Flüchtlingshilfe in Berlin

Gut gemeint und chaotisch

Von Mechthild Küpper, Berlin
21.08.2015
, 13:30
In Berlin gibt es viel Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen. Doch immer wieder kommt es zu Reibereien zwischen freiwilligen und hauptamtlichen Helfern.

Es ist eigentlich kinderleicht, Flüchtlingen bei ihren ersten Tagen in Berlin zu helfen: Man geht auf das Gelände des ehemaligen Krankenhauses Berlin-Moabit, wo gegenwärtig mindestens tausend, oft auch zweitausend Menschen in langen Schlangen darauf warten, registriert zu werden, meldet sich bei der Hilfsorganisation „Moabit hilft“, bekommt ein Namensschild und Gummihandschuhe und Informationen, was aktuell zu tun sei. Bis zu hundert Freiwillige kommen in diesen Tagen, berichtet Laszlo Hubert von „Moabit hilft“, sie sind im Alter „von 18 bis nicht ganz 80“. Viele Studenten helfen, es sind Semesterferien, aber auch rüstige Rentner und patente Hausfrauen. Die einen reichen den Flüchtlingen Wasser in Plastikbechern, die anderen sammeln den Müll von den abgetretenen Rasenflächen.

Doch in der Wirklichkeit kann es schwieriger, anstrengender und undankbarer sein, eine gute Tat für Flüchtlinge zu tun, als man sich vorstellen kann. In der Turmstraße, wo das „Lageso“, das Landesamt für Gesundheit und Soziales, im früheren Bettenhaus auf dem schönen alten Krankenhaus-Campus sitzt, hat es in den vergangenen Tagen zwischen Ehrenamtlichen und Professionellen ordentlich gekracht. „Moabit hilft“ warf sowohl dem „Lageso“ als auch den Johannitern Versäumnisse und das „vorsätzliche“ Verhindern von professioneller Hilfe auf dem Gelände vor. Die Johanniter dementierten energisch: „Das ist nicht korrekt“, und fanden die Vorwürfe „unglaublich“.

Die Lage der Flüchtlinge hat eine selten gesehene Hilfsbereitschaft in der deutschen Bevölkerung geweckt, überall im Land gründeten sich Gruppen, Initiativen, Stiftungen, um rasch und effizient zu helfen. „Ehrenamtliches Engagement und Spenden aus der Bevölkerung sind oftmals unentbehrlich, um adäquat helfen zu können“, meinen die Dresdner, die eine Internetplattform mit dem Titel „Ich helfe jetzt“ gegründet haben. „Die Bevölkerung möchte generell sehr gern unterstützen. Doch für viele sei die Hürde zu groß, sagt Johannes Bittner, einer der Gründer der Plattform, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, „Hilfsorganisationen und Spender unkompliziert“ zusammenzubringen.

Wie es schieflaufen kann, wenn Bürger sich kümmern wollen, zeigte ein Projekt im Stadtteil Kreuzberg am Oranienplatz und in der früheren Gerhart-Hauptmann-Schule seit dem Herbst 2012. Mitglieder einer Flüchtlingsinitiative, die zu Fuß nach Berlin gewandert waren, um auf die unbefriedigende Lage hinzuweisen, hatten zunächst am Brandenburger Tor campiert und erstaunlich ranghohe - und wohlmeinende - Gesprächspartner gefunden. Dann landeten sie, offenbar gründlich falsch beraten, in einer Sackgasse.

Der damalige Bürgermeister von Kreuzberg erbarmte sich, lud die Gruppe ein, erbarmte sich noch einmal und öffnete ihnen die Schule. Die zumeist türkischen Anwohner und Gewerbetreibenden zeigten anderthalb Jahre lang unendliche Geduld mit den neuen Nachbarn und Verhältnissen. Eine Unterstützergruppe organisierte Spenden, Deutschunterricht, allgemeines Wohlwollen. Dann kamen die Ratten, der Müll, Spenden wurden geklaut, den traumatisierten Flüchtlingen konnte auf dem Platz schlecht geholfen werden, ein Flüchtling tötete einen anderen in der Schule - die Zeit war offensichtlich reif für „professionelle Hilfe“.

Zahl der Flüchtlinge wird kaum sinken

„Warum erst jetzt?“, fragte die Direktorin des Berliner Caritasverbandes, Ulrike Kostka, nachdem der Senat in der vergangenen Woche ein Konzept für den Umgang mit Flüchtlingen beschlossen hatte. Nun tritt regelmäßig ein neu gegründeter „Koordinierungskreis“ zusammen, in dem Politik und Verwaltung, aber auch Hilfsorganisationen, Wohlfahrtsverbände und Bürgergruppen vertreten sind. Die Caritas übernahm Anfang der Woche das „Platzmanagement“ vor dem „Lageso“.

Kostka wies darauf hin, dass die Zahl der Flüchtlinge in den nächsten Monaten kaum sinken werde: „Wir brauchen alle einen langen Atem“, sagte sie. Das gelte sowohl für die beruflich mit Flüchtlingen Befassten wie auch die ehrenamtlichen Helfer. Bei aller Hilfsbereitschaft, die zum Teil überwältigend ist, hat sich in den vergangenen Monaten auch immer wieder gezeigt, wie kompliziert die Verhältnisse zwischen Helfern und Hilfsbedürftigen werden können. Man las Berichte über eine Wohngemeinschaft, die „einen Flüchtling“ bei sich aufnahm - und vollkommen ratlos reagierte, wenn dieser sich seltsam benahm. Und wenn der Flüchtling dann auch noch keinerlei Chance besaß, jemals einen legalen Status in Deutschland zu erwerben, also kein Ende des Zusammenlebens in Sicht kam, fühlten sich beide Partner düpiert.

Der Brandenburger Bundestagsabgeordnete Martin Patzelt (CDU), dessen Familie zwei Eritreer aufgenommen hat, achtete darauf, dass seine Gäste hier eine legale Perspektive hatten. Berliner Kirchengemeinden, die ehemalige Besetzer des Oranienplatzes über den Winter in ihren Gästewohnungen aufnahmen, taten dies nicht und erlebten vermutlich manche böse Überraschung. Schon im November 2014 schilderte die Berliner „Tageszeitung“, wie leicht eine als Wohltat gedachte Situation die Empfänger in Verlegenheit bringen kann. „Ich fühlte mich wie eine Ware“, sagte ein junger syrischer Christ, der nach der Messe im oberbayerischen Ottobrunn den Gemeindemitgliedern als Untermieter empfohlen wurde.

„Bitte nicht wild drauflos packen“

In großen Städten wird es enger. Weil viele dorthin zurückziehen, wächst die Konkurrenz um Wohnraum und den öffentlichen Raum. Die Flüchtlingsunterbringung setzt unter diesen Umständen beträchtliche Phantasie frei. Die Berliner Linkspartei verblüffte mit dem Vorschlag, ein Abschiebegefängnis als Wohnheim zu nutzen, und bei der Industrie- und Handelskammer (IHK), die gemeinsam mit der Handwerkskammer um Flüchtlinge als Lehrlinge und Mitarbeiter wirbt, startete ein Unternehmer eine Petition, um ein Hochhaus in Charlottenburg für Flüchtlinge zu öffnen. Es wurde in den 1960er Jahren für die kurzfristige Nutzung durch Arbeitskräfte und Studenten gebaut und soll eigentlich verkauft werden. 240 Zimmer in 60 Wohneinheiten an der Reichsstraße. Im September berät die IHK-Vollversammlung, wie damit zu verfahren sei.

Wie schwer es ist, „richtig“ zu helfen, ist zum Beispiel in dem Blog „Bachmichels“ nachzulesen: „Ihr wollt Kleider für Flüchtlinge spenden? So geht’s.“ Und gleich der erste Punkt lautet: „Bedarf erfragen. Bitte nicht wild drauflos packen“. Desillusioniert klingt der Bericht aus dem saarländischen Lebach über Erfahrungen beim Kleidersammeln. „Vier Arten von Spendern“ begegneten einem dabei. Nicht alle sind sympathisch wie die hier so genannten „Mitfühlenden“, die hochwertige Sachen brächten. Die „Ahnungslosen“ liefern nach dem Motto „Die können für alles froh sein, was sie kriegen“, und die „Entrümpler“ machen „zuhause mal so richtig klar Schiff“, spenden Filzstifte ohne Kappe und unvollständige Überraschungseier. Es gibt auch regelrechte „Arschlöcher“. Die spenden zum Beispiel zerschlissene Babykleidung.

Die hauptamtlichen Mitarbeiter der Erstaufnahmestellen sind unbestreitbar überfordert. Jeder, der einmal „mit Publikumsverkehr“ gearbeitet hat, kann sich vorstellen, wie belastend es ist, wenn die Schlangen vor dem Haus immer länger werden, die Leute durch die Fenster gucken, wie es vorangeht, und die Berichte in der Presse immer anklagender ausfallen. Berliner Politiker lobten deshalb die „Lageso“-Mitarbeiter und dankten ihnen. Aber man hörte auch pikierte Berichte von Menschen, die einen Kofferraum voller Lebensmittel brachten und patzig aufs falsch geparkte Auto hingewiesen wurden. „Moabit hilft“ fühlte sich während der heißen Tage im Chaos vor dem „Lageso“ nicht akzeptiert, und die Helfer klagen, sie fühlten sich wie Störenfriede.

Ehrenamtliche sind jung und gut gebildet

Das laufe inzwischen „einigermaßen freundlich und gedeihlich“, berichtet Laszlo Hubert. Sie bäten zwar die freiwilligen Helfer, möglichst keine Interviews zu geben, aber könnten diese natürlich nicht daran hindern, den zahlreichen Journalisten ihre - zum Teil katastrophisch gefärbten - Eindrücke mitzuteilen. Er vermute, dass die massive Kritik am „Lageso“ die Gesprächsbereitschaft der Mitarbeiter stark erhöht habe, er sei inzwischen „verhalten optimistisch“. Mit den Aktivitäten der „linksradikalen Gruppen“ am Oranienplatz seinerzeit will Hubert den Einsatz in Moabit nicht verglichen wissen: Diese hätten die Flüchtlinge „instrumentalisiert“. Die Homepage von „Moabit hilft“ trägt den Titel: Moabit-hilft-„Lageso“. Das stellt die Verhältnisse klar und definiert, wer in Moabit hilfsbedürftig ist und wer hilfsbereit.

Wie die Beziehungen zwischen Verwaltung, Wohlfahrtsorganisationen und ehrenamtlichen Helfern sind, hat das Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung an der Humboldt-Universität kürzlich in einer ersten Studie erforscht. Freiwilliges Engagement für Flüchtlinge habe „eine lange Tradition“, sei aber kaum erforscht worden. In der „Organisation der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit wird eine Dringlichkeit deutlich“, heißt es in der Studie. Doch sei es offen, ob Arbeit, die „spontan aus hohem Bedarf geboren wurde, mittelfristig Strukturen“ entwickeln werde. Ob die „Verstetigung der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit überhaupt erstrebenswert sei, gilt den Forschern als offene Frage.

Sie wissen jedenfalls, wer die Ehrenamtlichen sind: Frauen (zu 70 Prozent), Gebildete (fast 90 Prozent haben Abitur, 60 Prozent einen Studienabschluss), in sicheren Verhältnissen (fast 70 Prozent sehen ihre finanzielle Situation als gut oder befriedigend an) lebende Menschen. Unter den ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern sind Studenten und Menschen mit Migrationshintergrund in der eigenen Familie stark überrepräsentiert, Rentner sind unterrepräsentiert. 40 Prozent der Freiwilligen sind erwerbstätig, obwohl die ehrenamtliche Flüchtlingshilfe besonders zeitaufwendig ist. 36 Prozent derer, die sich für Flüchtlinge engagieren, arbeiten mehr als fünf Stunden die Woche.

Berlin
Bundesregierung rechnet mit 800.000 Asylbewerbern im Jahr 2015
© reuters, reuters
Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot