Präimplantationsdiagnostik

Der PID-Pionier und die Grenzen des Gesetzes

Von Nadja Wolf, Berlin
21.12.2010
, 09:08
Bei der Präimplantationsdiagnostik findet eine Selektierung der befruchteten Eizellen statt
Im Juli sprach der Bundesgerichtshof Matthias Bloechle frei. Der Berliner Arzt hatte bei einem Paar die Präimplantationsdiagnostik angewandt und sich dann selbst angezeigt. Nun hofft er, dass der Bundestag das Verfahren erlaubt.
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Matthias Bloechle ist Anfang Vierzig, Vater von fünf Kindern. Wenn er sich überhaupt einer Religion nahe fühlt, dann dem Buddhismus. Sein Sprechzimmer ist funktional: Tisch, Computer, Behandlungsliege, Untersuchungsgeräte. Jahrelang war der Mediziner bei seiner Arbeit in der Berliner Kinderwunschklinik an Grenzen gestoßen: „Ein Arzt möchte den bestmöglichen Heilerfolg für seine Patienten – ich konnte manchen nicht helfen“, sagt Bloechle.

2005 kam ein Paar zu ihm, das sich ein gesundes Kind wünschte. Es hatte bereits eine schwerbehinderte Tochter, und die Chance, auf natürliche Weise ein gesundes Kind zu bekommen, war aufgrund der Erbanlagen der Partner sehr gering. Bloechle hatte für solche Paare bis dato zwei Vorschläge: eine künstliche Befruchtung mit dem Risiko, ein behindertes Kind zu zeugen, oder der Verweis auf eine Behandlung im Ausland. Diesen Patienten aber bot er ein dritte Option an.

„Ich habe dem Paar gesagt, dass ich für sie die Präimplantationsdiagnostik durchführen würde, dass sie damit die ersten in Deutschland wären, und dass ich mich daraufhin selbst anzeigen würde.“ Das Paar willigte ein. Bloechle hatte sich diesen Vorschlag gut überlegt und dazu einen Behandlungsplan ausgearbeitet, den er für rechtskonform hielt. Diese Einschätzung bestätigte ihm eine befreundete Juristin. Kollegen warnten ihn – sie hielten das Risiko für zu groß.

Der Arzt Bloechle bei seiner Arbeit am Mikroskop
Der Arzt Bloechle bei seiner Arbeit am Mikroskop Bild: Bloechle

Auswählen des Embryos erfolgte durch die Mutter

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Bloechle befruchtete drei Eizellen. Später entnahm er den drei Blastozysten – einem frühen Embryonalstadium – Zellen und untersuchte sie. Die Ergebnisse zeigte er der Patientin. „Die Frau hat dann selbst entschieden, den Embryo nehme ich und diese nicht – das ist mir ganz wichtig“, sagt Bloechle. Die zwei überzähligen Embryonen setzte er nicht ein. Sie starben in der Petrischale. Anderes sei gar nicht möglich gewesen: „Das Embryonenschutzgesetz verbietet es dem Arzt, einen Embryo gegen den Willen einer Frau einzusetzen“, argumentiert Bloechle. Dabei lässt der Arzt zunächst unerwähnt, dass dieser Passus im Embryonenschutzgesetz mit einer anderen Vorschrift im selben Gesetzestext kollidiert, die besagt, dass generell bei einer künstlichen Befruchtung nur so viele Eizellen befruchtet werden dürfen, wie der Frau später auch eingesetzt werden. Die Möglichkeit, dass sich eine Frau weigert, die Eizellen einsetzen zu lassen, nachdem diese schon befruchtet sind, wird im Gesetz nicht beschrieben.

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In der Urteilsbegründung hatte der Bundesgerichtshof entschieden, eine Einpflanzung habe der Arzt nicht mehr vornehmen müssen, weil das ursprüngliche Ziel, die Herbeiführung einer Schwangerschaft, nicht mehr erfolgreich durchzuführen gewesen sei. Warum? „Weil das Kind die Schwangerschaft in solchen Fällen aufgrund einer Krankheit entweder nicht überlebt oder weil es abgetrieben wird“, vermutet der Arzt. Diese Überlegung ist eines der Hauptargumente des Arztes für die PID: „Das ist die Absurdität, die wir haben: Wir lassen den Schwangerschaftsabbruch beim ungeborenen Kind zu – unter nicht sehr harten juristischen Regelungen. Umso mehr muss das dann doch schon zu dem Zeitpunkt möglich sein, wo es noch gar kein ungeborenes Kind gibt. Wo es einen Embryo gibt, der noch nicht mal in die Gebärmutter eingenistet ist – der nur die Potenz hat, sich möglicherweise einzunisten.“

PID fällt nicht unter Abtreibung

Der Mediziner bezieht sich damit auf das Schwangerschaftskonfliktgesetz, wonach Frauen innerhalb der ersten zwölf Wochen ein Kind abtreiben dürfen, wenn sie an einer Beratung teilgenommen haben. Der Paragraph 218 des Strafgesetzbuches besagt, dass ein solcher Abbruch zwar nicht erlaubt ist, aber unter bestimmten Voraussetzungen straffrei bleibt. Das gilt auch noch nach der zwölften Schwangerschaftswoche, wenn zum Beispiel eine Vergewaltigung zur Schwangerschaft geführt hat oder wenn sich aus der Weiterführung eine „schwerwiegende Beeinträchtigung des körperlichen oder seelischen Gesundheitszustandes der Schwangeren“ ergeben würde.

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Die PID ist von dieser Regel ausgenommen, weil das Gesetz erst nach der Nidation, also nachdem sich die befruchtete Eizelle im Uterus eingenistet hat, greift. „Faktisch ist Abtreibung damit zu jeder Zeit möglich – ob das Kind krank oder gesund ist“, meint Bloechle und fügt an: „Wenn eine Frau in der 38. Woche zu mir kommt und sagt, sie stürzt sich aus dem Fenster, wenn sie das Kind behalten muss, dann ist die Voraussetzung für eine Abtreibung rein rechtlich gegeben.“ Bei einer Abtreibung nach der geltenden Fristenregelung wird ein Fötus „zerstückelt“ sagt Bloechle. Bei der PID sterbe ein etwa 150 Mikrometer großer Embryo vor der Einnistung ab: „Den können Sie mit bloßem Auge nicht sehen.“

Der frühe Embroy sei nicht wirklich autonom

Bloechle ist nicht der erste, der auf diesen Umstand hinweist. Aber er ist der erste, der den Widerspruch nicht hinnahm. „Es ist die Frage, mit welcher Intensität man für seine Überzeugungen eintritt“, sagt Bloechle. Die Überzeugung für die er einsteht, sei nichts weniger als die Freiheit, meint er: „Allein der werdenden Mutter steht das Recht zu, die autonome Entscheidung zu treffen, mit welchem Embryo sie schwanger werden möchte.“ PID-Gegner argumentieren hingegen mit dem Recht des Embryos auf Leben. Ihnen hält Bloechle entgegen, dass der frühe Embryo nicht wirklich autonom sei, weil er in seinen Vitalfunktionen abhängig von der Mutter ist.

Der Arzt aus Berlin ordnet seine Überzeugung gerne in größere Zusammenhänge: „Es widerspricht dem Gedanken der freiheitlichen Grundordnung, Frauen kollektiv die Fähigkeit abzusprechen, für sich selbst und ihre eigenen Belange eine freie und moralisch hochwertige Entscheidung zu treffen“, sagt Bloechle. „Es gibt auf diesem Feld keine allgemeine moralische und ethische Verhaltensmaßregel – das muss jede Frau selbst entscheiden. Auch die katholische Kirche hat im Laufe der Zeit ihre Konzeption des Lebens verändert. Die ethischen Maßstäbe sind immer im Fluss“, sagt der Mediziner und fügt an: „Potenziell – aber das glaube ich gar nicht – könnte ich mich gegen eine Mehrheitsmeinung erhoben haben. Ich denke, dass die Mehrheit der Bevölkerung meine Ansicht teilt.“

Das Gerichtsverfahren kostete Bloechle viel Zeit und Geld. Es habe ihn belastet, sich aber gelohnt. Er lobt auch die politische Diskussion über die PID, die aus seiner Sicht bisher sehr sachlich verlaufen ist. Einige „fundamentalistisch-religiöse“ Schreiben habe er zwar bekommen, aber auch Zuspruch und Anerkennung, besonders von jüngeren Kollegen. Etwa zehn weitere Paare haben sich aufgrund des Urteils bei ihm gemeldet.

Quelle: F.A.Z.
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