren betreffen.“ Sogar soweit „in einzelnen der Passagen ein Hinweis auf die Originalstelle erfolgt ist“, genügt das nach Ansicht des Gerichts nicht, „um den Plagiatsvorwurf entfallen zu lassen“. Denn in diesem Fall habe auch jenen Nachweisangaben nicht entnommen werden können, „dass ganze Passagen wörtlich entlehnt worden sind, zumal die vor und nach dem Nachweis liegenden Teile mit eigenständigen Fußnoten versehen sind (die meist wiederum aus dem Originalwerk abgeschrieben wurden)“. Eine Täuschung liege auch im Fall kleiner Änderungen vor, „insbesondere in Form von Umgruppierungen wiederum fast wörtlich übernommener Passagen“. Denn auch insoweit sei die Gedankenführung „nicht eigenständig entwickelt und darüber getäuscht worden, dass die wissenschaftliche Leistung von einem Anderen stammt“. Die „Umstellungen und Syntaxvariationen“ belegten im übrigen „die gezielte Verschleierungsabsicht“. Schließlich ist es aus der Sicht des Verwaltungsgerichtshofs nicht zu beanstanden, dass das öffentliche Interesse am Ansehen der Universität höher bewertet worden sei „als die beruflichen und sozialen Folgen für den Kläger“. (Aktenzeichen 9 S 494/08).

Erhebliche Folgen bei Plagiaten

Diese Folgen können erheblich sein. So entzog die juristische Fakultät der Universität Göttingen 2009 dem der CDU angehörenden Vorsitzenden des Landschaftsverbandes Lippe den Doktortitel, weil er einmal 13 Seiten und noch einmal mehr als 20 Seiten wörtlich, am Stück ohne Nachweis übernommen hatte. Die Entscheidung wurde rechtskräftig, weil der Betroffene seine Klage zurückzog. Die Staatsanwaltschaft erließ zudem einen Strafbefehl wegen Urheberrechtsverletzungen in Höhe von 9000 Euro - aufgrund des öffentlichen Interesses; es hatte sich offenbar kein Geschädigter gemeldet.

Vor die Gerichte kommen also nur ganz wenige Plagiatsfälle. Das heißt aber keinesfalls, dass es nur wenige gibt. Das Buch des Münchner Arbeitsrechtlers Volker Rieble über das „Wissenschaftsplagiat“ trägt nicht ohne Grund den Untertitel „Vom Versagen eines Systems“. Dort werden „Kollegenplagiate“ benannt und die (nicht seltenen) „Professorentexte“ angeprangert, die von Assistenten geschrieben werden - ohne das deutlich zu machen. Rieble rügte auch das „Kettenabschreiben“ und „Aasen“ und handelte sich prompt eine Klage eines in seinem Buch genannten amtierenden Bundesverfassungsrichters ein. Veröffentlichungen im Internet fördern dabei das Abschreiben. Wirksame Gegenwehr gibt es nicht. Rieble sieht eine effektive Plagiatabwehr vor allem in der öffentlichen Diskussion.

Andererseits sitzt hier wohl fast jeder im Glashaus, ist Teil eines Systems, in dem man lieber nicht so genau hinsieht. Wohl auch deshalb stürzen sich jetzt manche Wissenschaftler im Internet auf das Werk eines Prominenten und arbeiten sich daran ab - anonym, versteht sich.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Müller, Reinhard
Reinhard Müller
Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.
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