Beate Zschäpe

Die Frau und der Terror

Von Albert Schäffer, München
07.11.2012
, 10:23
Der NSU: Die rechtsextremistischen Terroristen Uwe Mundlos, Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt (von links) im Jahr 2004
Es gab eine Zeit, in der Beate Zschäpe nicht existierte. Nun wird sie als einzige Überlebende des NSU angeklagt - Sie ist das Gesicht des Terrors. Doch wer ist diese Frau, die sich bald vor Gericht verantworten muss?
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Bis zum 8. November 2011, als sie sich der Polizei in Jena stellte, ist Beate Zschäpe eine Person gewesen, die es in der Öffentlichkeit nicht gab. In den Jahren, in denen sie mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt abgetaucht war, gab es in der Öffentlichkeit nur Lisa Dienelt, Susann Dienelt und die anderen Tarnidentitäten, unter denen sie auftrat.

Schärfer könnte der Kontrast nicht sein zu der Zeit nach dem 8. November: Seither wird jeder Facette ihrer Biographie nachgespürt, wird versucht, jeden Winkel ihres Lebens auszuleuchten. Sie ist eine öffentliche Person geworden - das Gesicht der Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) nach dem Tod von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, den Neonazis, die aus Hass mutmaßlich zehn Menschen ermordeten.

Bild: F.A.Z.

Die deutlichsten Konturen haben die Kinder- und Jugendjahre von Beate Zschäpe in Jena. Christian Fuchs und John Goetz, die Autoren des Buches „Die Zelle“, kommen ihr in dieser Zeit recht nahe; die Quellenlage ist mit Berichten von Freunden und Weggefährten, mit Aktenauszügen und Bilddokumenten relativ gut. Die Bedingungen, unter denen ihr Leben begann, sind beklemmend: Ihre Mutter, eine 22 Jahre alte Studentin der Zahnmedizin, wurde am 2. Januar 1975 mit Verdacht auf eine Nierenkolik in Jena ins Krankenhaus eingeliefert.

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Eine familiäre Odyssee

Schnell stellte sich heraus, dass Annerose A. in den Wehen lag; das Kind Beate wurde an diesem Tag geboren. Bald ging Annerose A. wieder nach Rumänien, nach Bukarest, wo sie studierte. Ob ein rumänischer Kommilitone Beate Zschäpes Vater war, wurde nie richtig geklärt; dass später ihre Triebfeder der Hass auf Ausländer wurde, ist eine der vielen bestürzenden Facetten ihrer Biographie.

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Der Säugling wurde von der Großmutter in Jena betreut, kam im Alter von zwölf Wochen in die Kinderkrippe. Noch im gleichen Jahr heiratete Annerose A. einen Jugendfreund aus der Nachbarschaft, der schon vor der Hochzeit das Kleinkind zu sich holte und zusammen mit seiner Mutter betreute.

Im Sommer 1976 beendete Annerose A. das Studium in Bukarest und kam nach Jena zurück. Die Ehe zerbrach. Für das Kleinkind setzte sich die familiäre Odyssee fort. Die Mutter heiratete wieder, das Kind erhielt den Namen des neuen Mannes; auch diese Ehe scheiterte. Es war eine Kindheit ohne emotionale Sicherheit, bis auf die Bindung zur Großmutter.

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Autoritäten und Werte implodierten

Sie sei ein „Omakind“ gewesen, soll Beate Zschäpe, nachdem sie sich der Polizei gestellt hatte, gesagt haben. In der Untersuchungshaft wurde sie von der Kölner JVA, in der sie untergebracht ist, für kurze Zeit in eine Haftanstalt in der Nähe der greisen Großmutter verlegt, damit sich die beiden Frauen noch einmal sehen konnten.

Beate Zschäpe war ein Teenager, als die DDR unterging und die bis dahin geltenden Autoritäten und Werte implodierten. Die Mutter, die trotz ihrer Ausbildung als Zahnärztin als Buchhalterin beim VEB Carl Zeiss Jena beschäftigt war, verlor ihre Arbeit.

In ihrem Buch schildern Goetz und Fuchs, dass sich Beate Zschäpe im letzten Jahr der DDR zunächst einer Gruppe anschloss, die sich „Die Zecken“ nannte und sich politisch links verstand - links mehr als Ausdruck jugendlichen Aufbegehrens denn als ideologische Orientierung. Später lernte sie Uwe Mundlos kennen - und ihr Weg in die Wahnwelt des Rechtsextremismus, des Hasses und des Mordens begann.

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Ein „völlig normales Mädchen“

Über die Zeit von Beate Zschäpe und Uwe Mundlos, zu denen später Uwe Böhnhardt stieß, in einem Jugendclub im Jenaer Stadtteil Winzerla, in dem in der DDR-Zeit Wohnblöcke für die Beschäftigten des VEB Carl Zeiss errichtet worden waren, gibt es unterschiedliche Einschätzungen.

In dem Jugendclub wurde versucht, Jugendliche, die wie in vielen Orten im Osten der Republik zu dieser Zeit mit neonazistischen Sprüchen und martialischem Auftreten provozieren wollten, einzubinden, sie mit anderen, nicht extremistisch beeinflussten Jugendlichen zusammenzubringen. In der Rückschau ist es angesichts des mörderischen Treibens der NSU leicht, von einem Irrweg einer solchen „akzeptierenden Jugendarbeit“ zu sprechen.

Einfache Erklärungen werden freilich fragwürdig, wenn diese Jahre in der Biographie von Beate Zschäpe genauer in den Blick genommen werden. Beate Zschäpe wird in einem Film von Andreas Kuno Richter über die Jenaer Jahre des Trios von dem Sozialarbeiter Thomas Grund, der in dem Jugendclub arbeitete, kurz charakterisiert; er habe sie zunächst als ein „völlig normales Mädchen“ erlebt, ohne Nähe zu rechtsextremen Gedanken.

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Hausverbot im Jugendclub

War es nur der Kontakt mit dem älteren Uwe Mundlos, den sie Anfang der neunziger Jahre kennenlernte und der schon vor ihr in einen paranoiden Kosmos der Feindbilder und des Hasses gegen Ausländer abgeglitten war, der Beate Zschäpe zu einer Rechtsextremistin werden ließ?

Uwe Mundlos, geboren am 11. August 1973, trat im Jugendclub mit Bomberjacke, schwarzrotgoldenen Hosenträgern und Springerstiefeln auf, klopfte neonazistische Sprüche, stapfte in uniformähnlicher Aufmachung durch die Straßen. Irgendwann war nicht nur Beate Zschäpe an seiner Seite, sondern auch Uwe Böhnhardt, geboren am 1. September 1977. Es begann eine Radikalisierung, die 1993 zu einem Hausverbot im Jugendclub führte.

Das Trio wurde mehr und mehr ein Teil der neonazistischen Szene in Thüringen, schloss sich unterschiedlichen Gruppen an, die unter wechselnden Namen auftraten; welche Rolle V-Leute dabei spielten, vor allem im „Thüringer Heimatschutz“, ist eine der vielen peinigenden Fragen im Fall von Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt.

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Verrohung kaum zu erklären

Zugleich entwickelte sich innerhalb des Trios eine seltsame Beziehungsdynamik. Beate Zschäpe war zuerst mit Uwe Mundlos liiert und sogar verlobt, wandte sich dann aber Uwe Böhnhardt zu; doch Uwe Mundlos brach nicht mit den beiden. Das Beziehungsdreieck blieb bestehen, bis zum Tod der beiden Männer; Beate Zschäpe soll, nachdem sie sich gestellt hatte, sie als ihre „Familie“ bezeichnet haben.

Uwe Mundlos, Sohn eines Professors, und Uwe Böhnhardt, Sohn einer Lehrerin, waren in ihren ersten Lebensjahren begünstigter vom Schicksal gewesen als Beate Zschäpe. Bei allen dreien ist die Verrohung und Gewalttätigkeit als Jugendliche und junge Erwachsene biographisch kaum zu erklären.

Als Beate Zschäpe zusammen mit Uwe Böhnhardt am 10. September 1995 das Denkmal der Opfer des Faschismus in Rudolstadt mit Eiern bewarfen, wurden danach bei einer Hausdurchsuchung bei ihr „ein Morgenstern mit einer Stahlkette“ und „ein Dolch mit beidseitig geschliffener Klinge“ gefunden. Im gleichen Jahr soll sie einer Schülerin, die sie der linken Szene zuordnete, das Fußgelenk gebrochen haben.

Erschreckende Brutalisierung

Die Belege für eine erschreckende Brutalisierung der jungen Frau, die in einem Untersuchungsbericht zusammengefasst sind, sind erdrückend: Am 9. November 1996 wurde ein Auto durchsucht, in dem Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt saßen; im Wagen war ein umfangreiches Waffenarsenal, von Schlagstock über Faustkampfmesser bis zur Schreckschusspistole.

Eine weitere Eskalationsstufe wurde erreicht, als in Jena Bombenattrappen und Briefbombenimitate gefunden wurden; unter den Verdächtigen, gegen die ermittelt wurde, war auch Beate Zschäpe. Ein Ermittler, der sie damals verhörte, schilderte sie als „verschlagen“ und „bauernschlau“; sie sei gegenüber den Polizeibeamten selbstbewusst und herablassend aufgetreten.

Schließlich kam der 26. Januar 1998, als in einer Garage in Jena, die Beate Zschäpe gemietet hatte, Rohrbomben und eine Zündvorrichtung gefunden wurden. Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe gelang es unterzutauchen; ihr Leben in der Illegalität mündete in dem Wüten der Terrorzelle NSU, in den rassistisch motivierten Morden, in Sprengstoffanschlägen und in brutalen Banküberfällen.

Fassade der Biederkeit

Beate Zschäpe ließ 1998 bescheidene Ansätze, in der Gesellschaft Fuß zu fassen, hinter sich; nach der Schule hatte sie eine Gärtnerlehre mit der Fachrichtung Gemüsebau absolviert; außer der Lehre und Beschäftigungen in ABM-Projekten als Malergehilfin war sie nie dauerhaft beschäftigt gewesen.

Wie ihre Beteiligung an den Taten des NSU beschaffen gewesen ist, wie sie rechtlich zu bewerten sein wird, ob das Trio als terroristische Vereinigung anzusehen ist, wird im Mittelpunkt des Prozesses gegen sie und die Mitbeschuldigten stehen, welche die Terrorzelle unterstützt haben sollen.

War sie an der Planung der Taten, am Ausspähen der Opfer, den logistischen Vorbereitungen beteiligt? War sie gar die bestimmende Kraft? Auffällig ist jedenfalls, wie sie in den neunziger Jahren, in der Zeit vor der Flucht, darauf bedacht war, eine aktive Rolle neben Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zu spielen und nicht nur als „dumme Nazibraut“ an der Seite der Männer wahrgenommen zu werden.

Wie Beate Zschäpe in den fast vierzehn Jahren, in denen sie sich mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt verborgen hielt, gewesen ist, wird nicht einfach zu ergründen sein, selbst wenn sie ihr Schweigen aufgibt. Die Angaben von Zeugen aus der Nachbarschaft der Wohnungen, die das Trio unter falschen Namen gemietet hatte, stehen unter einem großen Vorbehalt.

Die freundliche, zugängliche Frau, die schon einmal einen Wein oder eine Pizza ausgab, die einen griechischen Gastwirt mit kleinen Aufmerksamkeiten bedachte, die Tierfreundin, die sich um ihre zwei Katzen sorgte, kann auch nur eine Fassade der Biederkeit gewesen sein, die gebraucht wurde, um ungestört die monströsen Taten zu planen und auszuführen. Inwieweit in Lisa Dienelt und in anderen Tarnidentitäten auch Beate Zschäpe zu finden war, wird nicht einfach zu beantworten sein.

Quelle: F.A.Z.
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