Prozessauftakt gegen Verena Becker

Was geschah um den 7. April 1977?

Von Rüdiger Soldt, Stuttgart
30.09.2010
, 16:51
Ageklagt. Die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker vor dem Oberlandesgerichte in Stuttgart-Stammheim
Der Mord an Generalbundesanwalt Buback ist nie aufgeklärt worden. Unter dem Decknamen „Paula“ soll die frühere RAF-Terroristin Verena Becker an den Vorbereitungen beteiligt gewesen sein. Die Angeklagte schweigt.
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Kurz vor zehn Uhr betritt Verena Christiane Becker den für die Terroristen-Prozesse gebauten Verhandlungssaal in Stuttgart-Stammheim. Sie trägt auch wegen einer rheumatischen Erkrankung eine Sonnenbrille. Die 58 Jahre alte Frau lebt heute von Hartz-IV, ist zu fünfzig Prozent schwerbehindert; 1989 war sie von Bundespräsident Richard von Weizsäcker begnadigt worden, denn 1977 war sie schon einmal zu lebenslanger Haft verurteilt worden - wegen der Schießerei bei ihrer Festnahme. Anders als vor dreißig Jahren ist die Atmosphäre im Gerichtssaal nun äußerst sachlich. „Ja, mach schon alter Affe“, hatte Andreas Baader einst die Richter angeschrien. Von dieser Aggressivität ist nichts geblieben. Unter den Zuschauern ist nur ein schwarz gekleidetes, ergrautes Paar, das man früher wohl der Sympathisantenszene zugerechnet hätte.

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Die Geschichte der RAF ist mittlerweile eine Angelegenheit für Zeithistoriker. Oder Filmemacher. Sie scheint ein abgeschlossenes Kapitel zu sein - und ist es doch nicht: Denn der Mord an dem damaligen Generalbundesanwalt Siegfried Buback am 7. April in Karlsruhe konnte nie vollständig aufgeklärt werden. Es ist vor allem immer noch unklar, wer der Schütze auf dem Motorrad vom Typ Suzuki GS750 war, der damals auf den Generalbundesanwalt und seine Begleiter schoss. Verurteilt wurden hierfür die RAF-Terroristen Knut Folkerts sowie Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar als Mittäter. Auch gegen Verena Becker war wegen des Mordes ermittelt worden, doch das Verfahren stellte die Bundesanwaltschaft 1980 ein.

Wer saß auf der Suzuki GS750?

Als die Fotografen den Verhandlungssaal verlassen, setzt Frau Becker ihre Brille ab. Sie lässt ihre Anwälte erklären, dass sie derzeit weder zur „Person noch zur Sache“ Aussagen machen möchte. Der Bundesanwalt trägt die Anklageschrift vor: Frau Becker habe unter dem Decknamen „Paula“ an mehreren Vorbereitungstreffen für den Anschlag teilgenommen, es gebe DNA-Spuren von ihr an den Umschlägen, mit denen Bekennerschreiben versandt worden seien. „Die Angeschuldigte hat sich in mehreren schriftlichen und digitalen Aufzeichnungen intensiv mit ihrer wesentlichen Rolle bei der Entscheidung, Planung und Vorbereitung des Mordanschlags sowie ihrem Täterwissen auseinandergesetzt“, sagt der Staatsanwalt. Die Staatsanwaltschaft ist bei ihren Ermittlungen im Jahr 2009 auf Aufzeichnungen der Angeklagten gestoßen, in denen sie sich mit altchinesischer Philosophie und Kosmologie sowie den Geschehnissen vom 7. April 1977 auseinandergesetzt hat: „Kann ich jetzt mit euch zusammen daran arbeiten Licht in die Schatten der Vergangenheit zu bringen?“, heißt es in einer Aufzeichnung vom 22. März 2009. Spirituell habe sie mit dem Sohn des Generalbundesanwalts, Michael Buback, einen Konflikt.

Bild: dpa

Die Bundesanwaltschaft sieht zudem in einer handschriftlichen Aufzeichnung vom 7. April 2008, also dem 31. Jahrestag des Attentats, ein Eingeständnis der Tat: „Nein, ich weiß noch nicht wie ich für Herrn Buback beten soll, ich habe kein wirkliches Gefühl für Schuld und Reue. Natürlich würde ich es heute nicht mehr machen - aber ist das nicht armselig so zu denken und zu fühlen? Das ist nicht Heilung, das scheint noch ein weiter Weg zu sein.“ Die Bundesanwaltschaft hält Verena Becker für eine Mittäterin, die ideologisch mit daraufhin gearbeitet habe, Buback zu ermorden, und die vermutlich am Tag vor der Tat am Tatort war. „Es spricht aber objektiv viel dagegen, in ihr die Schützin zu sehen, die auf dem Motorrad saß“, sagte der Vertreter der Bundesanwaltschaft. Die Zeugen, die sie am Tattag beobachtet haben wollen, hätten entweder vor dreißig Jahren ausgesagt oder nach dreißig Jahren erstmals ausgesagt. Es sei nicht sicher, ob das Motorrad, das von diesen Zeugen beschrieben werde, wirklich die Suzuki GS750 war.

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„Für die eigene Vergangenheit Verantwortung“ übernehmen

Michael Buback, der Sohn des Ermordeten, und seine Frau Elisabeth treten als Nebenkläger in dem Strafprozess auf. Sie halten es für sehr wahrscheinlich, dass Verena Becker auch die Schützin war. Kurz nach der Tat habe man entschieden, nicht nach Verena Becker, sondern nach Knut Folkerts zu fahnden, sagte Buback nach dem ersten Verhandlungstag. Es gebe zwanzig Augenzeugen, die für den Strafprozess gegen Folkerts, Mohnhaupt und Klar lediglich verhört worden seien, die auf dem Motorrad eine Frau gesehen hätten. Fehler der Justiz habe er dreißig Jahre nicht für möglich gehalten, es habe aber einige in der Justiz gegeben, die unkorrekt gehandelt hätten.

Der Vertreter der Bundesanwaltschaft widersprach Behauptungen, Frau Becker sei vom Staat geschützt worden: „Die Behauptung ist abwegig, ich habe auch keine Hinweise, dass sich die Geheimdienste an der Vorbereitung des Anschlag beteiligt haben.“ Der Vorsitzende Richter sagte, in diesem Verfahren gehe es darum, „für die eigene Vergangenheit Verantwortung“ zu übernehmen.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Soldt, Rüdiger
Rüdiger Soldt
Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.
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