RAF-Terrorist Christian Klar

Neun Morde, elf Mordversuche

Von Majid Sattar
24.04.2007
, 21:46
Siegfried Buback war eines von vielen Opfern: Die Liste der Verbrechen des früheren Terroristen erzählt die Geschichte der zweiten RAF-Generation.
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Als Peter-Jürgen Boock sich in diesen Tagen an Michael Buback wandte und ihm nach 30 Jahren des Schweigens seine Kenntnisse über die Ermordung Siegfried Bubacks mitteilte, erschien es dem Sohn des früheren Generalbundesanwalts „wie ein Wunder, dass die Not der Angehörigen aufgrund der unklaren Tatumstände“ endlich auch von Boock, dem früheren Komplizen Christian Klars, erkannt worden sei.

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Der Mord vom Gründonnerstag 1977, mit dem die „Offensive 77“ der „Rote Armee Fraktion“ gegen die Bundesrepublik eröffnet wurde, war nur einer von mehreren des Terroristen Christian Klar. Wenn nun ungesicherte Erkenntnisse vorgebracht werden, Klar, dessen Gnadenersuchen Bundespräsident Köhler zurzeit prüft, habe seinerzeit nur das Fluchtauto gefahren, nicht aber die tödlichen Schüsse auf Siegfried Buback abgegeben, mindert dies die Schwere seiner Verbrechen nur geringfügig.

Christian Klar wurde am 2. April 1985 gemeinsam mit Brigitte Mohnhaupt vom 5. Strafsenat des Oberlandesgerichts Stuttgart wegen neunfachen Mordes und elffachen Mordversuches zu je fünfmal lebenslanger Freiheitsstrafe plus 15 Jahren Haft verurteilt - es war die höchste Strafe, die jemals in einem RAF-Prozess ausgesprochen wurde. 1992 kam es zu einem abermaligen Prozess gegen Klar, weil aus Sicht der Staatsanwaltschaft aufgrund von Aussagen anderer RAF-Terroristen diesem die Beteiligung an weiteren Anschlägen nachgewiesen werden konnte. Klar verbüßt immer noch eine lebenslange Gesamtfreiheitsstrafe. Die Liste seiner Verbrechen erzählt die Geschichte der zweiten Generation der RAF:

Bild: dpa

DAS ATTENTAT AUF BUBACK

Der heute 54 Jahre alte, gebürtige Freiburger wurde „wegen mittäterschaftlicher Ermordung“ Bubacks, dessen Fahrer Wolfgang Göbel und des Begleitbeamten Georg Wurster“ verurteilt. In der Urteilsbegründung hieß es: „Vom Angeklagten Klar steht fest, dass er entweder Lenker oder Soziusfahrer des Motorrads war oder mit dem Alfa Romeo wartete.“ Tatbeteiligte waren neben Klar unter anderen Knut Folkerts, Brigitte Mohnhaupt und Günter Sonnenberg. Am Tatort sollen nach Auffassung der Richter Klar, Sonnenberg und Folkerts gewesen sein. Nach Aussage Boocks und angeblich anderer früherer RAF-Mitglieder waren es indes Klar, Sonnenberg und Stefan Wisniewski.

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DER MORD AN PONTO

Klar wurde zudem wegen „mittäterschaftlicher Beteiligung an Beschlussfassung, Planung und Vorbereitung der versuchten erpresserischen Geiselnahme und Ermordung“ des Vorstandsvorsitzenden der Dresdner Bank Jürgen Ponto am 30. Juli 1977 bestraft. In dem Urteil wurde festgehalten, dass Klar zwar nicht zu den die Tat unmittelbar Ausführenden gehörte, die Tötung Pontos aber für den Fall mit ihm abgesprochen war, dass dieser sich widersetze. Nach Auffassung der Richter waren neben Klar Susanne Albrecht, Brigitte Mohnhaupt, Sieglinde Hofmann und Boock an der Tat beteiligt.

DIE SCHLEYER-ENTFÜHRUNG

Das Urteil gegen Klar umfasst auch die „mittäterschaftliche Beteiligung an Beschlussfassung, Planung und Vorbereitung“ der Entführung und Ermordung im Fall des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer am 5. September 1977. Bei der Entführung in Köln wurden Schleyers Fahrer Heinz Marcisz und die Begleitbeamten Reinhold Brändle, Helmut Ulmer und Roland Pieler erschossen. Die Richter fügten ihrem Urteil zwar an, Klar habe nicht zu den unmittelbar Ausführenden der Entführung und der Ermordung gehört, habe aber gewusst und gebilligt, dass Fahrer und Personenschützer getötet werden sollten, um Schleyer als Geisel zu nehmen.

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Ein gesondertes Urteil erging für die Ermordung Schleyers 43 Tage nach seiner Geiselnahme am 18./19. Oktober 1977. Das Gericht stellte damals fest, Klar habe Schleyer nicht eigenhändig erschossen, aber dessen Tod gebilligt, nachdem die Bundesregierung den Forderungen der RAF nicht nachgekommen war, in Stuttgart-Stammheim einsitzende Mitglieder der ersten RAF-Generation freizulassen. So habe Klar wenige Tage vor dem Mord an Schleyer den Wagen gekauft, in dessen Kofferraum die Leiche im elsässischen Mülhausen gefunden wurde. Das Gericht ging unter anderem von folgenden Tatbeteiligten aus: Klar, Boock, Wisniewski, Rolf Klemens Wagner, Willy-Peter Stoll, Brigitte Mohnhaupt, Sieglinde Hofmann, Silke Maier-Witt, Sigrid Sternebeck, Monika Helbing und Adelheid Schulz.

Bei den drei Anschlägen, die die herausragenden Ereignisse des Terrorjahres 1977 darstellen, war Klar also an neun Morden beteiligt. Darüberhinaus wurde er wegen mehrfachen versuchten Mordes und Raubes mit Todesfolge und anderen Straftaten verurteilt.

DIE SCHÜSSE VON RIEHEN

Am 5. Januar schoss Klar bei der Ausweiskontrolle in Riehen in der Schweiz überraschend und heimtückisch aus einer Distanz von höchstens 1,5 Metern mehrfach auf einen schweizerischen Grenzbeamten - auch noch als dieser am Boden lag. Klar ließ erst von ihm ab, als er glaubte, ihn getötet zu haben. Der Grenzbeamte überlebte. Klar schoss zudem auf einen Autofahrer, mit dessen Wagen er fliehen wollte, verfehlte aber.

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RAKETENANSCHLAG

Klar beteiligte sich unter anderem mit Boock und Brigitte Mohnhaupt an dem versuchten Raketenwerferanschlag auf das Gebäude der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe am 25. August 1977. Boock hatte in einer gegenüberliegenden Wohnung ein betagtes Ehepaar an Stühle gefesselt und einen selbstgebastelten Granatwerfer aufgebaut. Dieser zündete aber nicht, weil Boock den Wecker aufzuziehen vergaß. Klar selbst war nicht in der Wohnung, aber an der Vorbereitung der Tat beteiligt, urteilten die Richter.

BANKÜBERFALL IN ZÜRICH

Am 19. November 1979 überfielen Klar, Boock, Wagner und Hennig Beer die Schweizerische Volksbank in Zürich und erbeuteten 548 000 Franken. Auf der Flucht durch die Innenstadt schossen Klar und die anderen nach Auffassung des Gerichts „mit Tötungsabsicht“ auf ihre Verfolger, so auch den Polizisten Bernhard Pfister, der schwer verletzt wurde. Bei dem Schusswechsel wurde eine unbeteiligte Passantin „möglicherweise von einem streuenden Schuss des Polizisten, aber für Klar voraussehbar“ tödlich getroffen. Bei der fortgesetzten Verfolgung, bei der Wagner festgenommen wurde, zerrte Klar, um an ein Fluchtauto zu kommen, eine Blumenverkäuferin aus ihrem Wagen, stieß sie zu Boden und schoss ihr „aus weniger als zwei Meter Entfernung vom Fahrersitz aus mit zumindest bedingtem Tötungsvorsatz durch die Brust“. Sie überlebte schwer verletzt. Aus dem Wagen schoss Boock „mit Billigung Klars“ auf den Polizisten Werner Bodenmann, der verletzt überlebte.

ANSCHLAG AUF KROESEN

Klar war am 15. September 1981 am Mordanschlag auf den Oberkommandierenden der amerikanischen Streitkräfte in Europa, Frederik Kroesen, dessen Fahrer und seinen Begleitadjutanten und sowie die Ehefrau Kroesens in Heidelberg beteiligt. Die Täter - neben Klar Brigitte Mohnhaupt, Ingrid Jakobsmeier und Helga Roos - beschossen das Fahrzeug mit einer sowjetischen Panzerfaust. Das Ehepaar Kroesen wurde leicht verletzt. Ob Klar die Panzerfaust bediente, konnte nicht ermittelt werden.

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Im Februar lehnte der 2. Strafsenat des Stuttgarter Oberlandesgerichts es ab, die Vollstreckung des Restes der lebenslangen Gesamtfreiheitsstrafe auszusetzen. Die besondere Schwere der Schuld Klars gebiete eine Strafverbüßung von mindestens 26 Jahren. Dem Umstand, dass Klar bei den Anschlägen auf Buback, Ponto und Schleyer nicht eigenhändig getötet habe, komme angesichts der Intensität seiner Beteiligung an diesen Morden ein wesentlich schuldminderndes Gewicht nicht zu.

Boocks Einlassungen über Klars Rolle beim Attentat auf Siegfried Buback werden zurzeit von der Bundesanwaltschaft geprüft. Klar selbst schweigt weiter.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Sattar, Majid (sat.)
Majid Sattar
Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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