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Zwickauer Terrorzelle

Schießen lernen in Südafrika?

Von Markus Wehner, Erfurt/Weimar
 - 18:00
Pistole Ceska, Modell 83, Kaliber 7,65 Millimeter „Browning“ des tschechischen Herstellers Ceska Zbrojovka

Als Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe sich Anfang 1998 ihrer Verhaftung entzogen hatten, suchten sie nach einem Versteck. Sie planten, so soll das Trio aus Jena es Vertrauten gesagt haben, nach Belgien zu gehen. Kontakte ins Ausland hatten Thüringer Rechtsextremisten durch das Neonazi-Netz „Blood&Honour“, Blut und Ehre. Die Bewegung aus Großbritannien, deren deutsche Sektion im Jahr 2000 verboten wurde, verbindet Konzerte rechtsextremistischer Bands mit nationalsozialistischer Propaganda. Mundlos und Böhnhardt sollen Mitte der neunziger Jahre solche Konzerte in Thüringen organisiert haben. Der bewaffnete Arm des Netzes namens „Combat 18“ warb nach jüngsten Berichten dafür, Anschläge auf Migranten auszuführen, sich in Zellen von zwei bis vier Mitgliedern zusammenzuschließen und keine Bekennerbriefe zu hinterlassen - ein Tatschema, an das sich auch die Mitglieder der Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) hielten.

Ob sie nach Belgien reisten, ist unklar. Doch gibt es Hinweise darauf, dass sie während 13 Jahren in der Illegalität nicht nur im benachbarten Sachsen wohnten, sondern sich auch im Ausland aufhielten. Die nötigen Personaldokumente besorgten sie sich. Mundlos gelang es, sich mit falschem Namen, aber echtem Foto einen Personalausweis ausstellen zu lassen. In der Folge soll er sich in einer sächsischen Meldebehörde einen Reisepass verschafft haben.

Bulgarien könnte Zwischenstation gewesen sein

Kontakte in osteuropäische Länder, etwa in die Tschechische Republik, nach Ungarn oder Bulgarien, spielten für deutsche Neonazis damals eine große Rolle. Hier war der Verfolgungsdruck gering, weil entsprechende Gesetze fehlten oder die Polizei Rechtsextremisten wenig beachtete. Allerdings hatte nicht nur das Landeskriminalamt in Erfurt, sondern auch das Bundeskriminalamt Zielfahnder auf das Trio angesetzt. Böhnhardt und Mundlos sollen im September 1998 in Budapest geortet worden sein. Im August 2000 wurden sie angeblich in Bulgarien aufgespürt. Das war einen Monat vor dem mutmaßlich ersten Mord.

Bulgarien könnte für die Terroristen eine Zwischenstation gewesen sein für einen weiteren Auslandsaufenthalt - in Südafrika. Dort soll sich zeitweise Holger G. aufgehalten haben, einer der nun verhafteten mutmaßlichen Unterstützer des Trios. Ihn hatte der Thüringer Verfassungsschutz 1999 im Verdacht, er wolle über einen Kontaktmann eine Fluchtmöglichkeit für die Gesuchten organisieren. In Südafrika hielt sich 2001 auch Tino Brandt auf, V-Mann des thüringischen Verfassungsschutzes und Chef des „Thüringer Heimatschutzes“ (THS), zu dem Böhnhardt, Mundlos und Beate Zschäpe gehört hatten.

Ministerium lagen keine Erkenntnisse vor

Als Treffpunkt von Neonazis in Südafrika galt die Farm des rechtsextremistischen Publizisten Claus Nordbruch. Brandt soll ihn besucht haben, ebenso wie im Jahr 2000 André K., der zum engen Umfeld des Trios gerechnet wird. In Telefonaten, die ein anderer mutmaßlicher Unterstützer des Trios, Ralf W., 1999 mit den Untergetauchten geführt haben soll, wurde eine Flucht zu einem Gönner nach Südafrika erwogen. In einem Interview für eine Publikation von „Blood&Honour“ hat Nordbruch im Jahr 2000 die Anforderungen an „Kameraden“ benannt, die bei ihm arbeiten könnten. Er nehme „das ganze Jahr hindurch junge Menschen“ auf, sie müssten zwischen 18 und 29 Jahre alt und „anständig im Sinne deutscher Ethik“ sein. Wer durchhalte, werde auch durch Schießübungen entlohnt. Nordbruch sprach von „schlagkräftigen Einsatztruppen, den sogenannten Kommandos“, über die man zum Schutz auf dem Lande verfüge. Er gab Tipps für den Einsatz von Waffen: „Zur Verteidigung und zum Nahkampf empfehle ich eine 12er Repetierschrotflinte, den Colt Python .357 Magnum, die Heckler&Koch MP5. Für die Jagd hat sich ein halbautomatischer Karabiner 308 oder 30.06 bewährt, und wenn‘s ganz massiv kommt, ist das Sturmgewehr R5 überaus nützlich.“

Nordbruch sagte zudem, dass er „mit zwei Kameraden aus Thüringen“ in den Osttransvaal gereist sei. Der Thüringer PDS-Bundestagsabgeordnete Carsten Hübner forderte aufgrund des Interviews das Erfurter Innenministerium auf, Auslandsreisen von Rechtsextremen nachzugehen, bei denen eine paramilitärische Ausbildung stattfinde. Das Ministerium teilte mit, ihm lägen keine Erkenntnisse über solche Ausbildungen vor.

Vortrag über die Arbeit des Verfassungsschutzes

Haben die Terroristen ihr blutiges Handwerk in Osteuropa oder Südafrika erlernt? Haben sie dort trainiert, die Hemmschwelle beim Töten zu überwinden, tödliche Schüsse auf den Kopf abzugeben, so wie sie es bei den Ceska-Morden an neun Migranten und im Fall der ermordeten Polizistin taten? In ihrer letzten Wohnung in Zwickau und im Wohnmobil, wo Böhnhardt und Mundlos sich ums Leben brachten, wurden 19 Waffen gefunden - Revolver, Gewehre, Maschinenpistolen und Pump-Guns. Ihr Umgang mit den Waffen deutet darauf hin, dass sie daran ausgebildet wurden. In ihrer Mordserie klaffen zeitliche Lücken, die längste zwischen August 2001 und Februar 2004. Sie könnten einem Auslandsaufenthalt geschuldet sein.

Nordbruch, ein ehemaliger Bundeswehroffizier, der 1986 nach Südafrika auswanderte, unterstützt die rassistische Vereinigung „Hilfskomitee Südliches Afrika“. Vor zwei Jahren trat er in Coburg bei einem Seminar dieser Organisation auf, vor drei Jahren hielt das Komitee ein Seminar im Berghotel „Burschenhaus“ nahe Eisenach ab. Der rechtsextreme Publizist hat noch andere Verbindungen nach Thüringen. Am 14. September 1999 trat er im Stadtteilzentrum Lisa in Jena-Lobeda als Referent auf. Veranstalter war der „Thüringer Heimatschutz“. Thema von Nordbruchs Vortrag: die Arbeit des Verfassungsschutzes.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Wehner, Markus
Markus Wehner
Politischer Korrespondent in Berlin.
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