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Rudolf-Vogel-Medaille

Durch dick und dünn mit Adolf Hitler

Von Michael Martens
 - 10:03
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Bochum kann ganz anders sein als bei Grönemeyer. Im großen Saal des deutschen Bergbau-Museums geht es an diesem Samstag mondän zu. Diplomaten haben sich versammelt, Professoren, Bundestagsabgeordnete, Staatssekretäre. Anlass ist die Jahreshauptversammlung der Südosteuropa-Gesellschaft (SOG), die laut Eigendarstellung seit ihrer Gründung 1952 „zu den wichtigen Trägern der deutschen auswärtigen Kulturpolitik“ gehört. Den Löwenanteil des SOG-Budgets trägt seit Jahrzehnten das Auswärtige Amt. Von „enger Kooperation“ zwischen dem Amt und der SOG spricht der stellvertretende Chef der SPD-Fraktion im Bundestag, Gernot Erler. Er muss es wissen, denn er war Staatsminister im Auswärtigen Amt. Und er ist Präsident der SOG.

Zu den Höhepunkten der SOG-Jahresnabelschau gehört die Verleihung der „Rudolf-Vogel-Medaille“. Der undotierte Journalistenpreis „in Anerkennung der Verdienste um die Erweiterung der Kenntnisse über Südosteuropa“ wird seit mehr als zwei Jahrzehnten vergeben. Erster Preisträger war 1992 Johannes Grotzky, damals Leiter des ARD-Hörfunkstudios Wien, heute Direktor des Bayerischen Rundfunks. Andere Vogelmedaillengewinner sind der ehemalige Springer-Journalist und spätere griechische Regierungssprecher Evangelos Antonaros, die einstige Belgrader „Spiegel“-Korrespondentin Renate Flottau und der schwedische Schriftsteller Richard Swartz, langjähriger Osteuropakorrespondent des „Svenska Dagbladet“. Je dreimal wurden Autoren der „Süddeutschen Zeitung“ und der F.A.Z. mit der Rudolf-Vogel-Medaille ausgezeichnet, auch Journalisten von WDR, dpa, „Frankfurter Rundschau“ sowie des Wiener „Standard“ erhielten die Ehrung.

Eine auffällig beiläufige Distanzierung

In diesem Jahr war der Schweizer Journalist Andreas Ernst für die Medaille nominiert, für die „gekonnte Vermittlung wissenschaftlichen Denkens und Forschens mit journalistischen Mitteln“, wie es in der Laudatio hieß. Ernsts kluge Texte in der „Neuen Zürcher Zeitung“ gehören tatsächlich seit Jahren zum Besten, was über den Balkan geschrieben wird. Genau deshalb weigerte Ernst sich auch, die Rudolf-Vogel-Medaille anzunehmen. Denn der Preis ist keine Auszeichnung, sondern eine Schmach.

Vogel, der von 1906 bis 1991 lebte, war nicht nur Mitbegründer, Präsident und Ehrenmitglied der Gesellschaft, sondern auch lange Jahre Journalist. Walter Althammer, Vorgänger Erlers als Präsident der SOG und einst stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, zeichnete 1991 in einem Nachruf auf Vogel in den von der SOG herausgegebenen „Südosteuropa-Mitteilungen“ ein beeindruckendes Bild des Verstorbenen. Vogel sei nicht nur ein Mann von „unermüdlicher Arbeitsenergie und Durchsetzungskraft“ gewesen, sondern habe sich auch durch „wache Menschenkenntnis“ sowie „tiefe Abneigung gegen Falschheit und Intrigen“ hervorgetan. Außerdem habe er in dunklen Zeiten Rückgrat gezeigt: „Als überzeugter Katholik und Demokrat wurde er nie Mitglied der NSDAP und verzichtete so im Dritten Reich auf eine Karriere, die ihm unter anderen politischen Bedingungen aufgrund seines Wissens und seines Könnens offengestanden hätte. Den Zweiten Weltkrieg verbrachte er als Soldat.“

Ein idealer Kandidat also als Namensgeber für einen Journalistenpreis. Doch am Samstag in Bochum distanzierte sich Erler auf auffällig beiläufige Weise von Vogel. Nur ein einziges Mal fiel Vogels Name im Laufe der mehr als drei Stunden dauernden Veranstaltung. Das Präsidium der SOG habe sich, „aus gegebenem Anlass mit der Rudolf-Vogel-Medaille, die wir seit vielen Jahrzehnten vergeben, beschäftigt und dabei beschlossen, das künftig nicht mehr in der Verbindung mit diesem Namen zu machen, sondern ab sofort, und zwar schon heute gültig, einen Journalistenpreis der Südosteuropa-Gesellschaft zu vergeben“, sagte Erler. Eine Erklärung gab es nicht. Statt der früher üblichen Medaille erhielt der Preisträger eine Urkunde und eine Flasche Schnaps der Marke „Grubengold“.

„Gold nicht gut für Polenblut“

Das hat gute Gründe. Denn Althammers Feststellung, dass Vogel „nie Mitglied der NSDAP“ gewesen sei und im Dritten Reich auf eine Karriere verzichtet habe, ist nur ein sehr kleiner Teil der Wahrheit. Um den größeren hat Vogel nach 1945 nie viel Aufhebens gemacht. Er verzichtete im „Dritten Reich“ auf eine Karriere, indem er als Korrespondent für Regionalzeitungen aus Berlin und anderen Zentren der Bewegung berichtete, zum Beispiel über den Nürnberger Parteitag von 1938: „Jetzt marschieren sie in Reih’ und Glied mit den Hunderttausenden aus allen anderen deutschen Gauen, Mitverschworene einer Bewegung, die kein anderes Ziel hinter ihrem Führer ausgerichtet kannten als Deutschland! Die Tage von Nürnberg sind die stolze Repräsentation dessen, was die Bewegung aus Deutschland gemacht hat ...“

Über eine Rede Hitlers kurz vor der Zerschlagung der Tschechoslowakei ließ der spätere Namensgeber des SOG-Journalistenpreises seine Leser in völkisch-verschwurbeltem Reichsparteitagsdeutsch wissen: „Diese Stunde der Entscheidung sieht das deutsche Volk wie federnden Stahl zusammengeschmiedet, gehärtet und geläutert in der Hand seines nationalen Heros. Nur einen einzigen Satz braucht man aus dieser von so erschütternden Kundgebungen fanatischer Zuversicht und unbeirrbaren Vertrauens unterbrochenen Rede des Führers herauszuheben, um die Lage Europas klarzustellen. ... Jeder, der am Schluss der Rede inmitten der erschütternden Rufe dieses Massenchores der Hunderttausende ,Führer befiehl, wir folgen dir!’ und dann später während des Aufrufs von Dr. Goebbels, dass wir niemals einen zweiten 9. November erleben würden, den Führer hochaufgereckt vor den Massen stehend ... sah, weiß, dass keine Macht der Welt uns daran hindern kann, unser Recht nötigenfalls auch mit Gewalt zu holen.“

Solch funkelnde Schätze Vogelscher Fabulierkunst lagern zuhauf in deutschen Archiven. Nach der Kriegserklärung gegen Polen gelobte Vogel, mit Adolf Hitler „durch dick und dünn zu gehen“. Mal schimpfte er über das „Schmarotzerdasein“ der „dunklen Mächte jüdisch-bolschewistischer Herkunft“, mal spottete er unter der Überschrift „Gold nicht gut für Polenblut“ über Polen oder die Vereinigten Staaten, deren wirtschaftliche Stärke nur von einer „kritiklosen Schar vorwiegend jüdischer Pseudowissenschaftler“ herbeigeredet werde. Zu Hochform lief Vogel aber erst bei Kriegsausbruch auf. Nach dem von der SS inszenierten Überfall auf den Sender Gleiwitz erfuhren Vogels Leser am Tag des deutschen Überfalls auf Polen: „So sieht also die polnische Antwort auf ein Angebot des Führers aus, das so maßvoll, so bescheiden und so zurückhaltend ist, dass im Grunde genommen nur der Führer selbst ein derartiges Angebot angesichts so ungeheuerlicher Provokationen an Polen richten konnte. ... Man tut in Warschau so, als ob westlich von Polen kein Großdeutschland, nicht die stärkste Militärmacht des Kontinents existierte. Es ist notwendig und an der Zeit, Polen den Gegenbeweis zu liefern.“ Denn „polnische Banden auf reichsdeutschem Boden“ seien „für jeden Deutschen von Ehrgefühl eine solch unerträgliche Lage, dass es darauf nur eine Antwort gibt. Sie wird und muss erteilt werden.“

Als politischer Zensor in Belgien

Den Blitzkrieg der Wehrmacht begleitete der aus dem oberschlesischen Beuthen stammende Journalist mit Aufsätzen über die „zum großen Teil analphabetische, total verhetzte primitive Bevölkerung“ Polens, schrieb von „Bestien in Menschengestalt“ und „vertiertem Gesindel“. Unter der Überschrift „Untermenschentum“ stellte Vogel am 12. September 1939 zwar empört fest, dass es immer noch vereinzelt polnischen Widerstand gebe, beruhigte seine Leser aber: „Die deutsche Wehrmacht wird damit fertig werden, und zwar schnell und gründlich.“ Vom 9. September bis zum 17. Oktober 1939 schrieb „Sonderführer Vogel“ als Kriegsberichterstatter der Propagandakompanie 639 direkt von der Front. Nach seiner Rückkehr nach Berlin bewarb er sich beim Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda als Kriegsberichterstatter und demonstrierte sodann täglich unverbrüchliche Treue zum Führer. Über die Bombenabwürfe auf London und die Versenkung britischer Schiffe durch deutsche U-Boote jubelte Vogel am 9. Februar 1940: „464.000 Tonnen in den letzten sechs Wochen! ... Heute kennen wir die Wirkung unserer Waffen, und die da drüben in England werden ihre Wirkung rücksichtslos zu spüren bekommen, bis sie kapitulieren.“

Über Vogels weitere Laufbahn gibt auch eine im Bundesarchiv unter der Signatur „R 55/23952“ verwahrte Akte mit Dokumenten aus den Beständen des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda Aufschluss, die dieser Zeitung vorliegt. Nachdem Vogel am 20. September 1940 in einem Fragebogen des Ministeriums bestätigen konnte, rein arischen Blutes zu sein, wurde er vom Herbst 1940 an als politischer Zensor beim Luftgaukommando Belgien-Nordfrankreich in Brüssel eingesetzt. Im Januar 1941 bat Vogel das Ministerium mit Erfolg darum, zur neugegründeten „Pariser Zeitung“ versetzt zu werden. Eine Woche nach dem deutschen Überfall auf Jugoslawien beschrieb er in der Ausgabe vom 14. April 1941 die zerbombte serbische Hauptstadt Belgrad: „Alle Rassen des Balkans scheinen sich in diesen Straßen ein Stelldichein zu geben: reinrassige Serben, Bosniaken, Volksdeutsche aus dem Banat, Kroaten, Ungarn, Mazedonier, Rumänen und nicht zuletzt - Juden. Welch eine verhängnisvolle Rolle sie gerade in den letzten Tagen spielten, davon können die geflüchteten Reichsdeutschen ein Lied singen.“

„Sachbearbeiter mit besonderen Fachkenntnissen“?

In Paris war Vogel bis Ende 1941 oder Anfang 1942, als er in das von einer Hungersnot geplagte Thessaloniki versetzt wurde. Vogel durchdrang den Balkan damals bereits mit jenem Kennerblick, der ihn einige Jahre später zur Führung der SOG befähigte: „Man gewöhnt sich auch an Nächte mit Moskitos, an die traurigen Schreie der Esel und Katzen, an komisch eingeschraubte Mädchenbeine, aber schwerer schon an dreckige Tischtücher und die geradezu unbeschreibliche Faulheit dieser Burschen hier, die von uns auch noch ernährt werden wollen“, schrieb er an das Reichspropagandaamt.

Doch was genau hat Vogel in Thessaloniki getan? In Zeitungsartikeln und Büchern wurde er als Freund und späterer Fluchthelfer des SS-Sadisten Alois Brunner bezeichnet, der rechten Hand Adolf Eichmanns bei der Judenvernichtung. Wie haltbar sind diese Vorwürfe? Aus der Akte im Bundesarchiv ist nur zu ersehen, dass das Propagandaministerium am 22. Mai 1942 ein „ausführliches politisches Gutachten“ zu Vogel anforderte und am 17. Juli die in der Akte Vogel abgelegte Antwort festhalten konnte: „Laut Auskunft der Gauleitung Berlin der NSDAP ist der Vorgenannte politisch einwandfrei.“ Es ist der vorletzte Eintrag der Akte. Sie endet mit einem Vermerk vom 26. März 1943, laut dem „Sonderführer Rudolf Vogel“ seit dem 1. März 1943 nunmehr als „Sachbearbeiter mit besonderen Fachkenntnissen“ in Thessaloniki eingesetzt sei.

Was hat der Vermerk zu bedeuten? Steht er im Zusammenhang mit dem positiven Ergebnis der Prüfung von Vogels politischer Zuverlässigkeit? Was könnte die Aufgabe eines „Sachbearbeiters mit besonderen Fachkenntnissen“ in Thessaloniki im März 1943 gewesen sein? Der März 1943, so viel steht fest, war der dunkelste Monat in der Geschichte Thessalonikis. SS-Hauptsturmführer Alois Brunner war im Februar in die Stadt gekommen, um in Eichmanns Auftrag die „Endlösung“ vorzubereiten. Gestützt auf lokale Helfer, arbeiteten Brunner und seine Leute äußerst zügig. Mitte März 1943 begann die Deportation von fast 50.000 Juden aus Thessaloniki nach Auschwitz. Sollte der „Sachbearbeiter mit besonderen Kenntnissen“ zu der Gruppe mit der Stadt vertrauter Besatzer gehört haben, die Brunner bei der Abwicklung des Menschentransports unterstützte?

Im Archiv der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Verfolgung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg findet sich dazu im Vorgang „B 162/19723“ ein Schreiben des damaligen Redakteurs der Münchner „Abendzeitung“, Hans Riehl, vom 21. November 1961: „Aus Damaskus erreichte uns die Nachricht, dass der ehemalige SS-Hauptsturmführer Alois Brunner von der neuen syrischen Regierung mit dem ehemaligen syrischen Geheimdienst-Chef Sarratsch vor Gericht gestellt wird. Brunner war zeitweise im Reichssicherheitshauptamt als Judenreferent in der Abteilung Eichmanns tätig und lebte nach Angaben des Instituts für Zeitgeschichte bis 1954 in Hamburg. Dort bekam er von seinem Duzfreund, dem damaligen Bundestagsabgeordneten Vogel (wir nehmen an Dr. Rudolf Vogel, CDU) eine Fahrkarte nach Damaskus.“

Eine folgenschwere Meldung

Dass Brunner in Damaskus jahrzehntelang unbehelligt als „Dr. Fischer“ lebte, ist ebenso belegt wie der Umstand, dass er auch nach 1945 einflussreiche Gönner in Deutschland hatte. Aber wie belastbar ist der unter anderem in der „Zeit“ und der „taz“ insinuierte Vorwurf, der 1963 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Vogel sei Brunners „SS-Kamerad“ gewesen und habe einem der übelsten Kriegsverbrecher des NS-Regimes zur Flucht verholfen? Laut Angaben aus Ludwigsburg gibt es Hinweise, dass Vogels Name den Ermittlern in Verfahren „wegen der Beteiligung von Angehörigen des Auswärtigen Amtes an der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik in den deutsch besetzten Gebieten“ auffiel. Aber Hinweise sind keine Beweise. Durch eine systematische Auswertung des zehn Aktenordner umfassenden Vorgangs in Ludwigsburg wird sich vielleicht be- oder entlastendes Material finden lassen, doch anders als viele andere Vorwürfe gegen Vogel lässt sich die Behauptung, er sei direkt in die NS-Vernichtungspolitik verwickelt gewesen, einstweilen nicht beweisen.

Das vorhandene Material gibt allerdings mehr als genug Anlass zu der Frage, warum die damals Verantwortlichen der SOG ihren Journalistenpreis 1991 ausgerechnet nach einem NS-Propagandisten benannten, dessen Vergangenheit jedem, der es wissen wollte, bekannt sein konnte - zumal es kein Geheimnis war, dass Vogel, der 1949 für die CDU in den Bundestag gewählt wurde und ihm bis 1964 angehörte, im Nachkriegsdeutschland seine in Belgien für das Tausendjährige Reich ausgeübten Fertigkeiten als Zensor nicht eingebüßt hatte. Im ersten Deutschen Bundestag wurde er Vorsitzender des Ausschusses für Presse, Rundfunk und Film. Schon 1953 veröffentlichte der „Spiegel“ zwar einen beißenden Text über Vogels Vergangenheit als brauner Jubelskribent, doch der Artikel erhielt nur wenig Aufmerksamkeit.

Hätte Vogel sich damals klug verhalten, wäre wohl bald Gras über die Sache gewachsen. Doch dann druckten die „Bremer Nachrichten“ am 26. Juni 1954 eine folgenschwere Meldung ihres Bonner Korrespondenten Horst Flügge. Flügge schrieb über einen von Bundeskanzler Adenauer geplanten „Koordinierungsausschuss für Verlautbarungen der Bundesregierung“, der bei Journalisten den Verdacht geweckt hatte, hier solle ein Instrument zur Zensur geschaffen werden. Vogel gehörte zu den Verfechtern des Ausschusses und koordinierte eine Unterschriftenaktion in der CDU-Fraktion, über die es in der Meldung heißt: „An der Spitze der Unterzeichner steht der CDU-Abgeordnete Dr. Vogel, der im vergangenen Jahr nach scharfen Angriffen wegen seiner Beteiligung an der Propaganda des Dritten Reiches seinen Posten als Filmbeauftragter der Bundesregierung niedergelegt hatte.“

Die Zeiten hatten sich doch geändert

Der Hinweis auf seine Vergangenheit brachte Vogel in Rage. Noch am gleichen Tag schrieb er an Hans-Joachim Kausch, den Chefredakteur der „Bremer Nachrichten“. Man kannte sich noch aus der Zeit vor 1933, als Kausch der Berliner Redaktion der „Schlesischen Zeitung“ angehörte, deren zeitweiliger Schriftleiter Vogel war. Unter der Anrede „Mein lieber Kausch“ schrieb Vogel, dass Flügge „ein ausgesprochener SPD-Mann“ und „einer der Haupttreiber in der Bundespressekonferenz gegen die Regierung“ sei. „Selbst wenn ich das allein in Rechnung stelle, muss ich mich doch ernstlich fragen, wie groß Dein Einfluss in Deiner Zeitung sein muss, wenn Du nicht in der Lage bist, einen solchen Satz persönlicher Verunglimpfung zu entfernen. Ich bin sehr gespannt, was Du mir darauf antworten wirst. Wäre es aber nicht für eine Zeitung wie die Eure des Überlegens wert, die Frage ihrer Bonner Vertretung einmal zu überprüfen?“

Ein Erpressungsversuch, der allerdings einige Aussicht auf Erfolg zu haben schien, denn Kausch war wie Vogel Kriegsberichterstatter für Goebbels’ Propagandamaschine gewesen und hatte dort natürlich reichlich NS-Propaganda verzapft. Vogel konnte also damit rechnen, dass Kausch es keineswegs gern gesehen hätte, wenn nun auch seine Vergangenheit an die Öffentlichkeit geraten wäre. Erfüllt von jener „tiefen Abneigung gegen Falschheit und Intrigen“, für den ihn Walter Althammer in seinem Nachruf pries, schloss Vogel seinen Brief mit einem Angebot: „Ich könnte Dir zur Person Flügge noch einiges mündlich sagen, was Dich vielleicht interessieren würde. Mit vielen Grüßen, Rudolf.“

Doch die Sache endete böse für Vogel. Kausch tat nicht, was sein Kamerad erwartet hatte. Statt seinen Korrespondenten in die Wüste zu schicken, übergab er Vogels intriganten Brief an die Bundespressekonferenz. Der „Spiegel“ druckte ihn als Musterbeispiel für Versuche, die freie Berichterstattung einzuschränken. Nachdem sich auch der Vorstand der Bundespressekonferenz über „eine versuchte Einmischung von Abgeordneten in die Arbeit der Presse“ beschwert hatte, waren Vogels Tage im Presseausschuss des Bundestages gezählt. Die Zeiten hatten sich eben doch geändert.

Viele Fragen bleiben offen

Und heute? Gewiss: Hunderte Journalisten haben zwischen 1933 und 1945 so geschrieben wie Vogel, und Hunderttausende Deutsche haben so gedacht. Aber sind das die Maßstäbe, an denen sich der Namensgeber eines Journalistenpreises in der Bundesrepublik messen lässt? Eine unangenehme Frage müssen sich zudem die Preisträger der Rudolf-Vogel-Medaille gefallen lassen - zumindest jene, die sie, wie auch der Autor dieser Zeilen, nach 2005 bekommen haben. Denn seit Mai 2005 gibt es einen Wikipedia-Eintrag zu Vogel, der vom ersten Tag an die Behauptung enthielt, Vogel sei „SS-Mitglied der Propagandastaffel in Saloniki“ gewesen und gelte „als einer der Fluchthelfer des Kriegsverbrechers Alois Brunner“. Zwar ist das Internetlexikon als Quelle kein Beweis - aber hätte das nicht wenigstens Anlass zu Fragen geben müssen?

Offenbar hielt es außer Andreas Ernst nicht einer der geehrten Journalisten für nötig, sich über den Namensgeber des empfangenen Preises zu informieren. Womöglich deshalb, weil die SOG eine seriöse Organisation ist und die Liste der Preisträger seit 1992 lauter Namen von anerkannten Journalisten enthält, an deren demokratischer Grundhaltung kein Zweifel besteht. Die zentrale Frage müssen aber die SOG und das Auswärtige Amt beantworten: Wie konnte es geschehen, dass ein Mann wie Rudolf Vogel zum Namensgeber eines Journalistenpreises wurde? Dass der Preis künftig anders heißen soll, ist selbstverständlich. Aber es bleiben viele Fragen offen.

Dokumentation: Auszüge aus dem journalistischen Werk von Rudolf Vogel

Die Träger der Vogel-Medaille

1992 Johannes Grotzky, Leiter des ARD-Hörfunk-Studios Wien
1993 Georg Paul Hefty, Ressort Innenpolitik der F.A.Z
1994 Dietrich Schlegel, Leiter der Programmdirektion Südosteuropa der Deutschen Welle
1995 Klaus Liebe, Leiter der Programmgruppe Zeitgeschichte des WDR-Fernsehens
1996 Jens Schneider, Ressort Außenpolitik, Süddeutsche Zeitung
1997 Evangelos Antonaros, Springer-Auslandsdienst, Büro Athen
1998 Renate Flottau, Korrespondentin des Spiegel, Belgrad
1999 Norbert Mappes-Niediek, Korrespondent der Frankfurter Rundschau, Graz
2000 Bernhard Küppers, Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, Belgrad
2001 Matthias Rüb, Korrespondent der F.A.Z, Budapest
2002 ---
2003 Cyrill Stieger, Auslandsredaktor der Neuen Zürcher Zeitung,
2004 Gerd Höhler, Korrespondent der Frankfurter Rundschau, Athen
2005 Peter Miroschnikoff, Leiter des ARD-Studios Wien
2006 Thomas Brey, Bürochef der dpa, Belgrad
2007 Michael Martens, Korrespondent der F.A.Z, Belgrad
2008 Christiane Schlötzer, stellvertretende Ressortleiterin Außenpolitik, Süddeutsche Zeitung
2009: Ursula Rütten, freie Journalistin, WDR
2010: Richard Swartz, Schriftsteller, Osteuropa-Korrespondent des Svenska Dagbladet.
2011: Adelheid Wölfl, Ressort Außenpolitik, Der Standard
2012: Kai Strittmatter, Korrespondent Süddeutsche Zeitung, Istanbul

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2013: Andreas Ernst, Korrespondent Neue Zürcher Zeitung, Belgrad (Ernst lehnte es unter Verweis auf Vogels Vergangenheit ab, den Preis anzunehmen. Der Preis wurde daraufhin in „Journalistenpreis der Südosteuropa-Gesellschaft“ umbenannt.)

Quelle: F.A.S.
Michael Martens
Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.
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