FAZ plus ArtikelNeues RKI-Schreiben

Können Geimpfte das Coronavirus trotzdem übertragen?

Von Joachim Müller-Jung
07.04.2021
, 16:20
Impfung in einer Hausarztpraxis in Thüringen
Das RKI meint, dass Geimpfte wie solche Personen behandelt werden können, die ohne Symptome einen Schnelltest mit negativem Ergebnis gemacht haben. Aber was heißt das schon? Die Messlatte hängt niedrig.
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Können selbst Geimpfte noch das Coronavirus übertragen und damit die Pandemie am Köcheln halten? Um diese zentrale Frage dreht sich die Debatte über eine Befreiung Geimpfter von Test- und Quarantänepflichten oder, wie manche es formulieren, „Privilegien“ für Geimpfte. Wissenschaftlich betrachtet klafft eine quälend große Lücke im rapide wachsenden Erkenntnisstand der Immunologen, die sich nur langsam schließt. Kürzlich fasste der Leiter des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, in einem offiziell unveröffentlichten (aber im Internet offen kursierenden) Schreiben an Spahn zusammen, was seine Fachleute als gut begründeten Wissensstand sehen: Spätestens ab dem 15. Tag nach Gabe der zweiten Impfdosis sei das Risiko einer Virusübertragung durch Geimpfte „geringer als das Vorliegen eines negativen Antigen-Schnelltests bei symptomlos infizierten Personen“.

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Die Frage, ob Geimpfte noch Viren übertragen können, wird allerdings gar nicht beantwortet. Das Risiko ist nur gering – geringer nämlich als die statistische Empfindlichkeit (genauer: die Falsch-Negativ-Rate) eines durchschnittlichen Schnelltests, wenn man zwar infiziert ist, aber davon selbst gar nichts merkt. Wie hoch dieser statistische Wert ist, hat zum Beispiel die vom RKI zitierte Cochrane-Antigentest-Review jüngst gezeigt. 58 Prozent der symptomlosen Infizierten werden mit den Tests korrekt erfasst, 42 Prozent dagegen sind falsch-negativ. Diese Infizierten fallen sozusagen durch den Rost. Das ist ein statistischer Durchschnittswert, der über viele Antigentests hinweg ausgerechnet wurde. Aber klar ist: Fast die Hälfte der symptomlos Infizierten bekommt das falsche Test-Ergebnis: negativ. Also grünes Licht, wenn etwa für Veranstaltungen oder Zutritt zu Geschäften oder Museen ein Schnelltestergebnis gefordert wird.

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Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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