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Konzert in Chemnitz

Tote Hosen, Kraftklub und K.I.Z. rocken gegen Rechts

Von Philipp Krohn
 - 07:02

Politische Popmusik in Deutschland versteht sich seit jeher als links. Schon die ersten Rockbands, die auf Deutsch sangen, verbreiteten politische Botschaften: „Ihre Kinder“ protestierten in einem Song gegen die Apartheid in Südafrika, „Floh de Cologne“ gegen den nationalistischen Putsch in Chile, „Ton Steine Scherben“ gegen Konsum und Kapitalismus. Ihr Lied „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ wurde zu einer Hymne der Studentenbewegung und inspirierte Terroristen der Rote Armee Fraktion. Musikalisch und politisch hat die Band Generationen von Musikern beeinflusst.

Auch der deutsche Folk von Hannes Wader, Reinhard Mey und Franz Josef Degenhardt kam sozialkritisch daher. Der konservative Liedermacher Neil Young, bekennender Reagan-Fan, fand im deutschsprachigen Raum kein Pendant.

Rechtsradikale versuchten allerdings manchmal, linke Liedermacher zu vereinnahmen. So missdeuteten sie Heinz Rudolf Kunzes Lied „Willkommen liebe Mörder“ als Bekenntnis gegen die deutsche Flüchtlingspolitik – der Sänger beschrieb es als ironische Abrechnung mit den NSU-Mördern. Seit den achtziger Jahren haben Rechtsradikale ansonsten ihre eigene Musikszene, die sich vom Punk herleitet und vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

Anfänge mit The Clash und Udo Lindenberg

In die dominante linke Tradition reihen sich die Gruppen ein, die an diesem Montag unter dem Motto „Wir sind mehr – Aufstehen gegen rechte Hetze“ in Chemnitz auftreten. Die ausrichtende Indierock-Band „Kraftklub“, die aus der sächsischen Stadt stammt, will Gegnern der rechtsradikalen Ausschreitungen eine Stimme geben. Außer ihr werden die Punkbands „Die Toten Hosen“ und „Feine Sahne Fischfilet“ sowie aus dem Hip-Hop „K.I.Z.“ und das bislang nicht durch politische Botschaften aufgefallene Duo „Marteria & Casper“ spielen.

Das Gratiskonzert versteht sich als Kundgebung „gegen Rechts“, wie es sie seit 1978 gibt. Damals reagierten antifaschistische Organisationen in der britischen Hauptstadt London auf die Wahlerfolge der rechtsextremen Partei National Front, zunehmenden Alltags-Rassismus und Entgleisungen der Rockmusiker David Bowie und Eric Clapton. Zu „Rock against Racism“ kamen rund 100.000 Besucher und hörten Punkbands wie „The Clash“ und die „Buzzcocks“. Ein Jahr später begann die „Rock gegen Rechts“-Reihe in Deutschland mit Künstlern wie „Strassenjungs“, „Bots“ und „Guru Guru“, die gegen die rechtsextreme NPD gerichtet war. Später gründete der umtriebige Rocksänger Udo Lindenberg die Initiative „Rock gegen rechte Gewalt“.

Eine vergleichbare Glaubwürdigkeit hat in den vergangenen Jahren die Band „Feine Sahne Fischfilet“ aus Mecklenburg-Vorpommern in dieser Szene erworben. Die Gruppe um den bekennenden Linken Jan „Monchi“ Gorkow fing 2007 als Schülerband an – und ihr energiegeladener Punk lockte rechtsextreme Jugendliche an. Um sich von diesen unerwünschten Fans abzugrenzen, entwickelte die Gruppe eine entschiedene politische Haltung und sang in einigen Songs darüber. Außerdem engagieren sich die Mitglieder für die Rechte von Flüchtlingen. Mit der Kampagne „Noch nicht komplett im Arsch“ mischte sie 2016 im Landtagswahlkampf mit: Auf Kundgebungen machte die Band Stimmung gegen die Parteien NPD und AfD.

Inhaltlich scheut die Band keine Nähe zu Linksradikalen. „Sehe Yuppies, sehe Bullen, sehe Nazis aufmarschieren / Höre Deutschland über alles / Nein, ich will es nicht kapieren“ heißt es im Song „Stumme Menschen“. Er soll Leute aufrütteln, die eine Radikalisierung ihres Umfelds hinnehmen. Kritiker von Rechts haben der Band eine antideutsche Haltung vorgeworfen und besonders die Liedzeile „Deutschland ist scheiße, Deutschland ist Dreck“ angeführt. Doch der gesamte Liedtext macht deutlich, dass die Band damit über den Ton herzieht, der oft in sozialen Medien herrscht. Betrachtet man die Anfangstage der Punkband, ist dennoch klar, dass ihr eine Abgrenzung vom Radikalismus nicht immer gelungen ist. Deshalb geriet sie 2011 in den Verfassungsschutzbericht von Mecklenburg-Vorpommern.

Erwähnung im Verfassungsschutzbericht befördert Popularität

Auf ihrer Internetseite hatte „Feine Sahne Fischfilet“ damals ein Plakat verlinkt, das die Anleitung zum Bau eines Molotow-Cocktails zeigt und das in dieser Zeit in der Szene kursierte. Die Band nannte diesen Flirt mit der militanten Linken eine satirische Auseinandersetzung. Auch im Folgejahr behielt der Verfassungsschutz die Gruppe im Auge – und beförderte damit unabsichtlich deren Popularität. Bald wurde die Band von großen Festivals wie „Hurricane“ und „Rock am Ring“ gebucht. Zudem kam sie ins Vorprogramm der „Toten Hosen“, der deutschen Vorzeige-Punkband, die ihre linke Gesinnung seit der Gründung 1982 offensiv vertritt und oft bei Veranstaltungen „gegen Rechts“ mitgerockt hat.

Die „Toten Hosen“ haben sich mit Fremdenfeindlichkeit („Willkommen in Deutschland“) und der Last der Geschichte („Ballast der Republik“) beschäftigt. Nach den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen dichteten sie 1992 „Sascha . . . ein aufrechter Deutscher“, das Porträt eines tumben Skinheads, dem nichts einfällt, als gegen alles Fremde mit Gewalt vorzugehen: „Der Sascha, der ist arbeitslos / Was macht er ohne Arbeit bloß? / Er schneidet sich die Haare ab / und pinkelt auf ein Judengrab.“

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Demonstrationen in Chemnitz
Woher kommt der Hass?

Auf der Seite von Minderheiten und Unterprivilegierten

So explizit hat sich „Kraftklub“ nie in seinen Songs geäußert. Doch den Indierockern aus Chemnitz war schmerzlich bewusst, dass sich in ihrer Stadt einer der Terroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds versteckt gehalten hatte. Ihre Heimat haben die fünf Musiker immer in der alternativen Subkultur gesehen. Ein nationales Publikum erfuhr von dieser Haltung, als Kraftklub mit den Bands „Mia“ und „Die Ärzte“ dagegen protestierte, dass die von Teilen der rechten Szene verehrte Südtiroler Band „Frei.Wild“ wie si den Echo-Musikpreis 2013 erhalten sollte. Der Protest war erfolgreich.

Im Vergleich zu den „Toten Hosen“ oder „Feine Sahne Fischfilet“ mag „Kraftklub“ weniger deutlich eine ideologische Gesinnung ausdrücken – aber eine politische Haltung zeigt auch diese Band. So geht es in „Schüsse in die Luft“ um die Frage, wie man sich gegen die entpolitisierte Haltung seiner Umgebung wehren kann. „Und selbst wenn alles scheiße ist, du pleite bist und sonst nichts kannst / Dann sei doch einfach stolz auf dein Land / Oder gib die Schuld ein paar anderen armen Schweinen / Hey wie wäre es denn mit den Leuten im Asylbewerberheim“, heißt es darin.

Oft Nahe an antideutscher Haltung

Politische Popmusik in Deutschland hat sich meist auf die Seite der Minderheiten und Unterprivilegierten geschlagen. Zum Teil hat sie die Grenzen zur Gewaltverherrlichung überschritten, wie das Beispiel „Ton Steine Scherben“ zeigt. Deren verstorbener Sänger Rio Reiser wird dennoch als einer der poetischsten Songschreiber des Landes verehrt.

Auch von antideutschen Haltungen hat sich die Szene nicht immer distanziert, wie die Hamburger Punkpioniere „Slime“ mit der Refrainzeile „Deutschland muss sterben, damit wir leben können!“ bewiesen. Zu einem Einsatz gegen rechtsradikale Gewalt aber sind Bands seit vierzig Jahren bereit.

Quelle: F.A.Z.
Philipp Krohn
Redakteur in der Wirtschaft.
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