Reproduktionsmedizin

Also fort mit ihnen?

11.07.2010
, 14:05
Eine menschliche Eizelle wird injiziert
Vergangene Woche sprach der Bundesgerichtshof einen Berliner Arzt frei, der sich selbst angezeigt hatte, weil er die sogenannte Präimplantationsdiagnostik (PID) angewendet hatte. Die PID, mit der Embryonen auf genetische Schäden untersucht werden, könnte zu einem ethisch fragwürdigen „social engineering“ führen, kommentiert Daniel Deckers.
ANZEIGE

Als der Nationale Ethikrat zwei Jahre nach seiner Berufung durch Bundeskanzler Gerhard Schröder eine ausführliche Stellungnahme über das Für und Wider genetischer Diagnostik vor und während der Schwangerschaft vorlegte, waren sich Juristen und Theologen, Mediziner und Sozialwissenschaftler ungeachtet aller Meinungsverschiedenheiten im Grundsatz einig: Der Gesetzgeber komme nicht umhin, alle Fragen auf dem Gebiet der Reproduktionsmedizin in einem speziellen Gesetz zu regeln. Das war im Jahr 2003. Geschehen ist seither nichts.

Weder die bis 2005 regierende rot-grüne Koalition noch das bis zum vergangenen Sommer bestehende Bündnis von CDU und SPD unternahmen den Versuch, die mit dem medizinisch-technischen Fortschritt stetig wachsenden Handlungsspielräume ethisch zu vermessen, politisch zu bewerten und rechtlich verbindlich zu regeln. Dasselbe während der Koalitionsverhandlungen von Union und FDP im vergangenen Herbst: Das Thema Fortpflanzungsmedizin wurde ausgeklammert.

Orwellhaft anmutendes „social engineering“

ANZEIGE

Ein Ergebnis dieser Politikverweigerung der Politik ist mittlerweile in aller Öffentlichkeit zu besichtigen. Am vergangenen Dienstag sprach der 5. Strafsenat des Bundesgerichtshofs einen Berliner Reproduktionsmediziner, der sich selbst wegen mehrfacher Anwendung der sogenannten Präimplantationsdiagnostik anzeigt hatte, vom Vorwurf gesetzwidrigen Handelns frei. Die Urteilsbegründung liegt noch nicht vor.

So funktioniert die Präimplantationsdiagnostik
So funktioniert die Präimplantationsdiagnostik Bild: dpa-infografik

Doch ist der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, dass es sich um einen Fall von krasser Rechtsbeugung handelt. So waren etwa 2003 alle Mitglieder des Ethikrates einmütig der Auffassung, die Untersuchung von im Reagenzglas hergestellten Embryonen auf genetische Schäden sei durch das 1990 beschlossene Embryonenschutzgesetz verboten. Jetzt befanden die Richter in Abkehr von allen bisherigen Begründungen zugunsten des Schutzes von Embryonen vor einer wie immer gearteten fremdnützigen Verwendung, dass ein strafbewehrtes Gebot, Embryonen bei genetischen Belastungen der Eltern ohne Untersuchung zu übertragen, hohe Risiken in sich berge. Also fort mit ihnen.

ANZEIGE

Dass die Aufforderung zur Embryonenselektion jede lebensweltliche Erfahrung für sich hat, ist nicht von der Hand zu weisen. Die Präimplantationsdiagnostik wurde schließlich nur entwickelt, um „gesunde“ von „kranken“ Embryonen zu unterscheiden und nur solche einer Frau zu übertragen, die bestimmte, als unerwünscht definierte genetische Merkmale nicht aufweisen. So wird die PID mittlerweile in den meisten Ländern des westlichen Kulturkreises mit dem Segen des Gesetzgebers vor allem deswegen praktiziert, weil sie Frauen davor bewahrt, ein möglicherweise behindertes Kind auszutragen oder im Fall des Falles abzutreiben. Mit demselben Argument wird die PID seit langem auch in Deutschland verteidigt.

Doch was auf den ersten Blick als das kleinere Übel erscheinen mag, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein qualitativer Sprung auf dem Weg zu einer orwellhaft anmutenden Form des „social engineering“. Denn nach aller Erfahrung mit neuen medizinischen Verfahren ist damit zu rechnen, dass das Angebot der Präimplantationsdiagnostik eine immer größere Nachfrage erzeugt. Gesteuert würde diese Nachfrage indes nicht nur von dem individuellen Wunsch, nach Möglichkeit „gesunde“ Kinder zu gebären. Dieser Wunsch würde binnen kurzem zu einer normativen gesellschaftlichen Erwartung werden.

ANZEIGE

Kinder mit Trisomie 21 werden in vielen Ländern im Mutterleib getötet

Schon heute dient die PID in vielen Ländern dazu, nicht nur Embryonen mit schweren genetischen Schädigungen zu selektionieren, sondern auch mutmaßlich gesunde Embryonen zu vernichten, die den Erwartungen der Eltern an biologische Merkmale wie das Geschlecht nicht entsprechen. Zugleich bewirkt das Zusammenspiel der Entstigmatisierung der Abtreibung mit einer immer umfassenderen Pränataldiagnostik, dass Kinder mit bestimmten Chromosomenschädigungen wie Trisomie 21 (Down-Syndrom) in aller Regel im Mutterleib getötet werden.

Hinter dem unscheinbaren Namen Fortpflanzungsmedizin verbergen sich somit dieselben Fragen wie beim Thema Sterbehilfe. Die Technisierung der Entstehung wie des Verlöschens des Lebens konfrontiert nicht nur den Einzelnen, sondern auch die Gesellschaft mit Möglichkeiten, aber auch mit Risiken, zu denen sie sich nicht nicht verhalten kann. Auch auf diesem Gebiet ist es richtig, nicht vorschnell nach dem Gesetzgeber zu rufen. Aber angesichts des Versagens standesrechtlicher Regelungen auf dem Gebiet der Fortpflanzungsmedizin und der Gefahr, dass Richterrecht auch auf anderen höchst sensiblen Gebieten irreversible Fakten schafft, darf sich der Gesetzgeber nicht länger der Verpflichtung entziehen, das Feld der Biopolitik neu zu beackern. Ansonsten droht sich nicht nur der Druck auf die ältere Bevölkerung zugunsten eines möglichst sozialverträglichen Ablebens zu verselbständigen. Auch der Druck auf junge Menschen würde unerträglich, vermeintlich lebensunwertes Leben gar nicht erst entstehen zu lassen.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
ANZEIGE