Plagiatsvorwürfe gegen Koch-Mehrin

Nach „KT“ nun „Silvana“

Von Christiane Hoffmann, Berlin
16.04.2011
, 21:00
Nicht „KT”: Silvana Koch-Mehrin
Auch die Doktorarbeit der FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin soll Plagiate enthalten. Wie schon im Fall Guttenberg untersucht die Netzgemeinde den Text: Bisher hat sie auf 22 Prozent der 227 Seiten langen Arbeit Anzeichen für geklaute Texte gefunden.
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Sie hatte schon seit einiger Zeit auf der „To-Do-Liste“ der Plagiatjäger gestanden: Silvana Koch-Mehrin, Vizepräsidentin des Europaparlaments, erfolgreiche Unternehmerin, Mutter dreier Kinder, die Frau, die Guido Westerwelle zur Vorzeigefrau der FDP machen wollte, 40 Jahre jung, sehr gutaussehend, blond – und promoviert. Zweierlei hatte die Plagiatjäger misstrauisch gemacht: Das Thema, die „Historische Währungsunion zwischen Wirtschaft und Politik: die Lateinische Münzunion 1865 – 1927“, ein abgeschlossenes und gründlich erforschtes historisches Gebiet, das einen überschaubaren Arbeitsaufwand verhieß. Und: „Die Frau hat einen gewissen Ruf“, sagt einer der Begründer von „Guttenplag“, jener Internetplattform, auf der sich Hunderte an der Suche nach Plagiaten in der Dissertation des früheren Verteidigungsministers beteiligten.

Aus „Guttenplag“ ging „Vroniplag“ hervor, betrieben von einer Handvoll Leuten, die weitermachen wollten, die sicher waren, dass es andere Fälle geben müsste und fündig wurden bei der Stoiber-Tochter Veronica – „Vroni‘“ – Saß: In deren Doktorarbeit, so dokumentiert es die Website, finden sich auf neun von zehn Seiten Plagiate. Im Vergleich dazu ist die Ausbeute bei Frau Koch-Mehrin bislang mäßig: Im Laufe der vergangenen Woche stieg der Anteil der plagiierten Seiten, den „Vroniplag“ verzeichnete, in der 227 Seiten starken Arbeit von weniger als zehn Prozent am Montag auf 22 Prozent am Freitag.

Losgetreten wurde der Fall „SKM“ dann doch eher durch einen Zufall: Ein Wissenschaftler, dem die Arbeit in die Hände geriet, meldete sich anonym bei „Vroniplag“, wo man sich am vergangenen Wochenende fieberhaft an die Arbeit machte. Am Montag erhielt dann die Universität Heidelberg einen anonymen Hinweis. Die überall als eloquent gepriesene und keineswegs öffentlichkeitsscheue Politikerin schweigt – auch auf mehrfache Anfrage. Auch die Stoiber-Tochter hat sich bisher nicht geäußert. Das war wohl die Lehre aus dem Fall Guttenberg, dass, wer sich wehrt, sich noch tiefer hineinreitet.

„Keiner wird ihn übertreffen“

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„Silvana“ ist nicht „KT“ – das sieht man auch in der Internetgemeinde so, wo man geradezu mit Hochachtung vom Talent des großen Plagiators schwärmt. Mit seiner „raffinierten Collage“ habe er die Messlatte sehr hoch gelegt. „Keiner wird ihn übertreffen“, sagt der Begründer von „Vroniplag“. Inzwischen sei die Dissertation zu einer Referenzarbeit für Plagiat-Software geworden.

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Frau Koch-Mehrin, die, gefördert von der Friedrich-Naumann-Stiftung, in den neunziger Jahren Geschichte und Volkswirtschaft studierte, übernahm dagegen – wenn man „Vroniplag“ glauben darf – oft nur geringfügig oder gar nicht abgewandelte Sätze oder ganze Absätze vor allem aus Handbüchern und Gesamtdarstellungen. Was „Vroniplag“ als Plagiate ausweist, sind zum Teil umfangreiche Textbausteine, etwa aus dem „Handbuch der europäischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte“. Nachlässigkeit? Schlampige Arbeit? Ein Versehen? Oder Betrug? Das wird die Universität beurteilen müssen, die sich dafür bis nach Ostern Zeit nehmen wird. Der im Jahr 2000 eingereichten Arbeit kann man keinen erkennbaren forscherischen Ehrgeiz nachsagen, sie wurde nur mit „cum laude“ beurteilt.

Für die Universität gibt es zwei Möglichkeiten: Sie kann die fehlenden Verweise als Bagatelle bewerten. Oder sie erkennt schwerwiegendes wissenschaftliches Fehlverhalten. Dann droht Frau Koch-Mehrin die Aberkennung der Doktorwürde – mit allen Konsequenzen für ihre politische Karriere.

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Der Titel konterkariert den Blondinen-Effekt

Auch die FDP schweigt. Es findet sich in der Partei niemand, der nach Kanzlerinnenart darauf pochte, Frau Koch-Mehrin sei nicht als „wissenschaftliche Assistentin“ ins Europaparlament gewählt worden, obwohl das ohne Zweifel zutrifft. Das höchste der Gefühle für die Parteifreundin ist ein politisch korrekter Verweis auf die Unschuldsvermutung. Das „Geschöpf Westerwelles“, die Vorzeigefrau, die sich gerne vorzeigen ließ, hat in der Partei viele Kritiker und wenig Freunde. Sie sei nie wirklich überzeugend gewesen, heißt es, gewandt in der öffentlichen Eigendarstellung, aber ohne politische Substanz.

Dabei hatte sie glänzende Voraussetzungen: mit einen mächtigen Förderer im Rücken, dem „erfolgreichsten Vorsitzenden der FDP-Geschichte“ (Koch-Mehrin über Westerwelle), ist sie eine der wenigen Frauen bei den Liberalen, die den Ehrgeiz für Führungspositionen aufbringt. Von der Familienministerin bis zur Generalsekretärin war sie für allerlei Führungsposten im Gespräch. Seit 2004 gehört sie als Vorsitzende der Liberalen im Europaparlament dem Parteipräsidium an.

Die Vorzüge der jungen Politikerin wusste die FDP für ihre Zwecke zu nutzen. „Wir wissen alle, dass ihr Gesicht bei der Europawahl geholfen hat“, heißt es in der Partei. Auch dank des großflächig plakatierten Gesichts zogen die Liberalen nach zehn Jahren Abstinenz wieder ins Europaparlament ein. Auf den Plakaten im Europa-Wahlkampf 2009 suggerierten das Gesicht und der übergroße Vorname „Silvana“, wer die FDP wähle sei mit der attraktiven Blondine auf „Du“. Das macht den Doktortitel, der auf keinem Plakat fehlte, so besonders wertvoll: Er konterkariert den Blondinen-Effekt und verheißt Seriosität.

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Instinkt für die Schlagzeile

Koch-Mehrin machte „Silvana“ zur Marke. Auch wenn sie nicht in derselben Liga spielt wie der fränkische Freiherr – einige Ähnlichkeiten sind unübersehbar: Das Talent zur öffentlichen Darstellung. Der Instinkt für die Schlagzeile. Die fehlende Berührungsangst mit der Öffentlichkeit, für die symbolisch der entblößte Bauch steht, mit dem Frau Koch-Mehrin im „stern“ nach eigenen Worten „öffentlich schwanger“ ging. Sie ist häufiger Gast in Talk-Runden und betätigt sich selbst regelmäßig als Fernseh-Moderatorin. Sie ist bekannt für drastische Forderungen – wenn sie Ministerin wäre, würde sie das Familienministerium abschaffen – und grelle Einwürfe zum „Reisezirkus“ zwischen Brüssel und Straßburg. Ihren männlichen Kollegen sprach sie unter Verweis auf deren abendliche Aktivitäten in Straßburg das Recht ab, sich gegen Zwangsprostitution einzusetzen.

Seit dem Wahlkampf 2009 haftet ihr der Ruf an, dass das Schwarzbrot der Arbeit in den Ausschüssen ihre Sache nicht sei. Damals wurde an Hand von Anwesenheitslisten bekannt, dass Frau Koch-Mehrins Präsenzquote im Europaparlament sich zwischen 2004 und 2008 auf den untersten Rängen bewegte. Ein acht Monate dauernder Mutterschaftsurlaub blieb allerdings unberücksichtigt. Trotz der Angriffe erzielte die FDP ein Rekordergebnis von 11 Prozent. Der Ruf, sie sei eine, die es nicht nötig habe, sich durch Fleiß hervorzutun, hat sich gleichwohl bis in die Internetgemeinde verbreitet.

Dissertation Koch-Mehrin

Je näher Unternehmer und Verbände der Regierung standen, desto lautloser und erfolgreicher konnten sie Einfluss nehmen, desto schwerer ist eben dieser Einfluss aber auch für den Historiker zu dokumentieren. Gespräche in Klubs und Privathäusern schlugen sich selten in Akten nieder, und Bankiers legten schon damals Wert darauf, dass ihre Vorschläge vertraulich behandelt wurden. Wenn Agitationsverbände ihre Meinung schrill in der Öffentlichkeit vorbrachten, so ist das ein Hinweis auf ihre tatsächliche Machtlosigkeit, ihre Ferne zu aktuellen Regierungsentscheidungen. (S. 42/43)

Das Original

Je näher Unternehmer und Verbände der Regierung standen, desto lautloser und erfolgreicher konnten sie Einfluss nehmen, desto schwerer ist er aber auch für den Historiker zu fassen. Gespräche in Klubs und Privathäusern schlagen sich selten in Akten nieder, und Bankiers legen Wert darauf, dass ihre Vorschläge vertraulich behandelt werden. Wenn Agitationsverbände ihre Meinung schrill in der Öffentlichkeit vorbringen, so kann das ein Hinweis auf ihre Machtlosigkeit, die Ferne zu aktuellen Regierungsentscheidungen sein.

(André Armengaud, Wolfram Fischer, et al. (1985), Handbuch der europäischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte [Bd. 5] S. 205)

Quelle: Vroniplag

Quelle: F.A.Z.
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