Plagiatsverdacht in der FDP

Kreativ zitiert

Von Christiane Hoffmann, Berlin
29.05.2011
, 21:09
Plagiatsvorwürfe bei Doktortiteln: Die FDP hat es erneut erwischt
Schon wieder die FDP: Nach Silvana Koch-Mehrin und Jorgo Chatzimarkakis verdächtigen anonyme Plagiatsucher nun Bijan Djir-Sarai, Mitglied des Auswärtigen Ausschusses. Er sieht „zur Zeit keinen Anlass zu einer Stellungnahme“.
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Schon wieder trifft es die FDP. Nicht genug, dass Energiewende und Krankenkassenpleite den frischgebackenen, jungen Ministern der Liberalen keine Zeit zur Einarbeitung lassen. Nicht genug, dass die Partei trotz des personellen Neuanfangs den Wiedereinzug in die Bremer Bürgerschaft am Sonntag mit 2,6 Prozent überdeutlich verpasste. Nein, die FDP bleibt auch von einer weiteren Plage befallen: dem Plagiat. Bereits der vierte Liberale gerät nun in der Nachfolge von „KT“ ins Visier der Plagiatsjäger aus dem Internet.

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Nach den Europa-Abgeordneten Silvana Koch-Mehrin und Jorgo Chatzimarkakis verdächtigen die anonymen Plagiatsucher dieses Mal einen Bundestagsabgeordneten: den 34 Jahre alten Bijan Djir-Sarai, gebürtiger Iraner, Mitglied des Auswärtigen Ausschusses und der Deutsch-Iranischen Parlamentariergruppe. Zwar wird die Untersuchung noch nicht namentlich auf der Startseite der Plattform geführt. Aber unter dem Kürzel „Bds“ figurieren bereits mehr als ein Dutzend gründlich dokumentierte Funde mit zum Teil umfangreichen Zitaten, die zweifelsfrei Djir-Sarais Schrift „Ökologische Modernisierung der PVC-Branche in Deutschland“ entstammen, mit der er 2008 an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln promoviert wurde. Die Verdachtsmomente häufen sich vor allem in der ersten Hälfte der Arbeit, dem theoretischen Teil. Die zweite Hälfte ist eine Fallstudie. Der Abgeordnete sieht, wie er sagt, „zur Zeit keinen Anlass zu einer Stellungnahme“.

Bereits seit einer Woche ist der neue Fall in Bearbeitung, aber die Netzaktivisten waren dieses Mal wesentlich zurückhaltender, an die Öffentlichkeit zu gehen. Die verstärkte Sorgfalt dürfte nicht zuletzt eine Reaktion auf Kritik sein. Dabei hat sich bisher kein veröffentlichter Verdacht der Internetgruppen als unbegründet erwiesen: Das Schicksal des Freiherrn ist bekannt, auch der Stoiber-Tochter Veronica Saß wurde der Doktortitel aberkannt, der baden-württembergische CDU-Landtagsabgeordnete Matthias Pröfrock verzichtet darauf, den seinen zu tragen, und dass Frau Koch-Mehrin alle hohen Parteiämter aufgegeben hat, mag zumindest als Anzeichen angesehen werden, dass sie sich in Bedrängnis sieht.

Sensibilisiert: Jorgo Chatzimarkakis hat Fürsprecher in der eigenen Partei
Sensibilisiert: Jorgo Chatzimarkakis hat Fürsprecher in der eigenen Partei Bild:

„Mittelalterlicher Pranger“

Während der Fall „SKM“ in der FDP hartnäckig beschwiegen wurde, konnte sich ihr Kollege Chatzimarkakis über die Fürsprache der anderen FDP-Europapolitiker freuen. Alexander Alvaro, der an die Stelle von Koch-Mehrin in das Berliner Parteipräsidium aufrückte, bezichtigte die Plagiatsjäger nach Bekanntwerden des Falles „Chatzi“ des „Denunziantentums aus dem Schutze der Anonymität des Internets“. Alexander Graf Lambsdorff, der Koch-Mehrins Stelle an der Spitze der FDP im Europaparlament eingenommen hat, sprach von einem „mittelalterlichen Pranger“ und versicherte, ein so „kreativer Kopf und mutiger Querdenker“ habe es „mit Sicherheit nicht nötig gehabt, Textstellen anderer Autoren zu übernehmen, um Ideen zu produzieren“. In Chatzimarkakis’ Doktorarbeit „Informationeller Globalismus. Kooperationsmodell globaler Ordnungspolitik am Beispiel des elektronischen Geschäftsverkehrs“ dokumentiert „Vroniplag“ inzwischen, dass der Autor fast auf zwei von drei Seiten abgeschrieben hat.

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Der ging frühzeitig in die Offensive und ließ verlauten, die „jüngsten Debatten“ hätten ihn „für das Thema sensibilisiert“. Das veranlasste ihn dazu, seine Alma mater, die Universität Bonn, über unterschiedliche Zitierweisen in Kenntnis zu setzen, die „Raum für Spekulationen“ geschaffen hätten. Darunter auch die zweifellos kreative Zitierweise „Zitate im Fließtext, nicht eingerückt und ohne Anführungszeichen, ausgewiesen durch Fußnote“. Die Universität Bonn prüft die Vorwürfe. In Heidelberg, wo die Philosophische Fakultät seit April die Doktorarbeit von Silvana Koch-Mehrin unter die Lupe nimmt, ist man noch nicht zu einem Ergebnis gekommen.

FDP: In keiner Fraktion gibt es so viele Doktotitel

Dass man das Abschreiben langer Passagen in der Doktorarbeit akademisch überleben kann, beweist der Fall der Margarita Mathiopoulos, die ebenfalls Mitglied der FDP ist. Schon vor mehr als zwanzig Jahren war bekannt geworden, dass ihre Dissertation Plagiate enthält. Der wissenschaftlichen Karriere tat das keinen Abbruch: Auf ihrer Website weist Frau Mathiopoulos großflächig die Embleme von Harvard und Stanford, der Sorbonne sowie von TU und FU Berlin und den Universitäten Bonn, Potsdam, Hannover und Braunschweig als Stätten ihres wissenschaftlichen Wirkens aus. Inzwischen befasst sich „Vroniplag“ auch mit ihrer Dissertation.

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Für die FDP ist die Häufung von Fällen besonders schwierig, weil sie das Klischeebild einer Partei smarter Karrieristen bedient, die es mit den bürgerlichen Tugenden nicht allzu genau nehmen. Ein paar Doctores weniger werden den Liberalen dagegen nicht schaden: In keiner Fraktion gibt es so viele Doktortitel, jeder vierte FDP-Abgeordnete führt ihn. In der CDU sind die Titel etwas spärlicher gesät. Das Schlusslicht bei der Verteilung akademischer Grade bilden die Grünen.

Quelle: F.A.Z.
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