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Revolution in Leipzig

Jubiläum einer Sternstunde

Von Stefan Locke, Leipzig
 - 17:47
9. Oktober 1989: Demonstration in Leipzig

Der 9. Oktober 1989 wäre ohne Siegbert Schefke und Aram Radomski wohl nicht in so anschaulicher Erinnerung geblieben. Wer weiß, womöglich wäre auch der Fortgang der revolutionären Ereignisse im Herbst 1989 in der DDR ein ganz anderer gewesen. Doch die Videoaufnahmen, die beide Männer an jenem Abend von einem Leipziger Kirchturm aus machten, und die damals Menschen in Ost- und Westdeutschland sahen, liefen am Mittwoch noch einmal im Gewandhaus zu Leipzig am Beginn des Festaktes zum dreißigjährigen Jubiläum der friedlichen Revolution. „Schließt euch an!“ und „Wir sind das Volk!“, riefen die 70.000 Menschen, die an jenem Montag demonstrierten.

Die SED war damals drauf und dran, den Demonstranten mit der sogenannten chinesischen Lösung zu begegnen, die Proteste also mit Schusswaffen aufzulösen. Dass es letztlich friedlich blieb, ist wohl auch einem Aufruf der „Leipziger Sechs“ zu verdanken, zu denen der damalige Gewandhauskapellmeister Kurt Masur, ein Pfarrer und ein Kabarettist, aber auch drei Sekretäre der SED-Bezirksleitung gehörten. Sie plädierten an beide Seiten, friedlich zu bleiben, und letztlich kapitulierte die Staatsmacht vor der schieren Masse der Demonstranten.

„Die Angst hatte die Seiten gewechselt“, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der am Mittwoch in Leipzig die Revolutionäre von damals würdigte. Die Demonstranten vom Herbst 1989 hätten „deutsche Demokratiegeschichte geschrieben“. Die friedlich gebliebene Revolution zähle zu den „Sternstunden unseres Landes“. Steinmeier erinnerte dabei unter großem Beifall auch an die Vorreiter des Umbruchs in Europa, an die Gewerkschaft „Solidarność“ in Polen, die Grenzöffnung in Ungarn und an den sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow, der keine Truppen schickte, um die Proteste niederzuschlagen.

Zugleich plädierte er dafür, die Umbruchserfahrungen der Ostdeutschen, die „ungleich härter als im Westen“ gewesen seien, in die gesamtdeutsche Geschichtsschreibung einzubeziehen. Sie seien „eine Bereicherung für das gesamte Land“. Die meisten im Westen hätten damals geglaubt, dass im vereinten Deutschland alles weitergehe wie zuvor. „Das war – übrigens auch schon damals – eine Fehleinschätzung“, so Steinmeier. „Auch der Westen ist nach der Einheit nicht derselbe geblieben, und ich sage: ein Glück für das vereinte Deutschland, dass das so ist!“ Zuvor hatte sich Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer gegen Versuche ausgesprochen, die Geschichte umzuschreiben. Mit Blick auf die Aussagen der Regierungschefs in Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen, die DDR sei kein „Unrechtsstaat“ gewesen, entgegnete Kretschmer, dass er sich darüber sehr wundere. Ein Land, das seine Menschen erschießen lässt, wenn sie es verlassen wollen, das Kindern Bildung verwehrt und der Justiz Urteile vorschreibt, sei „natürlich nichts anderes als ein Unrechtsstaat“, sagte er unter großem Beifall. Wer das bestreite, spreche den Menschen des Herbstes 1989 die Verdienste ab.

Steinmeier sagte, dass „natürlich nicht alles gut“ sei in Deutschland, aber dass es die Menschen, die es vor dreißig Jahren „geeint haben, zum besten Deutschland gemacht haben, das es je gab“.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Locke, Stefan
Stefan Locke
Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.
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