Prügelattacken von Amberg

„Ich unterscheide immer zwischen Idiot und Nicht-Idiot“

02.01.2019
, 21:31
Vier betrunkene junge Asylbewerber schlagen am Samstagabend in Amberg wahllos auf Passanten ein – und lösen eine politische Debatte über Gewalt von Flüchtlingen aus. In der Oberpfalz gehen die Meinungen dazu weit auseinander.

Am ersten Werktag im neuen Jahr kommt die Stadt in der bayerischen Oberpfalz wieder in Bewegung. Draußen ist es kalt und grau, die Sonne versucht sich durchzusetzen. Die Wartehalle des Kleinstadtbahnhofs ist gut besucht, Menschen gehen zur Arbeit, treffen sich in Cafés in der hübschen Altstadt. Ein paar Touristen machen Fotos am Marktplatz. Alles scheint wie immer – doch der Tag wird überschattet von den Vorfällen vom Wochenende: Vier betrunkene Jugendliche hatten am Samstagabend am Amberger Bahnhof und in der Altstadt willkürlich Passanten attackiert. Neue Erkenntnisse dazu gibt es bislang nicht.

Die Beschuldigten sind nach Angaben der Polizei Asylsuchende aus Afghanistan und dem Iran. Zwölf Menschen im Alter von 16 bis 42 Jahren wurden verletzt, die meisten leicht. Ein 17-Jähriger musste wegen einer Kopfverletzung stationär ins Krankenhaus. Ganz Deutschland redet über die Vorfälle, Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) erneuert seine Forderung nach schärferen Abschieberegeln. Journalisten tummeln sich am Mittwoch in der beschaulichen Kleinstadt.

Die Vorfälle vom Wochenende sind ein Schock für viele Einheimische. „Wir sind klein und verschlafen, dachte ich bisher immer“, sagt eine 33 Jahre alte Ambergerin. Eine solche Prügelattacke habe sie hier nicht für möglich gehalten. Normalerweise passiere so etwas „weit weg“, sagt eine andere Einwohnerin, „jetzt direkt hier am Bahnhof, das ist schon verrückt“.

Amberger sind sich uneins

„So was bleibt nicht ohne Wirkung“, meint Oberbürgermeister Michael Cerny (CSU), das sei aber auch „vollkommen normal“. Er merke, „dass der eine oder andere Amberger sich fragt: „Fühle ich mich da jetzt noch sicher?“. Dazu gehen die Meinungen der Amberger an diesem Tag auseinander. Während manche stark verunsichert sind, zeigen sich andere wütend und ärgern sich darüber, dass die Taten unter anderem von rechten Gruppierungen ausgenutzt würden.

„Ich gehe um fünf Uhr morgens in die Arbeit, und da wird es dir schon anders“, erzählt eine Frau, sie denke jetzt über einen kleinen Waffenschein für ein Pfefferspray nach. Zwar gebe es „solche Idioten überall“, sagt sie, es sei aber „schon auffällig“, dass es Ausländer waren. Auch Tanja Brück aus Amberg sagt, „es passt ins Bild“. Jetzt sei ihr wieder bewusster, dass schnell etwas passieren könne.

Die Täter hätten ebenso Deutsche seien können, sagt hingegen Benedikt Kraus aus Amberg – so eine Tat scheine etwa Horst Seehofer „gut in den Kram“ zu passen. Es wird viel diskutiert im Freundes- und Bekanntenkreis, berichtet Ruth Lobensteiner. Sie habe sich über die willkürlichen Taten erschrocken, aber keine Angst in die Stadt zu gehen. Sie ist überzeugt davon, dass es keinerlei Zusammenhang mit der Nationalität der Beschuldigten gibt. „Mit Sicherheit hätten das genauso gut Deutsche sein können, gerade wenn Alkohol im Spiel ist.“

Immer wieder ist Alkohol im Spiel

Alkohol sei oft das Problem, sagt auch Paul Hartl, Gastronom im Amberger Bahnhof. Seit den 1990er Jahren erlebt er an Bahnhöfen immer wieder Gewalt von Menschen jeglicher Herkunft. „Ich unterscheide immer zwischen Idiot und Nicht-Idiot.“ Er merkt am Mittwoch bei seinen Kunden keine große Verunsicherung und kann sich nicht vorstellen, dass die Geschehnisse die Stadt nachhaltig verändern.

Auch Oberbürgermeister Cerny glaubt und hofft das nicht. „So einen Vorfall wie jetzt, den haben wir uns eigentlich nicht vorstellen können und auch nicht wollen“, sagt er zur Sicherheitslage in seiner Stadt. „Wir haben die letzten Jahre eigentlich rückgehende Zahlen gehabt im Bereich der Gewaltdelikte, wir haben eine höhere Aufklärungsquote der Polizei gehabt, insofern insgesamt eigentlich eine sehr gute Sicherheitslage.“ Ihm ist es wichtig, nicht jeden Asylbewerber unter Generalverdacht zu stellen. Ähnlich hatte sich auch die CDU-Bundesvize Julia Klöckner geäußert. Sie rief zu Besonnenheit auf und warnte vor pauschalen Verurteilungen. „Das eine sind Aggressionen gegen Ausländer, das andere sind Aggressionen von Asylbewerbern“, sagte die rheinland-pfälzische CDU-Landeschefin dem Radioprogramm SWR Aktuell mit Bezug auf die Taten eines Mannes in Bottrop und Essen, der sein Auto aus rassistischen Motiven in eine Menschengruppe steuerte und mehrere Menschen verletzte, und Amberg. „Man muss, glaube ich, Acht geben, dass man selbst nicht in eine Pauschal-Verurteilung kommt, sondern immer wieder differenziert vorgeht.“ Jeder müsse zur Rechenschaft gezogen werden – gleich, woher er komme und warum er das tue.

Die Bundesregierung hatte beide Vorkommnisse „mit Bestürzung zur Kenntnis genommen“. Die stellvertretende Regierungssprecherin Martina Fietz sagte, es gebe in Deutschland keinen Platz für Extremismus und Intoleranz, egal von welcher Seite ein solches Verhalten komme. Noch aber sind die Hintergründe der beiden Taten nicht vollständig aufgeklärt. Wie „Der Spiegel“ berichtet, soll der Bottroper Täter in seiner Vernehmung gesagt haben, die vielen Ausländer seien ein Problem für Deutschland, das er lösen wolle. Ersten Erkenntnissen der Ermittler zufolge solle er unter einer schizophrenen Erkrankung leiden. Den Hass auf Ausländer habe er aus persönlicher Betroffenheit entwickelt. Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums sagte, es handle sich um die kriminelle Tat eines Einzelnen.

Der Ruf nach politischen Konsequenzen

Wegen der Prügelattacken in Armberg dagegen werden Stimmen nach politischer Konsequenzen lauter. Seehofer will Gesetzesänderungen unter anderem zur Verbesserung der Abschiebung von straffälligen Asylbewerbern in den nächsten Wochen vorlegen. Der FDP-Innenpolitikerin Linda Teuteberg geht das allerdings nicht weit genug. Sie sagte, entsprechende Möglichkeiten seien im Aufenthaltsgesetz ohnehin schon vorhanden. Es fehle an Abschiebehaftplätzen, Personal und Koordination zwischen den Behörden. „Anstatt laut nach dem Gesetzgeber zu rufen, sollten Innenminister Seehofer und sein bayrischer Amtskollege ihre Arbeit machen und dafür sorgen, dass die Täter von Amberg nach ihrer Verurteilung unverzüglich abgeschoben werden.“ Die innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion kritisierte Seehofer hingegen dafür, dass er mit seinen Äußerungen den Eindruck erwecke, dass mit straffälligen Geflüchteten „besonders lasch umgegangen werde“. Das sei Wasser auf die Mühlen rechter Hetzer und Rassisten.

In Amberg selbst, so scheint es, wollen sie weder das eine noch das andere sein, sondern vielmehr zusammenrücken. Das am Abend Meldungen über rechte Bürgerwehren auftauchen, die sich in der Stadt formiert haben, schockiert Bürgermeister Cerny. „Ich kann die Verunsicherung, wie ich sie in manchen Reaktionen von Ambergern sehe, durchaus verstehen, aber dieser Hass und die Gewaltandrohungen, die nun aus der ganzen Republik kommen, gehen mir zu weit“, sagte der CSU-Politiker. Die NPD Nürnberg hatte auf ihrer Facebook-Seite Fotos veröffentlicht, die vier Menschen in Schutzwesten dabei zeigen, wie sie durch die Kleinstadt ziehen.

Quelle: frez./dpa
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