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Organspende-Debatte

Zwei Männer, zwei Meinungen

Von Florentine Fritzen
Aktualisiert am 15.01.2020
 - 18:26
Hermann Gröhe
Am Donnerstag stimmt der Bundestag über zwei gegensätzliche Organspende-Entwürfe ab: Hermann Gröhe setzt auf die freie Entscheidung bei der Organspende. Ulrich Pohl ist Pfarrer und für die Widerspruchslösung. Verkehrte Welt?

Der eine findet eine „gewisse Einschränkung“ der Freiheit verantwortbar. Der andere wirbt für ein „beharrliches Anklopfen“ ohne Zwang. Es geht um die Organspende, und beide Männer sprechen darüber, weil der Bundestag am Donnerstag über zwei zutiefst verschiedene Entwürfe abstimmt. Der eine ist Pastor, der andere Abgeordneter der CDU mit jahrelanger Erfahrung als Bundesgesundheitsminister, und es ist genau andersherum, als man denken könnte. Der Gesundheitspolitiker setzt auf freie Entscheidung, während der Pfarrer dafür ist, dass alle erwachsenen Deutschen automatisch Organspender sind, falls sie nicht ausdrücklich widersprechen. Deshalb lohnt es sich, ausgerechnet mit diesen beiden zu reden.

Sie heißen Hermann Gröhe und Ulrich Pohl. Pfarrer Pohl ist, anders als seine evangelische Kirche, für die Widerspruchslösung. Gröhe dagegen will die gültige Entscheidungslösung weiterentwickeln. Dann würde jeder Bürger nachdrücklicher als bisher gefragt, und zwar persönlich auf dem Amt und beim Arzt: Willst du Organspender sein? Damit stellt Gröhe sich gegen seinen Parteifreund und Minister-Nachfolger Jens Spahn, den prominentesten Widerspruch-Befürworter. Bei der Entscheidungslösung ist Annalena Baerbock von den Grünen die bekannteste Vertreterin.

„Deshalb öffnen manche im Sterbezimmer auch ein Fenster“

Gröhe spricht ausführlich vom Selbstbestimmungsrecht, das im Grundgesetz geschützt ist. Die Widerspruchslösung stelle es in Frage. „Dieses Selbstbestimmungsrecht muss man sich nicht verdienen, nicht einmal dadurch, dass man einer wünschenswerten Beschäftigung mit der Organspende nachkommt und eine Entscheidung trifft.“ Auch wer sich weigere, sich damit zu befassen, behalte das Recht. „Er wird nicht gleichsam vergemeinschaftet, indem dann das Gemeinwesen Zugriff auf seine Organe nach dem Tod erhält.“

Das Selbstbestimmungsrecht gehört zu einem christlichen Menschenbild. „Es ist aber auch der Anker unserer Medizinethik und unserer Patientenrechte“, sagt Gröhe. „Es ist sicherlich bemerkenswert, dass die beiden großen christlichen Kirchen in großer Eindringlichkeit vor der Widerspruchslösung warnen.“

Pastor Pohl dagegen sieht die Widerspruchslösung als das kleinere Übel angesichts der vielen Menschen, die vergeblich auf eine Organspende warten. „Täglich sterben Menschen, weil kein Organ verfügbar ist.“ Der Pfarrer hat damit viel zu tun. Er ist Vorsitzender der Stiftung Bethel, die auch Krankenhäuser betreibt. Wenn jemand sein Herz, seine Lunge oder seine Leber zur Verfügung stellt, ob aus christlicher oder anderer Überzeugung, ist das für ihn ein Akt der Nächstenliebe. Aber würde die Widerspruchslösung dann nicht kollektiv Nächstenliebe verordnen, nach dem Motto: Wer sich der offiziell für richtig erachteten Nächstenliebe hier bei uns entziehen will, der muss explizit nein dazu sagen? Das sieht Pohl nicht so. Für ihn geht es vielmehr um die Freiheit, nein zu sagen. Wer nicht spenden will, soll in ein Online-Register eingetragen werden. Auch bei der Entscheidungslösung soll es ein Register geben. Aber darin würden nicht die Verweigerer vermerkt, sondern jene, die zur Spende bereit sind – und bei welchen Organen.

„Ich denke, dass auch jemand, der seine Organe nicht spendet, dafür gute Gründe haben kann“, sagt Pfarrer Pohl. Manche religiöse Menschen möchten beim Leben nach dem Tod nicht auf ihre Körperteile verzichten. Allerdings herrscht in der Kirche die Meinung vor, dass die Seele den Leib nach dem Tod verlässt, mittelalterliche Kunst zeugt davon. „Deshalb öffnen manche im Sterbezimmer auch ein Fenster.“

Der Pfarrer hatte sich zunächst gar nicht mit der Widerspruchslösung beschäftigt. Das begann erst, als er in den Bethel-Krankenhäusern Ärzte als Transplantationsbeauftragte einsetzte. Auch Gröhe spricht viel mit Medizinern. Er versteht es, wenn sie und auch Selbsthilfegruppen sagen: Wir müssen wirklich alles versuchen, um die Zahl der Spenden zu erhöhen. Aber darin lägen auch Risiken. „Daher sollten wir auch nicht den Eindruck erwecken, gleichsam alles tun zu wollen, Hauptsache, wir kommen zu mehr Organen. Das gefährdet sonst das Vertrauen in die Organspende.“

Gröhe zufolge gibt es auch gar keine Veranlassung, das Selbstbestimmungsrecht in Frage zu stellen „und eine Zustimmung zu unterstellen, wenn kein Widerspruch erfolgt“. Denn an Zustimmung fehle es gar nicht. Er sieht ein „Umsetzungsproblem“. In mehreren tausend Fällen im Jahr werde ein Hirntod nicht diagnostiziert. Diese möglichen Organspender bleiben also unerkannt. „Da müssen wir besser werden.“ Deswegen ist der wichtigste Schritt aus Gröhes Sicht schon getan, und zwar sehr einmütig: das Gesetz zur Stärkung der Zusammenarbeit und der Strukturen in der Organspende.

Pohl berichtet jedoch, dass das Gesetz bei der Finanzierung bisher nicht ausreichend wirke. Vor allem abgebende Krankenhäuser machten Verluste. „Das ist ja ein ziemlicher Aufwand, was da an Beurteilung und technischem Aufwand nötig ist, um Organe so zu erhalten, dass sie noch spendbar sind.“ Gröhe sagt, wie auch die Aufklärung sei die Umsetzung neuer Gesetze „ein nie abgeschlossener Prozess“. Die Rufbereitschaft für die Hirndiagnostik gerade in kleineren Kliniken wird erst aufgebaut. Aber die seit April 2019 gültigen Regeln sollen laut Gröhe bald erstmals bewertet werden.

Knappe Abstimmung am Donnerstag erwartet

Wenn Angehörige nicht wissen, was der Verstorbene wollte, wird bei der Widerspruchslösung vorausgesetzt, dass der Tote nichts gegen eine Spende hatte. Das finden viele verwerflich. Pohl hält dagegen: „Es gibt vielleicht Verstorbene, die ihre Organe gespendet hätten, das aber nie festgelegt haben.“ Täglich stürben Menschen, die vergeblich auf eine Spende gewartet hätten. Deshalb haben die Entscheidungsbefürworter für ihn das schwächere Argument.

Im Bundestag entscheidet an diesem Donnerstag jeder Abgeordnete für sich, es wird namentlich abgestimmt. „Es gibt keine Meinung eines Ministeriums oder einer Fraktion, sondern es positionieren sich Parlamentarier“, sagt Gröhe. Der Umgang bisher sei respektvoll gewesen, er wolle die andere Seite nicht dämonisieren. „Ich verhehle aber nicht, dass ich eine Aufweichung des Selbstbestimmungsrechts für eine über die Frage der Transplantationsmedizin weit hinausgehende hochproblematische Entscheidung hielte.“

Nach allem, was aus den Abgeordnetenbüros zu hören ist, wird es bei der Abstimmung am Donnerstag knapp. Voraussichtlich wird erst über die Widerspruchslösung abgestimmt, weil dieser Entwurf stärker von der jetzigen Regelung abweicht. Falls er abgelehnt wird, könnten manche Befürworter anschließend auf die Entscheidungslösung umschwenken, weil diese die bisherigen Regeln immerhin verschärfen würde. Denn alle sind sich einig: Was bisher geschieht, ist zu wenig.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Fritzen, Florentine
Florentine Fritzen
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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