FAZ plus ArtikelDie CDU und die AfD

Merkels folgenschwerer Fehler

Von Eckart Lohse, Berlin
Aktualisiert am 11.02.2020
 - 06:41
Als Gespann gescheitert: Annegret Kramp-Karrenbauer und Angela Merkelzur Bildergalerie
Angela Merkel hatte nie den geringsten Zweifel, dass die CDU sich nach rechts kompromisslos abgrenzen müsse. Das danken ihr viele Wähler bis heute. Aber sie machte einen Fehler, der sich nun rächt.

Ende vorigen Jahres traf sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in einer kleinen sächsischen Stadt mit einem Dutzend politisch interessierter und zum Teil aktiver Bürger. Der Stadt geht es wirtschaftlich gut, die Arbeitslosigkeit ist niedrig. Die AfD steht bei 30 Prozent. Nur einer der Bürger, die am Tisch mit dem Präsidenten saßen, war als AfD-Mitglied bekannt, anderen zeigten Sympathien für andere Parteien oder gehörten ihnen sogar an. Man sprach offen über die Dinge, die funktionierten, vor allem aber über solche, die nicht gut liefen. Alle argumentierten ruhig. Die Mehrheit der Anwesenden machte klar, dass sie die Existenz der AfD nicht für problematisch hielten. Sie zeigten deutliches Verständnis für Wähler, die sich für die Partei am rechten Rand entschieden hatten, weil sie unzufrieden waren, aus unterschiedlichsten Gründen. Nach einigen Stunden fuhr Steinmeier ratlos zurück nach Berlin.

Nach den Vorgängen in Thüringen um die missglückte Ministerpräsidentenwahl und immerhin drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung ist unübersehbar, dass sich zumindest zwischen erheblichen Teilen West- und Ostdeutschlands die Ratlosigkeit in Fassungslosigkeit verwandelt. In Ostdeutschland verstehen viele Menschen den aggressiven Anti-AfD-Reflex vieler Westdeutscher nicht. Diese wiederum schütteln den Kopf, dass eine so große Zahl von Menschen im Osten bei der AfD nicht automatisch an den Nationalsozialismus und Auschwitz denken und sich entsprechend angewidert abwenden. Als sei der Konflikt aus sich heraus nicht schon brisant genug, schüren ihn überwiegend aus dem Westen stammende politische Zündler der AfD wie Björn Höcke, Alexander Gauland oder Andreas Kalbitz nach allen Regeln der politischen Zersetzungskunst. Die Wahl des FDP-Politikers Kemmerich ist der bisherige Höhepunkt beim Anfachen dieses gefährlichsten Brandherdes der deutschen Politik.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lohse, Eckart
Eckart Lohse
Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.
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