Prozess gegen Verena Becker

Keine neuen Märchen, keine neuen Wahrheiten

Von Rüdiger Soldt. Stuttgart
03.02.2011
, 18:23
Peter-Jürgen Boock steht im Gerichtssaal hinter der Angeklagten Verena Becker
Der frühere RAF-Terrorist Peter-Jürgen Boock bringt kein Licht in den Fall Verena Becker. Die frühere RAF-Terroristin habe Motorrad fahren können, sagt er vor dem Oberlandesgericht Stuttgart. Über ihre Rolle im Mordfall Buback aber lässt er das Gericht im Unklaren.

Verena Becker und Peter-Jürgen Boock würdigen sich keines Blickes, als sie den Gerichtssaal betreten. Frau Becker trägt wie immer eine Sonnenbrille und schaut auf die Zuschauerbänke. Boock trägt einen olivgrünen Pullover und sitzt gebeugt im Zeugenstand. Seit vier Monaten verhandelt das Oberlandesgericht Stuttgart nun in dem eigens für die früheren RAF-Prozesse gebauten Verhandlungssaal in Stammheim.

Der ehemaligen RAF-Terroristin Verena Becker wirft die Bundesanwaltschaft vor, vom Sommer 1976 an maßgeblich an der Vorbereitung des Anschlags auf den Generalbundesanwalt Siegfried Buback beteiligt gewesen zu sein. Nicht als Schützin auf dem Motorrad der Täter, wie der Sohn des Getöteten, Michael Buback, behauptet, sondern als maßgebliche Mittäterin des Anschlags vom 7. April 1977. Noch immer ist ungeklärt, welches RAF-Mitglied die tödlichen Schüsse auf den Generalbundesanwalt vom Rücksitz eines Motorrads abgegeben hat.

Michael Buback, Nebenkläger in dem Verfahren, behauptet, Becker sei nur deshalb nicht früher angeklagt worden, weil der Staat seine „schützenden Hände“ über sie ausgebreitet habe. Die Bundesanwaltschaft sieht das anders. „Bereits im Sommer/Herbst 1976 trafen die RAF-Mitglieder in dem Ausbildungslager - unter Mitwirkung und Billigung der Angeschuldigten - die grundsätzliche Entscheidung, nach ihrer Rückkehr Mordanschläge gegen führende Repräsentanten der Bundesrepublik Deutschland zu begehen“, heißt es in der Anklage.

„Märchenonkel der RAF“

Welche Belege für die These kann nun der Zeuge Peter-Jürgen Boock nach 34 Jahren beibringen, der „Fürsorgezögling“, der über die „Heimkampagne“ der RAF-Gründergeneration als Terrorist rekrutiert wurde? Boock ist wegen widersprüchlicher Aussagen der „Märchenonkel der RAF“ genannt worden, mit seiner Lebensbeichte hat er als „Aussteiger“ früher viel Aufmerksamkeit und Verständnis von Rechtsanwälten und Journalisten bekommen. Für seine ehemaligen Genossen ist er ein Verräter. Einmal hat er behauptet, dass Stefan Wisniewski auf Buback geschossen habe.

Der Vorsitzende Richter fragt detailliert nach der Vorbereitung der „Bestrafungsaktion“, wie der Mordanschlag im RAF-Jargon genannt wurde, in einem Terroristenausbildungslager im jemenitischen Aden. „Ganz wichtig war der Mordanschlag auf Buback, an zweiter Stelle stand die Befreiung der Stammheimer Gefangenen, an dritter Stelle die Planung einer Geiselnahme, damit man nicht ständig Banküberfälle machen musste“, berichtet Boock. Buback war als höchster Repräsentant des Rechtsstaats der „Todfeind“ Andreas Baaders. Sehr eindringlich fordert ihn der Richter auf, „die Chance vor der deutschen Bevölkerung und der Geschichte zu nutzen, die Wahrheit über die Tat zu sagen“. Der Zeuge Boock schildert das Leben im Terrorcamp und die weiteren Vorbereitungen des Anschlags. „Die Gründer der RAF haben mir geholfen, aus dem Heim wegzukommen, deshalb war die Zeit an mir, diese Leute aus Stammheim zu befreien“, sagt Boock, der insgesamt 18 Jahre Haft für seine Taten als Terrorist verbüßt hat.

„Sie war nicht Wortführerin, sie hielt den Prozess aber für richtig“

Trotz zahlreicher Nachfragen des Richters lässt Boock das Gericht über die Rolle Verena Beckers im Unklaren. „Sie war nicht Wortführerin, sie hielt den Prozess aber für richtig“, sagt er. „Beteiligte“ des Kommandos, das die Tat ausführte, sei sie aber nicht gewesen. „Sie war körperlich sehr fit und hat bei allen Sachen mitgemacht. Frau Becker hat alles unterstützt, was die Stammheimer wollten, und zwar vehement“, sagt Boock. Das Motorrad habe wahrscheinlich Günter Sonnenberg gefahren. Der sei schon im Terrorcamp als Fahrer „schwerer Motorräder“ aufgefallen. Stärker differenziert er die Rollen einzelner RAF-Mitglieder in dem Camp nicht. Er berichtet auch, dass Frau Becker in der Lage gewesen sei, Motorrad zu fahren.

Die aus Karlsruhe stammenden RAF-Mitglieder hätten herausgefunden, wo Buback wohnte, welche Autos er benutzte und wo er sich die Haare schneiden ließ. Über die Hierarchie innerhalb der einzelnen Gruppen schweigt Boock. Für die Angeklagte sind Boocks Aussagen, die man größtenteils auch in der Literatur nachlesen kann, nicht von belastender Natur. Das Ermittlungsverfahren gegen Boock wegen des Baus einer Haftmine, mit der Bubacks Dienstmercedes ursprünglich in die Luft gesprengt werden sollte, ist eingestellt worden. Boock ist als Zeuge noch für zwei weitere Verhandlungstage geladen. „Herr Boock hat schon in den Vernehmungen gesagt, er wisse nicht, was Frau Becker genau geplant habe“, sagt ein Verteidiger von Frau Becker.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot