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Vom Flüchtling zur Betreuerin

Die zwei Leben der Reem Al-Abali

Von Frank Pergande, Horst
 - 09:17
Zwei Leben: Reem Al-Abali, 26 Jahre alte Politwissenschaftlerin, betreut für die Behörden Flüchtlinge in Mecklenburg-Vorpommern - ihr eigener Werdegang hilft ihr dabei.zur Bildergalerie

Reem Al-Abali stammt aus dem Irak und kam auf der Flucht an der Seite ihrer Eltern nach Deutschland. Sie war sechs Jahre alt, als sie Horst kennenlernte, das Erstaufnahmelager für Asylbewerber von Mecklenburg-Vorpommern. Heute ist sie wieder dort, arbeitet für das Landesamt für Innere Verwaltung und betreut die Flüchtlinge. „Ich kenne die Situation der Asylbewerber, meine Familie hat es selbst erlebt“, sagt sie. Al-Abali kann von der Gegenwart berichten, von den Flüchtlingen, die derzeit nach Deutschland kommen. Ihre Biographie bietet aber auch einen Ausblick in die Zukunft, darauf, wie das Leben von jenen, die heute kommen, in einigen Jahrzehnten aussehen könnte.

Al-Abali ist 26 Jahre alt und studierte Politikwissenschaftlerin. Ihr Vater hatte einst bei den Peschmerga gekämpft, dem militärischen Arm der Kurden im Irak, der derzeit auch gegen den IS kämpft. 1996 reiste er mit seiner Ehefrau und Tochter nach Deutschland und stellte einen Asylantrag. Ungefähr vier Wochen lang seien sie damals in Horst gewesen, erzählt Al-Abali. Dann sei es weiter nach Waren an der Müritz gegangen - wer die Erstaufnahme verlässt, wird von den Kommunen weiter betreut. In Waren kam sie in die Schule. Zuerst half ihr dort das Russisch.

„Es geht ihnen gut“

Ihre Eltern hatten einst in der Sowjetunion studiert, zu Hause sprachen sie mit ihrer Tochter viel Russisch. Aber das Mädchen lernte in der Schule rasch Deutsch. „Und da habe ich dann das Russische wieder verlernt“, sagt Al-Abali. Als der Familie Asyl gewährt war, zog sie nach Schwerin. In seinem Ingenieursberuf konnte der Vater von Reem Al-Abali nicht arbeiten, weil die sowjetischen Abschlüsse nicht anerkannt wurden. Er fährt heute über Wochenmärkte in Niedersachsen und bietet griechische Spezialitäten an. Reems Mutter, ebenfalls Ingenieurin von Beruf, arbeitet in einem Schuhgeschäft in Schwerin. „Es geht ihnen gut hier in Deutschland, sie sind zufrieden.“

Tochter Reem zog es nach Berlin zum Studium an die Freie Universität. 2013 hatte sie ihren Abschluss und ging in die Wirtschaftsförderung, zum in Berlin beheimateten Nah- und Mittelost-Verein. Dann las sie die Ausschreibung vom Schweriner Landesamt für Innere Verwaltung, das zuständig für die Erstaufnahme der Asylsuchenden im Land ist. Sie bewarb sich und wurde sofort genommen. Seit Mai arbeitet sie in zwei Büros, in Horst und in der eben eröffneten Außenstelle der Erstaufnahme in Schwerin - denn auch in Mecklenburg-Vorpommern steigen die Flüchtlingszahlen enorm an.

Reem Al-Abali spricht Arabisch, Englisch und Assyrisch. Zuerst habe sie durchaus auch daran gedacht, dass sie als junge Frau Schwierigkeiten bekommen könnte mit Asylbewerbern, die solchen Umgang mit Frauen nicht gewohnt sind. „Aber die Asylbewerber hier sind froh, dass sie mit mir in ihrer Sprache sprechen können, und sie wollen ja auch Hilfe von mir“, sagt Al-Abali. Vor allem den vielen Syrern derzeit in der Erstaufnahme ist sie eine Hilfe. Etwa ein Drittel der Bewohner der Erstaufnahme kommt aus Syrien. Viele von ihnen haben schon einen sogenannten Aufenthaltstitel, können also in Deutschland bleiben und sich Wohnung und Arbeit suchen.

Joboffensive
„Flüchtling ist kein Beruf“
© DW, Deutsche Welle

Al-Abali hilft ihnen, erst einmal bei Verwandten unterzukommen oder zumindest bei Landsleuten. Aber auch die Albaner und Serben kommen zu ihr, damit sie ihnen erklärt, wie das weitere Verfahren läuft. Oder ihnen dabei hilft, Fragebogen auszufüllen. Oder lebenspraktische Fragen beantwortet, wie sie der Alltag auf so engem Raum mit sich bringt. Die junge Frau hilft auch den Menschen vom Balkan, die keine Chance auf Asyl haben und nun freiwillig in die Heimat zurückkehren wollen. Mancher ist schon froh, wenn er einfach erzählen kann, von der Flucht, seinen Hoffnungen und Wünschen, von der Familie zu Hause und dem Heimweh. „Ich höre zu, aber ich darf mich damit natürlich nicht belasten“, sagt Al-Abali. „Ich versuche, so neutral wie möglich zu raten und zu informieren.“

Al-Abali ist die Einzige aus dem Amt für Innere Verwaltung, die selbst als Flüchtling in Horst gewesen ist. Aber auch die Malteser, die in Horst und Schwerin die Betreuung der Asylsuchenden rund um die Uhr übernommen haben, beschäftigen einen Flüchtling, der 1999 Horst durchlaufen hatte: den Algerier Toufik Benmebarek. Er möchte darüber aber nicht sprechen. Und dann gibt es noch den Doktor in Horst. Er heißt Khaled Anssi, stammt aus dem Jemen und kam schon vor Jahrzehnten nach Deutschland, genauer gesagt in die DDR, um Militärmedizin zu studieren. Der eigentliche Arbeitsplatz des Chirurgen ist das Krankenhaus in Boizenburg, von Horst nur ein paar Kilometer entfernt. Seit zwei Jahren betreut er zusätzlich Flüchtlinge. Auch Anssi ist eine große Hilfe im Umgang mit den Flüchtlingen, schon weil er vier Sprachen spricht.

„Keine Polizeipräsenz, kein Blaulicht “

Horst liegt idyllisch, aber auch abgelegen an der Elbe zwischen Lauenburg in Schleswig-Holstein und Boizenburg in Mecklenburg. Früher verlief hier die innerdeutsche Grenze. Im Hauptgebäude der Erstaufnahme saßen damals DDR-Grenzsoldaten. Dass die Einrichtung hierherkam, hat eine besondere Geschichte, mit der indirekt sogar Al-Abalis Familie zu tun bekam. Denn nach 1990 hatte Mecklenburg-Vorpommern zunächst seine Erstaufnahme für Flüchtlinge in Rostock-Lichtenhagen eingerichtet, mitten in einem Plattenbau-Wohngebiet. Lichtenhagen wurde bekannt, als dort 1993 die Konflikte buchstäblich explodierten und der Mob das Flüchtlingsheim angriff. Die Bilder gingen um die Welt. Dass die Antwort des Landes dann lautete, Flüchtlinge in ein abgelegenes Waldstück zu schicken, war für den Ruf Mecklenburg-Vorpommerns auch nicht förderlich.

Dabei ist Horst eigentlich ein positives Symbol: Aus einer alten Grenzkompanie der abgeschotteten DDR wurde ein - wenn auch kleines - Tor in die Welt. Ähnlich ist es übrigens auch mit der neuen Außenstelle, eingerichtet in einer alten Militärkaserne, früher von der DDR-Armee genutzt. Als die Al-Abalis überlegten, wohin sie in Mecklenburg-Vorpommern gehen wollten, entschieden sie sich für Schwerin und gegen Rostock - wegen Lichtenhagen.

Reem Al-Abali erzählt, dass sie inzwischen drei Mal im Nordirak zu Besuch war, wo der Rest ihrer Familie heute lebt. „Viele wollen von dort weg“, sagt sie. Bis zu 600 Asylbewerber kommen derzeit jeden Monat nach Mecklenburg-Vorpommern. So abgelegen Horst liegt, inzwischen stehen manche morgens schon am Tor, vor allem an den Wochenenden. Dennoch liegt ein erstaunlicher Frieden über der Erstaufnahme. Viele der Flüchtlinge seien froh über die Ruhe, sagt Andreas Konen, der Migrationsbeauftragte der Malteser in Mecklenburg-Vorpommern, „keine Polizeipräsenz, kein Blaulicht - dafür immer genug zu essen“.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Pergande, Frank
Frank Pergande
Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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